Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229060--68919-3281203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Daun gingen die beiden Mädchen. Schweigend schritten sie die staubige Chaussee entlang. Endlich sagte Lotte aus tiefem Nachdenken heraus: „Du, ich möchte deinen Bruder einmal allein sprechen. Aber morgen geht es leider nicht. — Vielleicht kann ich Einfluß auf ihn gewinnen. Vielleicht fagt er mir, was er euch verschweigt. Du sagst doch, er dichte?" „Ja," nickte Erna. „Er ist ja überhaupt ein selten kluger, begabter Mensch. Aber er arbeitet nicht ernst, er möchte sich nur unterhalten, schwärmt die Nächte durch! Ach, es ist: schrecklich!" „Es ist wirklich nicht zu glauben. Die heutigen jungen Leute. Oder treibt ihn etwas anderes? Vorhin war etwas in seinem Gesicht. — Du willst schon gehen. Liebste? Na, sage vorläufig noch nichts, Erna. Leb wohl." Den ganzen Abend dachte Lotte nach, wie sie sich Walter am besten nähern könne. In jenem Augenblick, da sich ihre Blicke getroffen, war die Frage in ihr wach geworden, ob er wirklich der leichtsinnige, unbekümmerte Mensch wäre, der das Geld seiner Eltern verbrauchte, als der er zu Hause galt. Sie hatte in seinen Augen etwas gesehen wie heimliche Sehnsucht, wie heimliches Verlangen nach Erlösung, nach Freiheit. Und dies war ihr verwandt! Auch in ihrer Seele lebten Fragen, die Antwort begehrten, auch in ihr war die Sehnsucht wach, Menschen zu finden, die über die eine oder andere Frage nachgedacht, die sich klar geworden, oder andere, die noch suchten. Zu diesen letzteren gehörte er allem Anschein nach. Und ihr Wunsch, zu hören, wie er suchte, wurde immer lebhafter. Aber wie ihn allein sprechen? Sie war ja ein Mädchen, ein wohlerzogenes Mädchen aus den besseren Kreisen der jüdischen Gesellschaft, in der der junge Mann und das junge Mädchen meist nur näher verkehren können, wenn die Heirat . als lockendes Ziel in der Ferne winkt. Ein harmlos kameradschaftlicher Verkehr, wie sie ihn sich dachte, war fast unmöglich, du die lieben Philiströsen Kleinstädter ja in jedem jungen Paare, das nur einigemal zusammen spazieren ging, sogleich das künftige Brautpaar witterten. Und was würde Walter, von dem'sie wußte, daß er diese Anschauung gut kannte, ja teilte, daß er höchstens später als Heiratskandidat unter ihresgleichen prüfend Umschau halten würde, um eine möglichst reiche und gute Partie zu machen, von ihr denken, wenn sie aus der Reserve trat, die eine Mauer um das Mädchen zieht? Wenn sie den ersten Schritt ihm entgegen wagte. Würde er nicht anderes vermuten, als einfach menschliches Interesse? — Und dann, würde er sie nicht zurückweisen, da er doch Mutter und Schwester gegenüber verschlossen war? Doch je mehr Zweifel sich erhoben und ihr plötzlich erwachtes Interesse Niederdrücken wollten, desto heißer und brennender wurde der Wunsch. Bis er sie vollkommen beherrschte. Da entschloß sie sich, ihm zu schreiben. Aber sie schickte den Brief nicht ab. Und als sie ihm am anderen Tage zufällig auf der Straße begegnete und erfuhr, daß er noch einige Tage zur Vertretung in der Apotheke bleibe, war sie dessen froh. Während , sie einige Minuten plauderten, studierte sie sein Gesicht. Dies magere, blasse Antlitz mit der niedrigen Stirn, in welche die glatten, weichen, schwarzen Haare fielen, den klugen, dunklen Augen, dem spöttisch sich kräuselnden, sinnlichen Munde unter dem ein wenig hängenden