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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-03 · Heft 18 (3.5.1912) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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mit, dem. in der Tradition Herharrenden Szofer in sich vereinigte. Oder, was das Streben.Friedmanns allgemeiner und doch wieder; eingehender saßt:. Er wollte der jüdischen Wissenschaft einen Platz in den Disziplinen der modernen Allgemeinbildung sichern, und hinwieder den Geist und die Art moderner MffenschaWchkeit 'in dem Studium des jüdischen Schrifttums einbürgern. Das war, sein Plan, als er im Alter Von kaum 29 Jahren von dem Grabe einer geliebten Frau und seines Neugeborenen Abschied nahm, ein Grab, in welches er auch die Verwirklichung seiner Lieblingsidee, als Landwirt hinter dem Pfluge einherzugehen und dabei der folgerichtigsten Lösung eines dunklen Midrasch nachzusinnen, auf immer verschütten mußte. Nun.galt es vor allem, die mangels jeglicher geregelten Schulbildungvorhandenen Lücken in. dem Elementarstoffe allgemeiner Bildung auszufüllen. Dieses .Jahr, das mit der Ablegung einer Prüfung über den Lehrstoff der Volksschule abschloß, benutzte er auch, um mit dem Eifer eines Demosthenes an seinem Rednertalente zu arbeiten und zu feilen- Der Jargon seiner Sprechweise, mit dem er zwar bislang noch immer das Entzücken seiner Zuhörer bei der Auslegung der Paraschah oder der Erklärung einer schwierigen Halachah hervorgerufen hatte, mußte dem durch das laute Skandieren der deutschen Klassiker abgeschliffenen akzentfreien Sprechen weichen. Mathematik, Physik und Naturwissenschaften, die Friedmann aus dem jüdischen Schrifttum brockenweise schon bekannt waren, lockten zu eingehenderem Studium; Geschichte und Geographie der alten Völker, zum Teile auch aus dem jüdischen Schrifttum ihm schon vertraut, verschmähte der junge Autoditakt ebensowenig aus profanen Quellen zu schöpfen. Als Darschan, als Talmudlehrer, als Gelegenheitsprediger frei und unabhängig zu Miskolz wirkend, zuweiten auch als Wanderprediger große instruktive Fußreisen in die Umgebung unternehmend, verlebte Friedmann bei geringen Einkünften und noch geringeren Bedürfnissen sieben Jahre der Nachtrauer um ein entschwundenes Lebensglück, aber zugleich auch sieben Jahre der Vorbereitung für eine neu aufzunehmende Lebensaufgabe. Es war an einem Freitag Nachmittag des Jahres 1858, als Friedmann zu Wien ankam, wohin ihn die Namen I. N. Mannheimer und Dr. Adolf Jellinek gezogen hatten. In Mannheimer, der mit dem unbestechlichen Blick des Menschenkenners die ihm eigene Herzensgute kontrollierte, gewann Friedmann sofort einen wohlwollenden Förderer und Freund. Und Jellinek wieder, der gleich Friedmann ein Zögling der ungarischen Jeschibah war, auch er erkannte die homogene Forschernatur des Ankömmlings, der gleichwohl wegen der Verschiedenheit des Bildungsganges eine Rivalität ausfchloß. Als Privatlehrer fand Friedmann alsbald in den Häusern der wohlhabenden Wiener Judenschast Zutritt und Lebensunterhalt. Dabei besuchte er als außerordentlicher Hörer die Universität, um sein profanes Wissen zu festigen, und legte durch fleißiges Kolloquieren von seinem Privätsleiße und der eifrigen Frequenz der Vorlesungen Zeugnis ab. Nicht zuletzt wat es aber auch die Vortragsweise, welche seinen zum Lernen stets bereiten Intellekt fesselte. . " Daneben aber oblag er auch seiner alten Lieblingsbeschäftigung, in dem Hause, in dem er als Sabbatgast weilte, einen Vers aus der Paraschah zu erklären, und es entwickelte sich um den Sabbattisch feines Gastfreundes hier wie in Miskobez, in Gyönghös und in Ungvär, jenes Bild, das späterhin die Räume des.Wiener Beth-ha-Midrasch allsabbatlich durch mehr als 40 Jahre beleben sollte: Ein angeregt lauschendes Auditorium, das aus der Synagoge herbeigeströmt kam, um voll Bewunderung, belehrt und erhoben, entzückt und begeistert, den originalen Auffassungen bisher unverstandener oder unzulänglich kommentierter Bibelverse zu folgen, welche dem Munde des jungen Darschan nur zu entsprudeln schienen. Manche ehrenvolle Berufung erging aus diesem Zuhörerkreise, zu welchem sich auch Angehörige der damals ausblühenden Wiener Vorortgemeinden eingefunden hatten, an Friedmann, eine Rabbiner¬ oder Predigerstelle anzunehmen. Doch Friedmann lehnte ab; hatte er doch auch in Ungarn schon dies und jenes Rabbinatsangebot ausgeschlagen;. sein Ziel war nicht, durch ein religiöses Amt sich eine Lebensstellung zu schaffen, sein Ziel war die Volksbelehrung im weitesten Sinne; die Verbreitung von Wissen in die breitesten Schichten; die Befestigung und Vertiefung jener Kenntnisse, welche die aus der Provinz zuströmenden Masse:: in die Großstadt mitzübringen pflegten; die Erziehung der Jugend zur bewußten, auch von der Verstandesseite her begründeten Religiosität — und all dies sollte in einwandfreier populär - wissenschaftlicher Methodik aufgebaut, in ein würdevolles Gewand frei zugänglicher Vorträge eingekleidet, als eine uä hoc gegründete Anstalt ins Dasein gerufen werden. Eine große Geldspende des Freiherrn Jonas v. Königswarter ermöglichte schon im Jahre 1864 die Ausführung des von Friedmann entworfenen, von Dr. Jellinek redigierten und der Ausführung zugeführten Planes. In einem an das neue Tempelgebäude in der Leopoldstadt anschließenden, für die Funktionäre des Gottesdienstes bestimmten Wohnhause wurden vier Parterrezimmer, deren zwei zu einem Vortragssaale vereinigt wurden, mit Bücherschränken und Lesetischen versehen, eine kleine aber gewählte hebräische Bibliothek daselbst installiert — das Wiener Beth-ha-Midrasch war gegründet. Mannheimer und Jellinek hielten selbst die Eröffnungsvorträge, Schriftsteller Szänto und andere erschienen gelegentlich anr Vortragspulte, als ständige Lektoren aber wurden berufen der Forscher I. H. Weiß, dessen Mechilta damals schon erschienen war, und Meir Friedmann, der seine Ausgabe des Siphre schon druckfertig vorbereitet hatte. Solange Friedmann noch Lektor Al. FrieLmann.

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