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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-08-16 · Heft 33 (16.8.1912) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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-Bescheidenheit zu ahnen, zu welchem Amt und zu welcher Würde - .- er in seinM Alter gelangen würde. Aber man respektiert ihn mit Rechts denn geduldig ist er wie Hiob und klug wie. Salomo. . Am äußersten Ende der Kolonie sein Tagewerk beginnend, hält er selbst vor jedem Hause, in dem sich einer seiner jungen Gönner befindet, und kommt in einem langsamen Schuckeltrapp, den weder Schmeichelworte noch Peitschenhiebe beschleunigen, mit zwei Dutzend schwatzenden, lachenden Buben und Mädchen zur . richtigen Zeit vor der Schule an. Aber heute hat er und seine Leidensgenossen Ruhe; an Stelle der übermütig dahingaloppierenden Abc-Schützen schlängelt er sich langsam von allen Gruppen durch die gewundenen Pfade nach dem Schulhause zu; eine Anzahl dahinwandelnder Staubwolken scheint es zu sein, denn lange Zeit hat der Himmel der . Erde das belebende Naß versagt. Es. ist.Jom-Kippur, und die . Gemeinde, zu arm und zu wenig seßhaft, um sich eine eigene „Schil" zu bauen, benutzt die beiden geräumigen Klassenzimmer der . Schule, um dort ihren Gottesdienst abzuhalten. Verstaubt, ermüdet durch den langen, lästigen W.eg, gebeugt durch harte Schicksalsschläge, den Kopf voller Sorgen und Erinnerungen, langen sie am Ziel ihrer Wanderschaft an. Der lange Rock, den viele schon am. Werkeltag als unbequem und lästig abgelegt, konrmt am „Jontef" wieder zu Ehren, und die Reste der Schmachtlocken — Peies — werden ebenfalls wieder hervorgekämmt; nur die jungen Leute verschmähen meist beide Zierden, Andenken des russisch-polnischen Ghettos, und präsentieren sich in den landesüblichen bomdaebos Pluderhofen — und kurzen Jackett. Bunt durcheinandergewürfelt ist die Kleidung der Frauen, doch allen gemeinsam das weiße Kopftuch, welches sorgfältig die Haare verdeckt. - Schnell ziehen sie die Mädchen mit sich in den hinteren Saal, ' 'während in dem vorderen, wo ein plump gearbeiteter Schrein - die heilige Thora bewahrt, sich allmählich die Männer versammeln. „Gut Jontef, Reb David! Was schafft Ihr?" grüßt der allzeit heitere Schneider Wolf Dimeck den greisen Melammed^) David Aronstab, der trotz seiner siebzig Jahre es < sich nicht nehmen läßt, an jedem Festtage zu Fuß von seinem Hause bis zu der fast zwei Meilen entfernten Schule zu pilgern, um ehrenamtlich als „Chasan"^) zu fungieren. „Der Ewige-sei gedankt, man lebt," lautet die Antwort, „die Küh' und die Kälberle wachsen heran, die Jüngel" — hier zeigt : er auf zwei kräftige gebräunte Burschen von siebzehn und. achtzehn Jahren — „reißen aus die Cellena') für den Mais." — „Und inzwischen verdorrt der Weiz' von der Dürr'; die Ochsem haben keine Pasche*) und wollen nicht mehr ziehen den - Pflüg'," ruft Selig Liefkh schreiend dazwischen. „Ein verfchwarzt Land, ein Verschwarzt Johr," seufzt der alte Bergmann. „Und der Kleidnick°), der Gewier°), will nichts mehr, geben aufs Büchel," fügt Markus Guldstein leise hinzu, denn Berl Weinmann, der Inhaber eines Kaufladens, der zwar weit entfernt davon ein Gewier zu sein, mit seinem glatt rasierten Gesicht und modernen Ueberrock jedoch in dieser Umgebung fast ein Gigerl erscheint, steht nicht fern. „Natürlich, wenn man ackert karge zwanzig Hektar und ohne zu bronneweM) versäht dumpfigen Weiz'!" wirft ihm Aron Blauberg, ein jüngerer wettergebräunter Mann ins Gesicht. „Ihr seid ein ganz Klüger!" erwidert ihm lauernd Guldstein, „rabattet Euch ab zu versähen hundert Hektar, verläuft Eure letzte Küh', zu beschaffen Semije^) mit goldene Körn', und jetzt verdorrt Euer Weiz' so güt wie meiner, und Ihr werd' sein ein größerer Kapsel) wie ich." „Schweigt," ruft heftig Blauberg, „der Weiz' ist eppes geel, aber wenn der i) Melammed — Jüdischer Lehrer. * 2 3 *) Chasan — Vorsänger. 