Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht wiederverheiratet war, bewohnte er auch ein in dem neuen Beth-ha-Midrasch befindliches Kämmerchen, so daß er nun in Wahrheit ein Kustos des- Beth-ha-Midrasch wurde, das ihm auch ben offiziellen Titel .Bibliothekar" verlieh. Von diesem Kämmerchen aus nahm nun die ganze, einzig dastehende Forscher- und Lehrtätigkeit, Lektor Friedmanns ihren Ausgang, von hier ging vor.allem sein Erstlingswerk, eine Ausgabe des vortälmudischen Midrasch für Hagadäh und Halachah „Siphre bebe Nab" zu Numeri und Deuteronomium mit kritischen Noten, Erklärungen und einer Einleitung versehen, Wien 1864, in die jüdisch-wissenschaftliche Welt hinaus. Anerkennende, aufmunternde Schreiben und Besprechungen von Abraham Geiger, Rafael Kirchheim, Leopold Zunz, Zacharias Frankl, Immanuel Löw versicherten den jungen Forscher der Richtigkeit des eingeschlagenen Publizistischen Weges, stärkten seine Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Revision der vortalmudischen Texte, und erklärten einstimmig den Autor des Siphre als den Kraft seiner kritischen Intuition Berufensten, vertrauenswürdige Neutextierungen herzustellen. Lektor Friedmann aber widmete sich mit der ganzen Kraft und Innigkeit seiner reichen jüdischen Seele dem Lehrberufe, indem er an drei Abenden der Wochentage tälmudische Vorträge im Bethha-Midrasch abhielt, am Sabbatmittag aber je einen Vers aus der lausenden Paraschah zur Erläuterung brachte. Diese Sabbatvorträge waren es nun, welche seinen Namen in der immer rascher anwachsenden Großstadt beliebt und verehrt machten, durch sie wurde seine von bescheidener Würde begleitete Erscheinung eine weit gekannte und liebevoll beob-. achtete. Wie da aus den entlegensten Vierteln die Leute zum Sabbatvortrage kamen, wie sie erbaut, belehrt, mit den Schönheiten der Bibel vertraut gemacht, sich immer glücklicher und inuner enger an ihr Judentum anschlossen, das lebte durch zwei Generationen in aller Munde und dürste nicht so bald vergessen werden. Wohl hatte Lektor Friedmann das ihm seit seiner Jugend voranleuchtende Berufsideal erreicht, allein er hielt damit seine Aufgabe keineswegs für abgeschlossen. Eine reiche, vielumfassende schriftstellerische Tätigkeit, welcher er zumeist in stillen Arbeitsnächten oblag, da der Tag durch den Broterwerb für seine bald zahlreiche Familie -- den Unterricht in wohlhabenden Häusern — aufgezehrt wurde, förderte eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten, auch in deutscher. Sprache, ans Licht, eine Tätigkeit, bei welcher der stille, nur für seine Herzenssache, das jüdische Wissen, beredte Mann, niemals über Ueberbürdung klagte, niemals -Nervosität zeigte, niemals von sich Und seinen fast übermenschlichen Leistungen sprach. Dazu kamen mit dem immer größer werdenden wissenschaftlichen Ruse dieses Gelehrten Anfragen aus allen Weltteilen, aus allen Berufsklassen, und Lektor Friedmann entzog sich der ausführlichen Beantwortung dieser Fragen nie. mochte dieselbe auch ein umfassendes langwieriges Studium erfordern. Juristen wünschten über tälmudische Rechtsentscheidungen, Aerzte über medizinische Fragen in talmudischer Behandlung informiert zu werden, — ein großes zeitgenössisches Werk über die Ethik der Juden ist zum großen Teile auf Friedmanns Auszügen ausgebaut, — von literarischen und rituellen Fragen als selbstverständlich nichts zrl erwähnen. Zur Zeit der Hochflut der antisemitischen Bewegung war es sogar ein christlicher Wiener Bürger, der bei dem „wahrheitsliebenden" Herrn Friedmann Aufschluß über das wahre Wesen des Judentums verlangte, da er sicher zu sein glaubte, Lektor Friedmann werde, wenn der Antisemitismus berechtigt sei, dies unumwunden zugestehen. Als einer der Hauptzüge von Lektor Friedmanns Tätigkeit muß seiner Fürsorge für die. studierende Jugend gedacht werden. Die großstädtische Jugend, der ohnedies alle Quellen der Bildung Zuströmen, suchte er auch einen Strahl jüdischen Wissens zuzuführen. Er