Schnurrbarte. Etwas Weiches, Träumerisches, Unsicheres lag über ihn gebreitet und fprach sich auch in der schlanken, schmiegsamen, mittelgroßen Gestalt aus. > Sie sah ihn lange an und fand ihre Vermutung bestätigt. Und es war ihr,. als- Fähe,sie ihn heute zum erstenmal. Einen neuen Menschen. Nicht den Bruder ihrer Freundin. Da sagte sie mit leise zitternder Stimme zu ihm: „Haben Sie morgen eine Stunde Zeit?" Erstaunt wandte er ihr fein Gesicht zu. Und, was ihm schon -gestern aufgefallen, daß sie ein feines, schönes Gesicht hatte, und Augen, in deren Tiefe Leidenschaft und kindliche Träumerei eng beisammen wohnten — fesselte ihn heute noch mehr. Höflich sagte er: „Ich habe morgen um vier Uhr Ausgang, ich muß mir manches besorgen. — Warum — Fräulein Lotte?" „Ich-ich-wir könnten — dann — vielleicht — zusammen — — spazierengehen?" Gott sei Dank, es war heraus. Leicht waren die Worte ihr nicht geworden. Sie atmete tief auf und hob -den Kopf. Wieder ruhten ihre Augen wie am Tage vorher ineinander. Dann nickte er kurz, reichte ihr die Hand, umschloß die ihre mit festem Druck und ging. (Fortsetzung folgt.) Nallr. Erzählung von Georg I. Plotke. (Schluß.) urz vorher kam Max aus einer beruflichen Reise nach Prag, glücklich die Schwester wiederzusehen, mit der er ihren Zweiundzwanzigsten Geburtstag feiern wollte. Die Geschwister verbrachten diese Geburtstage, mit denen sich ihnen das Andenken an den Tod der Mutter unlöslich verknüpft hatte, immer in einer stillen Beschaulichkeit. Schon früher hatte die Schwester Max über Gutewfki erzählt. Als nun am Geburtstagsmorgen der Bruder ihre Stirn küßte, schlang sie in auswallender Zärtlichkeit die Arme um seinen Hals und erzählte ihm von ihrer heimlichen Verlobung. Max, der über Gutewskis Familie und Persönlichkeit genau Bescheid wußte, war zumute, als wäre er vor den Kopf geschlagen. Eine namenlose Angst überkam ihn. Er sah seine Schwester einer ganz fremden, einer feindlichen Gewalt hingegeben und ahnte, daß hier der Punkt sei, an dem sein Leidensweg nicht mehr einsam bleiben könnte, da auch sie ihn gehen werde. Aber er äußerte nichts von den blitzschnell aufzuckenden Empfindungen und bat nur die Schwester, die betreten den tiefen Ernst in seinem Gesicht sah,-ihn, wenn Gutewski käme, mit diesem allein zu lassen. Gutewski trat ein, sah den Bruder seiner Braut und legte mit einer plötzlichen nervösen Bewegung den mitgebrachten Blumenstrauß auf ein Taburet. Max empfing ihn mit gewohnter Zurückhaltung, und es entspann sich ein wortkarges Gespräch zwischen den beiden, in dem die Beziehungen Gutewskis zu Dorothea nicht berührt wurden. Aber Gutewski stieg das Blut allmählich in den Kopf, während Max erdfahl wurde. Ein widerliches Gefühl kam in ihm hoch; er empfand, daß ihn Gutewski anschaute, als sei er eine kranke Spinne, befremdet, ja entsetzt. Und zugleich war ihm, als sei er ein jagdbares Tier, er mit all feiner Qual, und Gutewski fei einer von den Jägern. Diese Gettogedanken quälten ihn, während Gutewski nicht wußte, ob Mitleid oder Widerwille in ihm wogten. Dies war also der Bruder seiner leuchtenden Braut. Daß es doch auch ein Adel sei, der diese verkrüppelte Gestalt beseelte, das fühlte er wohl. Und doch ein fy unendlich fremder Adel, etwas so grauenhaft Gehetztes lag in diesem Menschen. Und als er sich schnell erhob, er der Sichere und Weltkennerische zum erstenmal ganz zerfahren und verstört, um hilflos