3) Cellena — Jungfräulicher Boden. ^) Pasche — Weide. 5) Kleidnick — Besitzer eines. Kaufladens. °) Gewier — reicher Mann, ftbronnewen — eggen. 3 * *) Semije — Saatgut. 9) Kapsen — armer Mann. Ewige wird schicken bis. drei Wochen, herüm einen Regen,' hoffe ich 3U Gott zu haben eine güte Koßetsche-), zu zahlen herum und herum meine Schulden,.- und zu werden ein Balbus^); aber Ihr seid gewesen ein Schnorrer in Rußland und werdet bleiben ein Schlepper in Argentinien." „Grober Jung'!", „Narr!" und immer lauter erheben sich die StimMen. „Tscha," „Tscha," „Scholem' am Jontef," erschallt es von allen Seiten; der Schammes klopft laut dreimal auf die Bank, alles schweigt, legt sich die Gebetmäntel an, und andächtig beginnt der alte Aronstab: „Verzeihe deinem heiligen Volke am heutigen Tage, o, du Allerhöchster und Heiliger!" * Stundenlang hatte am folgenden Tage bereits die Andacht gedauert und trotz der. kühlen Jahreszeit — Jom Kippur fällt auf der südlichen Halbkugel in den Frühling — war die Luft in dem improvisierten Bethause so stickig geworden, daß man alle Türen weit öffnen mußte; infolgedessen wurde allerdings der Gottesdienst durch den Eintritt der dem Schuldiener gehörigen Gluckhenne mit ihren Küken oder eines von seinem Herrn unzertrennlichen Hundes zu wiederholten Malen beeinträchtigt: Jetzt erhebt sich, von der nächsten Häusergruppe kommend, eine Staubwolke, man hört das Geklapper von Pferdehufen auf dem harten, ausgetrockneten Boden. „Ae Goy", „ein schwarzer Spanier" — so nennen die jüdischen Kolonisten die Gauchos*), Mischlinge von Indianerinnen mit den ersten spanischen Ansiedlern — raunt einer dem anderen zu. „Gott soll uns schützen; was wollen sie von uns, am heiligen Jontef," heißt es ängstlich im Fvauenraum; die Männer treten meist heraus, so daß der Borbetec fast allein bleibt. Inzwischen hat sich die Staubwolke genähert und man erblickt in derselben drei Reiter, den Schlächter aus dem nächsten Städtchen, Luigi Peruzini, einen Italiener, begleitet von zwei seiner Knechte, den in der Kolonie so wenig beliebten „schwarzen Spaniern". Bald erspäht der Fleischer unter den Männern den, welchen er sucht, es ist Leib Bäcker, ein kräftiger Mann in mittleren Jahren, der schön beginnt, sich in Sitten und Gebräuchen zu amerikanisieren. „Grüß Gott, Don°) Leon!" (Bäcker hat seinen jüdischen Vornamen Leib bereits ins Spanische übertragen), ruft ihm Peruzini in einem merkwürdigen Gemisch von spanisch und italienisch zu. „Ich bin zu Euch gekommen, um die mir verkauften acht Ochsen abzuholen, aber die ganze Gruppe ist wie ausgestorben, und da ich in der Schule viele Leute sah, so habe ich Euch hier gesucht." „Entschuldigt, Don Luigi," entgegnete ihm Bäcker, in einer auch nicht gerade klassischen Ausgabe der Sprache Cervantes, „ich kann Euch heute die Tiere nicht geben; wir haben Feiertag —" „Unsinn," wirst der Schlächter ein, „die Mutter Gottes ist gar nicht so strenge: nehmt nun Eure weißschwarzen Tücher vom'Kopf", -ft?? er deutet auf die Gebetmäntel, welche die russischen Judex^ in Form eines großen, herabwallenden Einschlagetuches Beten tragen — „und übergebt mir die Ochsen, in ipjner halben Stunde könnt Ihr wieder Euer „Ave Maria" sagen." „Ich kann heute nicht, Don Luigi." V „Aber Mann," ruft ärgerlich der Fleischer, „ich konune-drei Meilen mit meinen Leuten dahergetrabt; glaubt Ihr,- ichchäbe meine Zeit gestohlen?" . „Es geht nicht." - ' *) Koßetsche — Ernte. 2) Balbus — Hausherr, Besitzer. 3) Scholem am Jontef — Friede am Feiertag. ^) Gaucho (sprich Gautscho) — Halbblutin'dianer, die in der Pampa heimisch sind. 5) Don (ebenso tote bie Slntebe „Neb'" im Jargon) wird in der spanischen Sprache nur in Verbindung mit dem Vornamen gebraucht und ist etwas intimer wie die Anrede Sennor (Herr), welche nur in Verbindung mit dem Vatersnamen angewendet wird.

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