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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-07-12 · Heft 28 (12.7.1912) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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zu ertrugen gewesen wäre, wenn auf den langen Tag'nicht ein Abend gefolgt wäre, an. dem die Natur ihre Rechte forderte, ohne sich mit den Pflichten gegenüber dem Schulchan Aruch beschwichtigen zu können. Glücklicherweise war? Obst - billig, und für einen Kreuzer gab es schon im Juli neun Aepfel, die dem jugendlichen Magen selbst nach dem langen Sommersasten genügten. Im Unterricht herrschte eine naive Unbefangenheit,' wie, sie unsere Zeit gar nicht zu fassen vermag. Zur Zeit, als mein Vater die Jeschiba besuchte, war einer der ältesten Studenten Rabbi Aron Wolf, Vater des 1902 in Wien verstorbenen Rabbiners Dr. Jonathan Wolf, später Dajan'in-seiner Hei-' mat, der 1854 in Wien ein schon etwas modernes SchNstchen unter dem Titel herausgab. Rabbi Aron stand vor seiner Heirat, und ihm zu Liebe las Rabbi Loeb als Thema des Semesters über die gynäkologisch-theologische Abhandlung fliriDl (9fUbbat3, 15 a), an deren Diskussion mein Vater wie andere fünfzehnjährige Jungen sich ganz naiv beteiligten. Darin lag durchaus nicht das gesuchte, seiner selbst nicht mehr sichere Radschlagen der heutigen Neuorthodoxie, wie es in dem läppischen „Rebecca oder das jüdische Weib in ihrem Berufe", Frankfurt a. M. 1861, zutage tritt, sondern kindliche Einfalt. Rabbi Loeb war durchaus nicht pietistisch, und Samson Raphael Hirsch, dessen Amtsantritt als mährischer Oberlandesrabbiner, 1847, er noch erlebte, war ihm wie anderen Rabbinern des alten Schlages durchaus antipathisch. Mein Vater hatte einmal eine schwere Sünde zu beichten. Er hatte aus Versehen am Sabbat eine brennende Kerze auf einen anderen Platz gestellt. Die ganze Woche trug er sein bedrücktes Gewissen mit sich herum; erst am Freitag nachmittag, wo ihn der Rabbi gewöhnlich in die Synagoge mitzunehmen pflegte, damiter ihm bei der Lektüre des Wochenabschnittes aus der Thora behilflich sei, wagte er seine Sünde zu beichten. Der Rabbi lächelte gütig und ließ-die Buße bei einem halben Fasttag an dem nächsten Neumondsvorabende bewenden. Eine brennende Kerze am Sabbat zu tragen, war lange nicht so schlimm als ein Trefeposul mit sich, herumzuführen. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Josua Weiß konnte schon ungestraft nicht nur Lessings Nathan, sondern sogar Schillers Sendung Moses' am Sabbat lesen, aber selbst sein Nachfolger würde sich schwer gegen die Pflichten seines Amtes versündigen, wenn er^ seinen Nachtleuchter selbst itt sein Schlafzimmer trüge. Wie es mit der Gemeinde in dieser Hinsicht bestellt'ist, weiß ich freilich nicht; ich habe sie seit mindestens dreißig Jahren nicht gesehen, und in einem solchen Zeiträume ändern sich Dinge selbst in Pohrlitz. Ich bin aber kühn genug, anzunehmen, daß kein junger Mensch zu Rabbi Josua Weiß gekommen ist, um ihn wegen eines solchen Verbrechens um geistlichen Rat zu fragen, so wenig als er oder sein Nachfolger selbst der erwachsensten Religionsschulklasse Dinge vortragen könnten oder konnten, die, soweit sie wesentlich sind, auf die gynäkologische Klinik gehören. , So wie das Gesetzesleben hat sich auch das geistige Niveau gewaltig geändert. Rabbi Loeb galt nicht für einen guten Maggid. Von einem Rabbiner in einer großen Gemeinde setzte man das nicht einmal voraus; er war ja zu anderem da; in einer kleineren Gemeinde, wo man sich den Luxus geistlicher Spezialisten nicht erlauben konnte, sah man es gerne, wenn der Rabbi auch dem „gemeinen Publikum" etwas bieten konnte, aber man entbehrte es auch, wenn man es entbehren mußte, gerade wie man heutzutage in Kanitz wie in Pohrlitz es -Sarah Bernhardt oder Frau Schumann-tzeink vergibt, wenn sie aus einer Tournee^durch Oesterreich Wien und Prag besuchen, aber Kanitz, Pohrlitzj und sogar Eibenschütz links liegen lassen. U Obwohl man also den Rabbiner damals nicht