Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
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schildern, man mußte es selbst miterlebt haben. Die Zeit war von Noah Mannheimer für Jellinek meisterhaft vorbereitet, sie war für seinen Geist reis geworden. „Noah war", wie dieser einmal von der Kanzel herab rühmte, „groß in seinem Zeitalter"; aber ein neues kam heran, und „jede Zeit hat ihren Mann, und jeder Mann hat seine Zeit", so predigte Jellinek, neidlos die großen Verdienste Mannheimers verherrlichend, daß dieser tiefergrissen, denselben noch während des Gottesdienstes in die Arme schloß und ans Herz Preßte. Und die neue Zeit, der Mannheimer die Wege bereitet hatte, sie konnte keinen besseren Mann finden als Jellinek es war.. Seine Predigt erhob, begeisterte, veredelte und erschütterte. Talmud und Midrasch begannen unter dem Hauche seines Mundes neue, wundersam prächtige Blüten zu treiben, stellten sich willig und freudig in den Dienst der neuen Zeit, der sie die herrschend gewordenen Ideen universeller Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aus der Seele sprachen, und wurden von den mit heiliger Scheu und Verehrung erfüllten Zuhörern, die solche eben erst aufblühende Weisheit nimmer in diesen uralten Werken vermutet hätten, angestaunt und bewundert. Wilhelm v. Gutmann, ein Mann, der für sein Leben gern gelehrten Umgang pstog und sich noch im reisen Mannesalter privatim religionsphilosophische Vorlesungen halten ließ, ries ein um das andere Mal aus dem Tempel kommend emphatisch aus: „Wir haben einen zweiten Jesaias gefunden!" Undwie mächtig belebte er die jüdische Wissenschaft, die damals zwar in Wien noch reichlich vertreten war, aber aus Mangel an einem sammelnden und anregenden Zentrum den Schlaf der Gerechten'schlummerte. Vom Zauberstab seines Geistes berührt, erwachte sie zu neuem Leben, und ehe sie sich noch die Augen munter gerieben, war sie unter Dach und Fach, und der Aaronsstab blühte, knospete und trug Früchte. Er schuf das Bet Hamidrasch. Was Wien nur damals an bedeutenderen, mit.der jüdischen Wissenschaft nur irgendwie in Berührung stehenden Gelehrten aufzuweisen hatte, sie alle folgten Jellineks Beispiel und hielten — ich möchte sagen — Hochschulkurse, die es damals in Wien noch lange nicht gab, im neugegründeten Bet Hamidrasch ab. — Aber auch talmudische Literatur im engeren Sinne sollte hier stabilen Sitz haben, damit auch Rabbiner, nicht gedrillt, sondern frei erzogen nach dem Vorbild der alten Jeschiboth, und zu selbständigem Forschen und Denken herangebildet würden. Ueberhaupt sollte jeder den Durst nach jüdischem Wissen hier stillen können. Zu diesem Zwecke stellte er zwei gewiegte Talmudisten als Lektoren an, denen er zwar Persönlich keine besonderen Sympathien entgegenbrachte, da sie eine andere Kultur als er hatten, deren talmudische Kenntnisse er aber hochschätzte. Es waren Talmudgelehrte, die bis dahin mit ihrem Wissen nichts anzusangen wußten, da ihnen moderne Schulung, Methode und. Kritik abging, und er verschaffte ihnen nicht bloß materielle Existenz; er lehrte sie — was noch mehr wog — wissenschaftlich forschen, Disziplin halten, zeigte ihnen die außertalmudischen Parallelen, in das Dunkel des Talmud hineinleuchtenden Quellen, die sie aussuchen, und die Wege, die sie gehen sollten. So wuchsen sie, seine Ratschläge beherzigend, allmählich in die moderne Zeit und in ihre Forschungsweise hinein und leisteten sehr Beachtenswertes, so daß man mit Recht von einer Wiener rabbinischen Schule sprechen durfte. Wieviel bedeutende, im Forschen unbeengte Rabbiner aus diesem Bet Hamidrasch hervorgegangen, und wieviel religiöses Wissen dieses Institut in Laienkreise hineingetragen, das kann nur der beurteilen, der mit offenen Augen sein Wirken und seine Erfolge beobachtet hat. — Dabei hatten die Rabbinatskandidaten Gelegenheit, durch wissenschaftliche Vorträge, zu denen sie von Jellinek angeregt