Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229044--68624-3280892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
“ “ Der Oemeindebote. ”'2 Vellage zur „Allgemeinen Leitung üeß Judentums". Sorrelponden?en und Kachrichten. Veutschlsnlr. 22 Berlin, 9.Juli. Professor Dr. MärtinPhilippson hat, wie in der vorigen Nummer kurz initgeteilt, das Ehrenamt des Vorsitzenden des Gcschäftssührenden Ausschusses des „Deutsch-Israelitischen Gemcindebundes" nieoergelegt. Das bedeutet für den Gemeindebund, auf dessen Entwicklung und Schicksal die Persönlichkeit den nun aus dem Amte Scheidenden von einschneidendstem Einfluß gewesen ist, einen schweren Verlust, der nur dadurch etwas-gemildert wird, daß Professor Philippson wenigstens auch fernerhin, wie wir. erfahren, im Ausschüsse des Bundes verbleibt. Sein Scheiden aus dem Vorsitz wird zweifellos allgemein bedauert werden, um so mehr, da es nicht leicht sein dürfte, für ihn einen geeiglieten Ersatz zu finden. Die Verhandlungen über die Uebernahme des Präsidiums sind, wie wir erfahren, noch nicht zum Abschluß gelangt, so daß sich über seine Nachfolge in dem Ehrenamte zurzeit noch nichts sagen läßt. Da vor nicht langer Zeit auch Herr Direktor Dr. M i n d e n sein Amt als stellvertretender Vorsitzender niedergelegt hat, werden die Präsidialgeschäfte einstweilen durch Herrn Professor Dr. S o b e r n h e i m geführt, den der Ausschuß vor einiger Zeit zum stellvertretenden Vorsitzenden wählte. Die Aera Philippson hat, wie von keiner Seite angezweifelt werden kann, den Gemeindebund zu der Höhe seiner Entwicklung geführt, die ihn zu dem bedeutsamen Faktor in der Reihe der großen Organisationen der deutschen Judenheit enrporhob. Mit der Geschichte und Blütezeit des Gemeindebundes ist der. Name Philippsons unlöslich verknüpft. Unter seinem Regime, seit 1896, erweiterte sich nicht nur der Nahmen, das äußere Wachstum dieser Körperschaft, nicht nur das eigentliche Gebiet seiner programmatischen Tätigkeit, es entstanden und wuchsen auch, entsprechend dem sozialen Zuge unserer Zeit, eine ganze Reihe der bedeutsamsten und segensreich wirkenden jüdischen Sozialinstitutionen. .Von zirka 600.Bundesgemeinden, die dem Gemeindebund angehörten, als Philippson die Leitung übernahm, ist heute die Zahl der dem Gemeindebund angeschlossencn Gemeinden aus zirka 1120 gewachsen, die Zahl der Gemeinde- resp. Bezirksverbände ist in der gleichen Zeit von 3 aus 14 gestiegen und der sünszehnte ist in der Bildung oegrissen. Die Beiträge der Gemeinden sind aber nicht nur im Verhältnis des Mitgliederzuwachses gestiegen, sondern darüber hinaus von 10 000 Mark im Jahre 1896 aus heute über 36 000 Mark. Das Vermögen des. Gemeindebundes und seiner Institutionen hat sich unter der Aera Philippson vervierfacht, es ist von etwa 265 500 Mark aus nahezu 1 100 000 Mark, gestiegen. Auch die Höhe der Untersrutzungen für notleidende Gemeinden hat stch ganz erheblich vermehrt. Nicht weniger als 27 Institutionen unterstehen heule der Leitung oder Mitleirung des Gemeindebundes. Als Philippson das Präswrum übernahm, gab es deren nur 10, davon nur ivenige sozialjüdischen Charakters. Gerade , die bedeutsamsten sind unter seinem Praswnun entstanden, zum weitaus größten Teil seiner Initiative entsprungen und durch seine energievolle Organisarionsarbeit und geschickte Geschüstsleitung zu ihrer heutigen Bedeutung emporgehoben. )u>ir nennen nur die jüdische Arbeiterkolonie in Weitzensee, die Fürsorge-Erziehungsanstalten für Knaben in Repzin, für Mädchen in Plvtzensee; ferner die Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene uiuder in Beelitz, die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarinensürsorge, das Gesamtarchiv der deutschen Juden, das Kuratorium für religiöse Fürsorge der jüdischen Strafgefangenen usw. Bier ansehnliche Stiftungen, teils zur Förderung jüdisch-wissenschaftlicher Zwecke, teils Humanitären Charakters sind unter seiner Aera dem Gemeiudebund zugefallen. Kurz aus allen Gebieten des jüdischen Lebens, auch außerhalb des Gemeindebundes, hat der nunmehr aus dem Präsidium Geschiedene eine ungemein rege Tätigkeit entfaltet. Man weiß, daß der Verband der deutschen Juden auch Professor Philippson zu.seinem Paten hatte, man weiß, daß die Organisationssrage durch ihn in Fluß gebracht worden ist. Und wenn ihm auch in dieser Frage bislang ein Erfolg in gewünschtem Maße nicht beschieden gewesen ist, den Keim zukünftiger Erreichung des Zieles Hot er doch ur die jüdischen Massen verpflanzt. Der einstige Geschichtsschreiber der deutschen Juden wird auf allen Blättern der Geschichte der deutschen Juden in den letzten anderthalb Jahrzehnten den Namen Professor Philippsons finden. Und wenn wir uns bei dem jetzt gegebenen Anlaß einen Wunsch gestatten dürfen, so wäre es der, daß uns die tatkräftige Arbeit Philip p s o n s im Dienste der deutschen Judenheit noch recht lange erhalten bleiben möge. Männer w.ie Philippson, die mit so warmem Herzen der Sache der jüdischen Alt.