Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ihr müßt!" Bäcker sieht ein, daß er einlenken muß. Er hatte bitter nötig, die Ochsen zu verkaufen, um sein Saatgut zu bezahlen, und der Fleischer besaß offenbar keinen „Luch"^), ja, wußte nicht einmal, was dies für ein Ding war. Am Festtage Vieh zu übergeben, war nicht möglich; aber in der nicht ganz irrigen Annahme, daß für Geld aus dieser Erde vieles feil sei, entschloß er sich seufzend zu einem für ihn nicht unerheblichen Pekuniären Opfer. „Es geht wirklich nicht, Don Luigi," Hub er an, „aber wenn Ihr darauf besteht, so will ich Euch für Euren Galopp entschädigen, und Ihr kommt morgen wieder." „Meinetwegen," brummte dieser, „für mich verlange ich nichts; aber meine beiden Leute kosten mir 7 Pesos." „Drei werden auch sein genug!" „Was denkt Ihr, Freundchen! Aber weil Ihr es seid, will ich mich mit fünf begnügen." „Abgemacht, Don Luigi." „Gut, Don Leon, also auf morgen!" Der Fleischer mit seinen Leuten grüßt und reitet davon. „Ein fanatisches und geiziges Volk, diese Russen," murmelte er vor sich hin, „nicht einmal einen Schluck Wein bieten sie einem an ihrem Feiertage an." Offenbar war der brave Schlächter in seiner von Antisemitismus noch nicht angehauchten Unschuld der Meinung, daß alle Bussen Juden, und alle Juden Russen seien; ebenso wie er überzeugt zu sein schien, daß das Versöhnungsfest zu Ehren der Jungfrau Maria abgehalten würde, und mit einem kräftigen Trünke gefeiert werdep müsse. Inzwischen nahm trotz der zunehmenden Schwüle der Gottesdienst seinen Fortgang, und der Vorbeter Hatte bereits das Musaph-Gebet^) begonnen, da erscholl im Frauenraum ein Klirren der Fensterscheiben, ein Schrei und zur gleichen Zeit erfüllt ein Pestilenzartiger Gestank das ganze Haus. Alles stürzt zu den Weibern. Die junge Frau Silberberg, welche sich in gesegnetem Zustande befindet, liegt ohnmächtig in den Armen ihrer ebenfalls erschrockenen Nachbarinnen; eine Fensterscheibe ist zerbrochen und verschiedene Mädchen sind durch die herumsliegenden Splitter leicht verletzt. — Was hätte sich ereignet? — Eine Stinkkatze — ein niedliches, dem Eichhörnchen ähnliches Tier, das aber aus seinen Hinterdrüsen eine ätzende, übelriechende Flüssigkeit ausschleudern kann — war durch eine der geöffneten Türen unbemerkt hereinspaziert und wollte, durch den Anschlag eines Hundes erschreckt, durch das Fenster flüchten. Aber, mit den Erfindungen der modernen Welt wenig vertraut, taumelte es gegen die Scheiben und durch das Geklirr des zerbrechenden Glases erregt, spritzte es sein duftendes Parfüm aus, ehe es den Schauplatz seiner Heldentaten verließ. Die Männer hatten alle Mühe die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, die Ohnmächtige wieder zu sich zu bringen, und sie nebst ihren Mitschwestern zu überzeugen, daß kein großes Unglück, sondern nur ein kleines Mißgeschick sich ereignet habe. Noch war dies kaum gelungen und man wieder zur Andacht zurückgekehrt, da ertönte . ein gewaltiger Schlag, der diesmal wirklich das ganze Haus erbeben ließ. Ein lähmender Schreck erfaßte im ersten Augenblick die ganze Gemeinde, als aber gleich daraus ein prasselndes Geräusch wie fernes Gewehrfeuer vom Wellblechdache sich vernehmen läßtda leuchten alle Augen auf und statt des Angstschreies erschallt von allen Lippen der Jubelruf: „Der Regen! Der. Regen! Der Ewige sei gebenscht^)! Die Koßetsche ist gerettet." . Und wirklich war, unbemerkt durch den von der Stinkkatze ange- Luch — jüdischer Kalender, in dem die israelitischen Feiertage angemerkt sind. v . 