wurden, sich für ihren künftigen Berus unter den Augen des Meisters vorzubereiten und anderseits. Vorträge anzuhören, welche tüchtige Rabbiner von auswärts hielten, die Jellinek zu gewinnen verstand, uni ihr Wissen zu bereichern. Ohne selbst ein grundlegendes wissenschaftliches Werk zu schassen — dahin ging eben seine große Begabung nicht — wurde Jellinek ein mächtiger Anreger, der aus jeder -schlummernden Begabung, die sein scharfes Auge rasch entdeckte, sprühende Funken herauszulocken verstand. Und das war sein großes Verdienst aus wissenschaftlichem Gebiet. — Kam man zu ihm, um sich über ein wissenschaftliches Thema, das man behandeln wollte, mit ihm zu besprechen, wurde man von ihm im Handumdrehen orientiert, sowohl über die Sache selbst als über die einschlägige Literatur, um die man sonst hätte Jahr und Tag streifen müssen. Denn er besaß ein erstaunliches Gedächtnis und eine ebenso erstaunliche Belesenheit. Keine nur irgendwie beachtenswerte literarische Erscheinung war ihm entgangen, ist ihm fremd geblieben, und er besaß eine ungemein reichhaltige Bibliothek ältester und neuester Werke. Man kann sich leicht vorstellen, was ein solcher, aus der Fülle seines Wissens sreudig Samen ausstreuender Gelehrter für einen wissenshungrigen Anfänger bedeutete. Ja, er ging in seiner Hilfsbereitschaft noch weiter: er lieh dem strebsamen jungen Forscher aus seiner eigenen Bibliothek wertvolle Bücher, selbst auf die Gefahr hin, sie, wie dies häufig geschah, nicht wieder zurückzubekommen und gab ihm die Kapitel an, die er für seine Arbeit zu studieren habe, ihm aus solche Weise dieselbe ungemein erleichternd und vereinfachend. Wie viele junge und auch ältere Forscher Pflügten da mit seinem Kalbe, ohne es in ihren Schriften zu bekennen! Das ärgerte ihn wohl, aber es bestimmte ihn nicht, mit seinen Anregungen sparsamer zu werden. Er konnte eben nicht anders. Ideen auszustreuen, war das Erbteil seines Fleisches — Neid und- Mißgunst waren ihm fremd, reichten an sein stark entwickeltes Selbstbewußtsein nicht hinan, und darum förderte er auch Talente, wo er sie fand, aus allen Kräften.- Ich will ja durchaus nicht in Abrede stellen, daß diese völlige Neidlosigkeit der Eitelkeit entsprang, die keine Konkurrenz besorgte. Aber diese Eitelkeit war das Erbteil jenes ganzen Geschlechts, das sich aus eigner Kraft und Begabung aus der Finsternis des Gettos zu den lichten Höhen der Weltkultur emporgearbeitet und sich Anerkennung^ sogar Ruhm errungen hatte. Eitel waren, sie alle, in welchem Beruf immer sie zur Geltung gelangten; nur daß diese Schwäche niemand verletzte, niemand demütigte, daß sie ganz harmlos, ja sogar im Verhältnis zu der heutigen Protzenhaften - und völlig unberechtigten erwärmend und wohltuend wirkte. Der einzige Bedeutendere jener Zeit, dem die Eitelkeit fremd war, war Mannheimer. Man wird mir allerdings entgegnen, daß er kein Gelehrter war; gewiß, aber er war hervorragend als Volksprediger und als Mensch, war der Abgott seiner Gemeinde, die damals die führende im österreichischen Judentum war, mochte ihn auch das Haupt der ungarischen Orthodoxie, der sogenannte Chassam Sopher nicht anders als den „KoPPenhugner Meschumed" nennen. Es war aber. auch die markanteste Schwäche, die mich manchmal während meines dezennienlangen Verkehrs mit Jellinek an ihm störte. Sonst war er ein durchaus wackerer Mann, hochherzig und lammfromm und — was sicherlich überraschen wird — ein idealer Kamerad, der sich, zumal wenn er den Staub der Stadt von seinen Füßen abgeschüttelt, in die allerprimitivsten Verhältnisse zu schicken wußte, ein Kind unter Kindern werden konnte, der nach einem erfrischenden Bad im Freien — er war nämlich ein vortrefflicher Schwimmer — an einem trocknen Brot sich delektierte, war es gar ein „Salzftangel", dann schwang er es in kindlichem Uebermut in die Luft, den Dichter Persiflierend: „Nie ohne Waffeln sei der Mann, Ich meine nicht das Schwert."