bewog daher Mäzene, Stiftungen auszuschreiben, durch, welche das Talmudstudium jüdischer Mittelschüler mit Stipendien zu honorieren sei. Er selbst leitete bis in sein hohes Alter diesen Unterricht, da er den Nachweis führen wollte, es könne der Gymnasialschüler, der einen Gesang Homers oder eine Ode Ovids zu lesen und zu übersetzen imstande sein müsse, auch dahin gebracht werden, einen Traktat aus dem Talmud oder der Mischnah zu beherrschen. Denn nicht nur der zünftige Rabbiner oder Gelehrte solle mit dem Tälmudstüdium vertraut gemacht werden, auch jöder andere in was immer für Berufen stehende Jude solle wenigstens eingesührt werden in das Studium des Talmud, um, wenn Zeit und Umstände dann günstig seien, das Talmudstudium als Liebhaberei 511 betreiben, wie es früher allgemein unter den Juden betrieben worden ist; eine Liebhaberei, die den höchst notwendigen Zweck verfolge, der niemals überflüssigen Apologetik des Judentums zu dienen. „Bei all diesen Schönheiten", sagt Lektor Friedmann zu diesem Gegenstände, „wird das Urteil über den Talmud und dessen Verständnis nicht um einen Deut gebessert werden. Was notwendig ist und wozu man sich leider so schwer entschließt, ist eine wissenschaftliche Ausgabe vom Talmud mit einer Uebersetzung von fach- und sachkundigen Männern- Eine solche Ausgabe würde vor allem ein Verdienst um das eigene Volk sein, dem die. Quellen seines Judentums zugänglich gemacht würden; dann um die Jugend, die sich diesem Studium widmet; hauptsächlich aber, daß er offen und frei vor die Welt trete wie einst die Bibel durch die Septuaginta. Und wahrlich, es hat der Talmud heutzutage weniger das allgemeine Urteil zu scheuen als die Bibel zu jener Zeit. Das Bekanntwerden der Bibel unter den Völkern hat uns mehr genützt als geschadet, dasselbe würde auch bei dem Talmud der Fall sein, und auf dieses Mehr kommt es eben an." In dem Lehrbüchlein „Hamaschne" legte er eine Unterrichtsprobe der von ihm beobachteten Methode beim Talmudunterrichte nieder. Handelte es sich aber um die nicht ortsansässige Jugend, um zugereiste Schüler und Bachurim, da war Lektor Friedmann erst recht der Mann, ihnen mit Rat und Tat aus den rechten Weg zu helfen und sie aus Beruf und Leben vorzübereiten; Hunderte sind es, die seinen Namen aus diesem Grunde segnen! Mancherlei Institutionen sind seit Lektor Friedmanns Tätigkeit in Wien ins Leben gerufen worden, keine jedoch, an der er nicht anregend, beratend oder ausübend tätigen Anteil genommen hätte. Ein gelegentliches Gespräch mit einem Kultusvorsteher führte zur Schaffung des Jugendgottesdienstes, den Konfirmandenunterricht für Mädchen leitete er in den ersten Jahren selbst, um ein Unterrichtsschema für denselben aufzustellen. Und sogar der Sträflingsfürsorge in den Strafanstalten Wiens und des Landes unterzog er sich in eigener Person, um auch hier den seelsorgerischen Typus festzustellen. Unnötig hervorzuheben, daß er manchen Gestrauchelten anfgerichtet, manchen durch seinen aus der Religion geschöpften Zuspruch vor dem Rückfalle bewahrt und seinem Wirken die an Verehrung grenzende Hochachtung der Gefängnisleiter errungen hat. Nur einmal wollte ihm auch diese freudig übernommene Pflicht zur Bitterkeit werden, als er einst unter den Häftlingen einen Kridatar gewahrte, dessen Kinder er in bessern Zeiten unterrichtet hatte. Noch in den letzten Jahren seines Lebens trat er an die Spitze eines humanitären Vereins, um armen Kranken den Kurgebrauch in Karlsbad zu ermöglichen; daß sein Wirken auch hier bis zur Selbstaufopferung ging, erhellt aus der Tatsache, daß ein Weg, den er im Interesse dieses Vereins bei Nebelwetter machte, die unmittelbare Ursache seiner Todeserkrankung bildete. Sein Ableben erfolgte am 23. November 1908. Noch haben wir nicht der Tätigkeit Lekror Friedmanns an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt gedacht, an welche er im Jahre 1892 berufen wurde. Als Dozent für tälmudische Lehrgegenstände war er es, der gar