Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m "drängt sich einem sofort auf, wenn man aus dem Gebäude, welches der Ortskunde gewidmet/istheraustritt und das im Freien ausgestellte Modell des schönen Denkmals betrachtet, das in diesem Herbst für den piemontesischen General Eialdini, den Sieger von Castelfidardo, jener denkwürdigen Schlacht, durch welche im Jahre 1860 das Papsttum des größten Teiles seiner weltlichen Herrschaft verlustig ging, errichtet worden ist: Den reichbegabten Schöpfer des Denkmals, Vito Pardo, hat seine jüdische Abkunft nicht daran behindert, sich im Laufe' der Jahre zum Spezialisten von Krieger- und anderen patriotischen DenkmälernW entwickeln allerdings in Italien! In dem dicht dabei befindlichen Pavillon der Kunsterzeugnisse des Königreichs Rumänien könnte ein derartiger Künstler nicht' figurieren! ' Uebrigens hat Vito Pardo auch das' in diesem Jahre in Rom an der Via Flaminia auf dem Wege nach der „Ponte Molle" genannten Tiberbrücke errichtete Nationalstadium mit mehreren schönen Arbeiten geschmückt, nämlich den Symbolen der Kraft, des Wetteifers und vier Viktorien. Ehe wir das Ausstellungsgelände von Castel San Angelo verlassen, mögen wir jedoch noch einen Blick in die beiden, übrigens nicht nebeneinander befindlichen Pavillons werfen, welche dem Beschauer ' die Arbeiten ausländischer Künstler in Rom vergegenwärtigen sollen. Wären diese Sammlungen systematischer angelegt als sie es in der Tat sind, so müßte eine ganze Reihe jüdischer Künstler in ihnen vertreten sein. Aber da sie nun einmal aus mehr zufälligen Zuwendungen bestehen, müssen wir uns begnügen, in Abteilung 8, in welcher die Ungarn untergebracht sindeinige Glaubensgenossen zu finden. Dort ist Leopold H'orovitz, dem wir im österreichischen sowie im ungarischen Pävillon in Balle Giuliä wiederbegegnen werden, mit einem vor zwei Jahrzehnten entstandenen Porträt des ungarischen Archäologen Franz Putszhy vertreten. Auch von zwei zu ihrer Zeit, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sehr geschätzten Bildhauern, Jakob Guttmann und Joseph Engel, sind Arbeiten vorhanden: von jenem ein Amor, von diesem der Jdealkopf einer Frau. In sinniger Weise hat man auch ein von Michael Koväcs in Rom gemaltes Porträt Guttmanns dorthin gehängt. Dieser ist wohl übrigens der erste jüdische Bildhauer gewesen, der die Büste einesPapstes — es war Pius IX. — modelliert hat. Noch bevor man von der Porta bet Popolo aus an das oben erwähnte Stadio Naziönale gelangt, kann man sich von der Via Flaminia aus über die neue Brücke, welche in kühnem Bogen den Tiber überspannt, zu der Ausstellung auf dem ehemaligen Exerzierplatz, Piazza d^Armi, begeben. Auch dort fehlt' es nicht an Spuren jüdischen Schaffens. Geht doch die Idee sowie die Verwirklichung der Sonderausstellüng für Volkskunde Italiens, dieser Perle aller Heuer in Italiens Hauptstadt vorgeführten Sammlungen, von dem bekannten in Florenz ansässigen Forschungsreisenden Lamberto Loriä aus! Wie wichtig ist diese Abteilung für die Kostümkunde Italiens! Außerdem gab der Nestor der italienischen Literaturhistoriker, der Professor und Senator Alessandro D> Ancona, ein Gelehrter von Weltruf, bereitwillig seine Sammlung der italienischen Volksliteratur her. Von den Gegenständen, welche speziell für Israeliten von Jntereffe sind, wären in der Unterabteilung der volkstümlichen Bilderkunst (leovograäa popolare) bei den Nummern 22 bis 25 die Szenen aus dem Alten Testament und die Bilder der Propheten hervorzuheben. So also stellte sich das italienische Volk