in erster Linie als Prediger aus. die Wagschale legte, hörte man * doch gerne ein „gutes Wörtel", und Rabbi Loeb mit seinem urwüchsigen Humor gelang es mitunter, die Lacher aus seine Seite zu bringen. Er war wohl ein ganz gründlicher Talmudist, aber — wie das damals oft, und in unserer Zeit noch vereinzelt, wie in dem Falle von I. H. Weiß geschah — nur durch geschäftliches Mißgeschick in das Rabbinat gekommen. Der Bachur heiratete, begann mit der Mitgift, die ihm seine Frau brachte, einen Handel, und wenn es damit nicht glückte, fiel er aus seine rabbinischen Kenntnisse zurück. Rabbi Loeb begann seine Karriere als Viehhändler, und von seinen kaufmännischen Erfahrungen erzählte er selbst die amüsante Geschichte, daß ihm ein jüdischer Händler eine Kuh zum Kaufe anbot. Rabbi Loeb fragte naiv: „Was kostet die Kuh?" Der Verkäufer erwiderte erstaunt: „Sehet euch sie doch erst an", worauf Rabbi Loeb treuherzig bemerkte: „Ob ich sie sehe oder nicht, ist ja doch einerlei; so sagt lieber gleich, was sie kostet." Es ist begreiflich, daß bei solchen Methoden sein Geschäft nicht gedeihen konnte, und so wurde Loeb Berlin Rabbiner in Pohrlitz. Rabbinerseminare und spezielle rabbinische Berussvorbereitung gab es damals noch nicht, und wie ich in Algier und Tunis Gelegenheit hatte zu beobachten, ist das jetzt im Orient auch nicht der Fall. Der Schochet erhält eine Autorisation, während der Rabbiner einfach durch das Vertrauen der Gemeinde berufen wird. Trotzdem gab es eine rabbinische Praxis. Das Publikum beurteilte sie nach der Kenntnis'des Gebetsritus, welche wieder dem talmudischen Fachgelehrten als etwas seiner Unwürdiges erschien. Die heutige Neuorthodoxie affektiert auch noch immer gern eine Gering- ■, schätzung des öffentlichen Gottesdienstes. Als Rabbi Loeb nach Pohrlitz kam, gab es für die Seelsorge der kaum 600 Seelen zählenden Gemeinde noch zwei Rabbinatsassessoren, die als Kinder der Gemeinde den fremden Eindringling mit scheelen Augen ansahen. Sie trugen auch wie alle Rabbiner aschkenasischer Gemeinden in Westeuropa bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die polnische Tracht, die lange „Schupitza" und die hohe Pelzmütze und lange Bärte, während der mährische Jude im allgemeinen ein.glatt — natürlich mit Salbe — rasiertes Gesicht hatte. Schon'im Jahre 1727, als die Regierung.in Mähren den Gettozwang durchsührte und aus gleichen Motiven auch einen Kostüm- und Bartzwang durchführen wollte, widerriet der Landrabbiner Bernard Gabriel Eskeles, der den Plan durchschaute, nicht nur den Bartzwang, sondern benutzte gleichzeitig die Gelegenheit, die Regierung zu ersuchen, „per äeeretum denen Juden unter schwerer Strass aufzuerlegen, daß sich keiner derselben unterstehen sollte, seinen Bavt fürohin mit einem Schermesser zu scheren, sondern anstatt dessen ein Scherl. . zu gebrauchen." (Schram: Ein Buch für jeden Brünner, III, 39. Brünn. 1903.) Eskeles, der eigentlich Teilhaber des Bankgeschäftes seines Schwiegervaters Samson Wertheimer in Wien war und die Landesrabbinerstelle nur als Ehrenamt führte, hat seinen heiligen Eifer nicht aus seine Nachkommen vererbt. Sein Enkel Denis, oder wie er eigentlich hieß, Daniel Bernhard Freiherr V. Eskeles, starb am 14. Januar 1876, versehen mit den Tröstungen der heiligen Kirche. Seine Tochter Helene war an Freiherrn Ludwig v. Gablenz verheiratet, der als österreichischer General auf den Schlachtfeldern von Solserino, Magenta, im schleswig-holsteinischen Kriege und bei Trautenau Lorbeeren .errungen hatte, aber schließlich, wie es damals hieß, zum Teil durch mißliche Familienverhältnisse getrieben, durch Selbstmord endete. Heute dürfte er bereits erwachsene Enkel haben, die sicherlich nichts davon wissen, daß ihr Ururgroßvater seinen Nachkommen das Rasieren von Regierungs wegen verboten haben wollte, und vielleicht nicht einmaldaß ein anderer Ururgroßvater, der Schwiegervater des zuerst nobilitierten Bernhard Freiherrn v. Eskeles, Daniel Mg hieß.

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