- gemeinheit dienen, ihr einen großen Teil ihrer Lebenskraft und Arbeit widmen, sind leider selten in Israel. Mögen wir uns seiner noch recht lange erfreuen. Das wünschen wir — der, deutschen Judenheit! Berlin, 19. Juli. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums stellt uns einen Halbjahresbericht zur Verfügung, dem wir folgendes entnehmen: Die Zahl der Mitglieder ist wieder in erfreulichem Umsange gestiegen, und zwar um 140, so daß die Berichtsperiode mit einem Bestand von rund 1500 Mitgliedern abschließt. Großen Beifalls hatten sich zu. erfreuen die im vergangenen Winter kostenlos an sämtliche Mitglieder verteilten zweibändigen „Gesammelten Abhandlungen" von Ludwig Philippson, die dessen Söhne aus Anlaß der 100. Widderkehr seines Geburtstages herausgegeben und in einer größeren Anzahl von Exemplaren der Gesellschaft zur Verfügung gestellt hatten; auch neu hinzutretende Mitglieder erhalten das Werk noch nachgeliesrt. Di'e Gesellschaft hat neu herausgegeben die Schrift:- Nikl. Müller, die jüdische Katakombe am Monteverde zu Rom; sie läßt in den nächsten Tagen neu erscheinen einen Vortrag von Dr. I. Elbogen über Ludwig Philippson und den 3. Band der bedeutsamen „Talmudischen Archäologie" von Professor Dr. S. Krauß-Wien. Ferner kündigt die Gesellschaft das Erscheinen der „Geschichte des Synagogenkultus" von Dr. I. Elbogen für den nächsten Herbst und die Herausgabe des ersten Heftes des von dem verstorbenen Lektor M. Friedmann-Wien bearbeiteten Sisra an, Der Ausschuß der Gesellschaft hat am 24. Juni eine Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, demnächst mit dein Druck des 1. Bandes der kritischen Ausgabe der Mischna, des 1. Landes der Germania Judaica und des 2. Bandes des Maimvuideswerkes zu beginnen. Ferner faßte der Ausschuß einige für den „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums" bedeursnme Beschlüsse. Er ergänzte den bisherigen Entwurf durch die Ausnahme einer Reihe neuer Teilwerte, und die Bildung einer besonderen Gruppe von Werken unter dem Gesamttitel.„Das Judentum und die Religronen" und genehmigte nach den Vorschlägen einer besonderen Kommission die Uevertragung einer größeren Reihe von Leitwerken an beoeutende Gelehrte. Auch har dyr Ausschuß wieder einet größeren Anzahl von Vereinen und Wissenschastlern. namhafte Suvvemronen vewilligt. Die nächste Generalversammlung ivird vvrausstchruch m Breslau slarlsinoen. Der Bericht beweist auss neue, wie augerordentlich bedeutungsvoll und verdrenstlich das Wirken der Geieuschüst zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ist, und ivir rönnen vaher nur dem Wunsche Ausoruck geven, daß ihr auch lvelterytu neue Gönner und Freunoe in großer Zahl beitreren mögen. E. 1?. Berlin, 9. Juli. Eine schlichte Feier fand am 3. d. Blaus dem alten israelitrschen Friedhose in der Schönhauser Allee starr. Dort haben zwei österreichische Soldaten, Aloys M eh er aus Jamnitz und Moritz Vt euma n n aus Pereunapc ihre letzte Ruhestätte gesunden, nachdem sie in Berlin in der Kriegsgefangenschaft ihren in der Schlacht von Königgrütz empfangenen Wunden erlegen sind. Aus ^Anregung und Betreiben eines hiesigen bekannten Stadtverordneten sind die im Lause der vielen Jahre gänzlich verfallenen Gräber rmd verwitterten Gedenksteine jetzt wieder in einen' würdigen Zustand versetzt worden. Am 3. d. M., dem 46. Gedenktage der blutigelt Schlacht, haben einige Kameraden als Vertreter des Militärvereins „Deutsches Vaterland" aus diese Kriegergräber Lorbeerkränze niedergelegt, welche die österreichischen und preußischen Farben tragen. Mit einem Kranz mit den preußischen Farben wurde auch das Grab eines Grenadiers vom 2. G.-R.- z. F., namens Perl, der ebenfalls bei Königgrütz beim Sturme aus die Höhe von Chlum die Todeswnnde empfing, geschmückt. Vom „Verein der Oesterreicher in Berlin" wohnte der Vorsitzende, Herr Kais. Rat Direktor Wiltschek mit einer