der letzten Jahrhunderte die Juden jener entlegenen Zeit vor. — Auf einem hübschen Kupferstiche von V. Scozia aus dem 18. Jahrhundert unter Nummer 88, welche die Darstellungen der sieben Todsünden enthält, erblickt man inmitten der Sintflut die Arche Noahs. Aus viel älterer Zeit, nämlich vom Glockettturm in Florenz, bekanntlich einem Werke GiottoS, stammt das Relief, welches Tubalkain zeigt, wie er auf dem Amboß die Metalle bearbeitet. Das Relief ist in einer guten Photographie wiedergegeben (Nr. 102). (Fortsetzung folgt.) ' «AdSiiföw JEin Milcher Komsn eines chrittlichen Schrittltellers. Besprochen von Ludwig Geiger. er als Redakteur des „Daheim" bekannte, als Kritiker geschätzte und auch als Novellist wohl akkreditierte Johannes Höffner hat soeben einen Romans erscheinen lassen, der den Lesern dieses Blattes eine willkommene Gabe sein wird. Es ist ein Roman und zugleich ein Stück Selbstbiographie oder vielmehr ein Memoirenausschnitt, wie schon die Widmung „Dem Arzte meiner Kindheit zum Gedächtnis" deutlich erkennen läßt. Wieweit alle die geschilderten Vorgänge historisch sind, ob namentlich die Persönlichkeit des Autors und seine Familie in dem Roman Vorkommen, bleibt zweifelhaft, ist aber für unsere Zwecke gleichgültig. Der Roman spielt in einer pommerschen Stadt, in der Nähe Neustettins, in den letzten Jahren des achten und am Anfang des neunten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Attentate gegen den Kaiser Wilhelm I., in der Epoche des Erwachens der antisemitischen Bewegung. Der Arzt und Kreisphysikus Dr. Gideon ist in seiner Stadt hoch angesehen. Er wirkt ausgezeichnet für sie, setzt es nach langem Bemühen durch seine Beredsamkeit, aber , auch durch eine, für seine Verhältnisse großartige Geldspende durch, daß ein Krankenhaus errichtet wird, muß es freilich zu seinem Schmerz erleben, daß nicht er, sondern ein neu zugezogener christlicher Arzt Leiter der Anstalt wird. Er sorgt namentlich in edelster Menschlichkeit für die Armen. Daher wird er von den christlichen Bürgern der Stadt schwärmerisch geliebt und-auch sein Sohn, Elias, in schwerer Lebensgefahr durch die treuen Anhänger seines Vaters geschützt. Weniger geliebt wird Gideon von den eigenen Glaubensgenossen, die zwar zu seiner ärztlichen Kunst Vertrauen haben, aber seine Toleranz, ja eine gewisse Abwendung vom Judentum, nicht nur von dessen Formen, sondern eine sehr weitgehende Schätzung des Christentums, ihm nicht verzeihen können. Obgleich aber der Arzt dem Roman seinen Titel gegeben hat — der eigentliche.Held, allerdings ein leidender, ist sein Sohn Elias. Schon als Schulknabe hat er von seiten eines hochmütigen adligen Kameraden, Werner v. Seehausen, dem Sohne eines durch seinen Leichtsinn und durch die Grausamkeit seiner jüdischen Gläubiger ruinierten Landwirts, viel Bitternis auszustehen. Wenn er auch in einem lieben christlichen Gefährten, Walther ThebesiuS, einen Herzensfreund findet,, so erleidet er auch in dem Hause dieses Freundes große Qualen. Denn er verliert den tollkühnen Freund, dem er einmal das Leben gerettet, durch einen Unglücksfall, an dem der junge Mann nicht schuldlos ist, und muß dessen Schwester, die er innig liebt und von der er wiedergeliebt wird — die Liebesszene S. 222I. ist von lieblicher Keuschheit —, aufgeben, da sie die . Liebe zu einem Juden für aussichtslos hälk Er wäre fast bei einem antisemitischen Aufstand ermordet worden, wenn nicht Verehrer seines Vaters, die sich in dem wütenden Hausen y Johannes Höffner: Gideon, der Arzt. Roman. Berlin, F. Fontane & Co. '■ ■