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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 336 (sequence 12)
Language
German
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S36 Die Bartgeschichte hat auch eine andere Bedeutung. GraetzJ erzählt: „Ein Jude Abraham Posner beging das damals" — etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts — „Unerhörte, sich den Bart abzuscheren." So unerhört war das, wie wir gesehen haben, nicht. Joseph Jospe den Moses Coßrnann erzählt uns in seinem kivU jnu (Hanau 1719, p. 18a), die auch sonst lesenswerte Geschichte, wie ein frommer Mann einen solchen Bartsünder auf kurze Zeit vom Tode erweckte, um ihm Gelegenheit zu geben, den Ueberlebenden von der furchtbaren Höllenpein zu erzählen, die er für die Sünde des Bartscherens zu erdulden hatte. Jonathan Eybeschütz Predigt einmal sehr heftig gegen diejenigen, die das Mysterium der angeblichen dreizehn Reihen von Barthaaren, zum Ruhme verliehene 'nbhn Barthaar scheeren TnöD*’ CjfmT masrv Abschnitt ^b *]b)- Jacob Emden erzählt in seiner trefflichen Autobiographie Warschau 1896, p. 105, daß er sich in seiner Gemeinde Feinde erwarb, weil er nicht zu geben wollte, daß ein junger Mann mit geschorenem Barte als Schofarbläser fungieren solle. Hätte er ahnen können, daß hundert Jahre nach ihm sein eigener Nachfolger im Nabbinate, Samson Raphael Hirsch, sich derselben Gottlosigkeit schuldig machen und doch noch als der Orthodoxeste, unter den Orthodoxen gelten würde. Die Zeiten ändern sich nicht nur in Pohrlitz. Endlich haben wir noch einen Kronzeugen gegen Graetzs .Verallgemeinerungen, den großen Ezechiel Landau, der so weit gehen will, das Barbieren am Chol ha - Moed zu gestatten, damit die Leute, welche doch . ihren Bart scheren, nicht aus Scheu vor dem Barbier der Judengasse sich des Messers bedienen (rm,T2 JHU 2. Sammlung, Nr. 101). Wie bedenklich es ist, aus unbezweifelbaren Quellen verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, beweist diese Tatsache. Schon in der ersten Hälfte des IS., Jahrhunderts klagt der mährische Landesrabbiner über das Ueberhandnehmen des Rasterens, und um 1780 ruft der Prager Oberrabbiner: „Wehe, daß solches sich in unserer Zeit ereignete", aber die älteren Leute, die ich kannte, die in den ersten drei Jahrzehnten des .19. Jahrhunderts geboren waren, haben zum weitaus größten Teile die mit Auripigmentum gemischte Kalkmilch zum Bartputzen gebraucht. Jedenfalls waren die mährischen Durchschnittsjuden glatt barbiert, und wer den Bart stehen ließ und gar noch die hohe Pelzmütze trug, bezeugte schon dadurch, daß er rabbinische Aspirationen habe. Von dieser Voraussetzung ging Rabbi Loeb Berlin aus, als er in seiner Gemeinde die Schriststelle: „Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen" (Deut. XVI, 18) erklärte. Da jede Deraschah mit einer Frage beginnen muß, stellt Rabbi Loeb die Frage: „Warum sagt die Schrift: Du sollst Richter einsetzen für alle deine Städte in deinen Stämmen, während Raschi zur Erklärung nur die Ordnung umkehrt, indem er sagt: „Für deine Stämme in deinen Städten." Ich will das durch ein Gleichnis erklären. Es war einmal ein Rösch Medinah (Landesälteste, die alljährlich die aus die Gesamtjudenschast der Provinz gelegten Steuern zu repartieren hatten), der war ein sehr reicher und vornehmer Mann. Wenn er zum Gemeindetag sich begab, ritt er auf einem Esel, der ein goldenes Kumt trug, und er selbst trug einen goldenen Hut. Bei seinem Tode hinterließ er zwei Söhne. Diese teilten sich brüderlich in den gesamten Nachlaß; nur die Mütze und das Kumt wollte jeder für sich haben. . So kam es denn zum Prozeß. Der Gerichtshof konnte zu keinem Spruch kommen und schlug daher einen Vergleich vor: Der