22) Mu-saph-Gebet — Nachmittagsgebet. 2») Gebenscht — gesegnet. richteten Tumult, plötzlich, wie so häufig in südlichen Breiten, eine schwarze Wolkenwand am Horizont aufgestiegen, hatte sich schnell vergrößert und entlud sich jetzt in Form eines starken Gewitters. Mann und Weib, groß und klein wußten, daß schon morgen die junge Weizensaat kräftig emporsprießen, der jüngst gesäte Mais keimen würde, und daß in wenigen Tagen es eine reichliche Weide für Kühe und Pferde gäbe. Mit Wollust saugt ein jeder den kräftigen Geruch/des feuchten Erdreichs auf, und als unter Blitz und Donner, Sturm und Regen das Schofar ertönt, da zweifelt niemand in der frommen Gemeinde, daß der. Ewige als sichtliches Zeichen seiner Verzeihung gerade zum Schluß des Versöhnungsfestes das segenspendende Naß vom Himmel herabgesendet habe. Selten wohl quoll aus so vollem Herzen wie diesmal das Dankgebet empor: „Nein, er ruhet nicht, er schlummert nicht, der Hüter Israels." Molk (Mron) Mimir. . H2 s ist nicht Sabbat heute und nicht Neumond, nicht, ein Tag der Erinnerung an Adolf Jellinek; warum dennoch seiner gedenken? Ich antworte: Ich bin-ein alter Mann und weiß nicht, ob ich noch einen Gedenktag dieses heute Halbvergessenen erleben werde. — Und überdies: Secher Zadik liwrocho, „das Gedenken eines Frommen gereicht zum Segen", jeder Zeit und ganz besonders der unsrigen. Und da. der heutigen Gemeinde „Stimmen" gern schweigen über diesen Mann und seine -Zeit, welche das Frühlingserwachen des österreichischen Judentums mit Macht ankündigten, so will ich ein Wort der Erinnerung für Adolf Jellinek einlegeru - Adolf Jellinek war der geborene Prediger, der Prediger im wahrsten und edelsten Sinne. Er wäre es geworden, auch wenn er als Millionär das Licht der Welt erblickt hätte, oder durch die Verhältnisse in einen anderen Beruf geraten wäre. Er wäre es geworden, selbst wenn er durch ein Rabbinerseminar gegangen wäre, wovor ihn aber das Schicksal bewahrte, da es ein solches damals, wo dem Judentum die gelehrtesten und bedeutendsten Rabbiner geschenkt wurden, noch nicht gab. Ja, er wäre es gewesen, hätte er in einer menschenleeren Wüste gelebt. Und er ist es geworden, obgleich sein Sprechorgan, ähnlich jenem unvergleichlichen griechischen Redner des Altertums, von der Natur stiefmütterlich bedacht war. — Ich sagte, er hätte auch in der Wüste gepredigt. Nun, im Anfänge seiner Predigerlausbahn tat er es in Wirklichkeit: er predigte gewaltig, aber vor leeren Bänken. Der sel. Religionsprofessor — Pardon: Religionslehrer Gerson Wolf, den Mannheimer gern zu seinem Assistenten und Nachfolger gehabt hätte, was aber durch Jellineks Berufung vereitelt wurde, war doch neidlos genug, jedem der es hören wollte, zu erzählen, daß er in jungen Jahren nach Leipzig gekommen, wiederholt den Tempel besucht habe, um seinen Landsmann Jellinek Predigen zu hören; und da habe dieser mit einer Begeisterung gepredigt, daß die durchaus leeren Bänke Leben zu bekommen und wie junge Lämmer zu hüpfen schienen. Der gottbegnadetste Prediger vermag eben eher Holz und Stein zu beleben, als Menschen von ihren Geschäften abzuziehen. Und trotz der leeren Tempelbänke in Leipzig wurde JeÜinek. von dem damaligen Wiener Kultusvorstande, der, ohne daß jener davon eine Ahnung gehabt hätte, vorher Experten nach Leipzig delegiert hatte, nach Wien berufen. Welch frisch pulsierendes religiöses Leben er in die Gemeinde gebracht, das jüdische Selbstbewußtsein gehoben, das schlummernde wissenschaftliche Streben geweckt; das läßt sich mit Worten nicht