Esel sollte das goldene Kumt erhalten, und außerdem sollte man ihm auch noch den goldenen Hut aufsetzen und ihn dann mit Stockschlägen in die Wüste treiben, und so dem Gottesurteil die Entscheidung überlassen. - Gesagt, getan! Als der Esel so in die Wüste kam, erschraken alle wilden Tiere und kamen zum Löwen gelaufen. Majestät, sagten sie, ein schreckliches, noch nie gesehenes Tier ist erschienen, das sicherlich uns allen Unheil bringen wird. Der Löwe, der sich nicht kompromittieren wollte, ließ den Fuchs holen und gab ihm den Auftrag, sich das Monstrum anzusehen. Lachend kam dieser zurück und sagte: Welche Torheit. Nehmt ihm ab „das Choimet uen die Mutz". — Dabei wies Rabbi Loeb nach seinem Bart und seiner Pelzmütze. — „Was bleibt von ihm? Ein Esel. Nun sieht man, was Raschi meint. Du sollst solche Richter einsetzen in deinen Städten, die Richter sein können in allen Stämmen Israels." (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Kants Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von F. Oh mann. 1911. Erschienen im Insel-Verlag, Leipzig. Für den, der bei Kant nur an den großen weltentrückten Philosophen denkt, wird dieser Band geradezu eine Offenbarung sein; für die, die sich mit der Briefliteratur des 18. Jahrhunderts etwas eingehender beschäftigt, auch in die große, durch die Berliner Akademie unternommene Vriefsammlung unseres Philosophen hineingeblickt haben, ist es eine angenehme Erinnerung. Kant ist kein eleganter, unterhaltender und anregender Briefschreiber wie Lessing oder Herder, Goethe oder Schiller. Er erschließt sein Inneres nicht und benutzt seine Briefe nicht etwa, um Jünger zu werben oder die, die sich freiwillig ihm angeschlvssen haben, an sich zu fesseln und in seiner Lehre zu festigen. Liebesbriefe darf man bei dem ehescheuen, ernsten Manne überhaupt nicht erw.arten. Freundschastsgeplauder findet sich sehr selten, nichtiges Geschwätz über gesellschaftlichen Klatsch niemals. Die Briefe sind zumeist Aktenstücke, Bitt- und Dankschreiben, literarische Mitteilungen, Darlegungen über philosophische Angelegenheiten, Antworten auf wissenschaftliche Anfragen. Die schlichte, gerade Art des ausgezeichneten Mannes tritt in diesen Briefen deutlich hervor. Für uns hat diese Auswahl, denn es handelt sich in diesen 380 Seiten nur um eine ziemlich kleine Auswahl, ganz besonderes Interesse, da in ihr eine ziemliche Anzahl an Inden gerichtete Briefe ausgenommen sind: Drei an Mendelssohn, einer an David Friedländer, elf an Marcus Herz. Die Genannten werden sodann ebenso wie S. Maimvn auch in Briefen an andere erwähnt und behandelt. Die Briefe an Mendelssohn gehören zu den gehaltreichsten unseres Philosophen, die an Herz zu'seinen wirklich freundschaftlichen, fast zärtlichen. . Die Stellung Kants zu diesen jüdischen Gelehrten würde allein schon genügen, umdiese Sammlung unseren Lesern zu empfehlen. Der vorliegende Band in der vortrefflichsten Weise wie die übrigen - 3 Mark-Bücher des Insel-Berlages ausgestattet, ist mit einer guten Einleitung, erläuternden Anmerkungen und einem vortrefflichen, ausführlichen Register versehen. L. G. Sprechsasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! Tk^er Bericht in der Allgem. Zeitg. d. Indent, vom '5. Juli über iLx meine Ausführungen in der Sitzung der Repräsentantenversammlung vom 30. Juni enthält, wie es bei einem verhältnismäßig so kurzen Auszug kaum vermeidlich ist, vielfache llngenanigkeiten, auf deren Richtigstellung ich jedoch verzichte, indem ich mir gestatte,' mtf den demnächst im „Gemeindeblatt" erscheinenden stenographischen Bericht zu verweisen. . Berlin, 8. Juli 1912. Hochachtungsvoll Pros. Dr. Kalischer. *) Geschichte, XI, 5.

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