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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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befanden, ihn, nachdem sie ihn erkannt hatten, gerettet hätten. Aber-auch innerlich leidet der Jüngling. Und zwar durch seinen Vater,-dem er nicht verzeihen kann, daß dieser wenigstens in seinen Gesinnungen sich von dem angestammten Glauben abwendet, denn dieser Jüngling ist, gerade durch die Leiden, die er als Jude zu bestehen hat, ebenso durch innere Überzeugung ein starker Anhänger des Judentums geworden. Er will kämpfend für seine Brüder eintreten, ja hofft, eine Art Messiasrolle spielen zu können. Aber diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Zwar scheint zunächst alles trefflich zu gehen, Mas hat während seiner Schulzeit große Erfolge zu verzeichnen, wenn er auch durch einen flammenden Geschichtsvortrag den biederen Schulrat erzürnt. Er verläßt als Primus die Schule und widmet sich in der Hauptstadt dem Studium der Medizin. Dort aber ereilt ihn sein Verhängnis. Er ist zwar dem Studium treu ergeben, verzweifelt aber an seinem Können, ist innerlich gebrochen durch den Tod seines Freundes und durch den Verlust seiner Geliebten. Da gerät er von ungefähr in eine der ersten antisemitischen Volksversammlungen, hört eine furchtbare Hetzrede gegen die Juden und hält selbst eine machtvolle, schöne Verteidigungsrede der Angegriffenen. Er solldabei von dem Feinde seiner Gymnasiastenzeit, dem jungen v. Seehausen, tätlich angegriffen werden, stößt ihn von sich, nimmt eine Duellforderung an und stirbt, wenn er sich auch mannhaft wehrt, an. einer Verwundung, die ihm . sein tückischer Gegner beigebracht, hat. Während die beiden eben ausführlicher erwähnten Personen, der Arzt Gideon und sein Sohn, als wahre Jdealgestalten geschildert werden, kann man nicht sagen, daß alle übrigen Juden, die in dem Romane Vorkommen, derartige Prachtgestalten sind. Vielmehr sind die Kaufleute ungebildete Protzen, zwar nicht unehrlich, aber ausschließlich auf ihren Vorteil bedacht und grausam in der Verfolgung ihrer Interessen. Der schlimmste unter ihnen ist Moses Manasse, der reichste Mann des Städtchens, der übrigens in schrecklichster Weise zugrunde geht; bei einer Fahrt durch den Wald wird er aus dem Hinterhalt getötet. Die vorkommenden Juden sprechen meist im Jargon, der bis auf ein paar kleine Fehler ganz gut gehandhabt wird. Sie machen an und für sich — denn sie sind nicht schlechter als tausend andere — das Anschwellen des Antisemitismus zu einer wilden Volksgärung kaum begreiflich; dies wird nur wahrscheinlich gemacht durch die Zeit und durch die Nähe der durch diese traurige Bewegung verseuchten Orte. Auch die Charakteristik der übrigen Personen ist ganz vortrefflich : des täppischen, trunkliebenden Amtsdieners-des in seiner Sprache unbeholfenen Bürgermeisters, eines pensionierten Majors und der anderen Bürger dieser Stadt, des von seinem Säuferwahnsinn geheilten Schneidermeisters, des sozialdemokratischen Schusters, der mit den Antisemiten gemeinsame Sache macht, des ruinierten Gutsbesitzers und dessen adelsstolzen Sohnes und vieler anderer. Das ganze Städtchen und seine ÜmgebM unseren Augen, und sehr hübsche Naturschilderungen bereichern und erfrischen die Erzählung. Wollte ich auf alle Prachtszenen aufmerksam machen, so könnte ich nicht endigen. Höchst plastisch wird das Abiturientenexamender Jahrmarkt, das Treiben einer Zigeunerbande, ein Schützenfest, der Brand in der Synagoge, die antisemitische Versammlung, Elias^ Beerdigung dargeftellt, aber die Hauptsache bleibt die wunderbare Art, mit der der Arzt seinen Beruf auffaßt und ausübt, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, die zärtliche Freundschaft und die aufkeimende Liebe dieses Sohnes. Es ist ein treffliches Buch, nicht etwa nur in seiner Tendenz, sondern auch als Kunstwerk. Wir aber müssen besonders > dem Verfasser für seine Leistung Dank sagen, der sich noch steigert, wenn man bedenkt, daß der Verfasser Redakteur! eines Blattes ist, von dem man gewöhnlich sagt, daß .es der. judenfeindlichen Richtung angehört. Das Werk ist eine so . -«prächtige Schilderung jüdischer Menschen, hat eine so freie Art, das Wesen der Juden zu behandeln, wie man sie schöner und vorurteilsloser kaum finden kann. . v ' Lin Dilemma. lNach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von Ludwig Klausner-Dawoö. I. . war im Jahre 1863, als der Jugend des an der russischen Grenze gelegenen Städtchens X. große Freude widerfuhr. Ein ganzes Regiment sollte dorthin verlegt werden. Die preußische Regierung hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß die Grenze nicht genügend abgesperrt sei, und infolgedessen die polnischen Insurgenten hier öfter, als sich mit der preußischen Politik vertrug, aus Rußland herüberkämen und von der überwiegend polnischen Bevölkerung nicht nur sympathisch ausgenommen, sondern auch mit allerlei Kriegskonterbande versehen würden. Die Jugend, die höchstens an Feiertagen ein oder zwei beurlaubte Soldaten gesehen hatte und wie überall die Uniform liebte, konnte die Ankunft der Soldaten gar nicht abwarten und zog an dem für den Einmarsch festgesetzten Tage in hellen Haufen den Truppen entgegen. Die jüdischen Knaben verrieten genau dieselbenmilitärischen Instinkte wie die christlichen. Ja sie konnten sogar sich noch kriegerischer gebärden. Die meisten von ihnen waren bereits mit den traditionellen Waffen für den Tag der Zerstörung Jerusalems, der nahe bevorstand, versorgt. Aus einem Stück Hollunder und einem Stückchen Fischbein hergestellte Schießwaffen, aus welchen Erbsen, abgeschoffen werden, und hölzerne Schwerter sind diese Waffen. Die jüdischen Knaben umgürteten sich mit diesen Schwertern, und sie wurden deswegen nicht wenig von den christlichen Knaben beneidet. Nicht minder als die Knaben hatten die herangewachsenen jungen Mädchen ohne Unterschied der Nationalität, der Kon-! session und des Standes diesem Tag erwartungsvoll entgegen-; gesehen, erfreut über^ die Abwechslung, die das bunte Tuch! in das einförmige Leben des Städtchens bringen würde. Gar manches Fräulein träumte am Hellen Tage Romane, deren : Helden je nach dem Stande der Träumerinnen oder je nach , ihrem Ehrgeiz Gemeine, Unteroffiziere und selbst Leutnants, waren. - Ganz anders war die Stimmung der übrigen Bevölkerung. Die Polen waren ergrimmt über die weitere Absperrung der Grenze und über die Vermehrung der Schwierigkeiten, mit welchen ihre Brüder jenseits der Grenze, ohnehin zu kämpfen hatten. Die Juden, die fast ausnahmslos kleine Handelsleute, Handwerker, Schankwirte und dergleichen waren, fürchteten, daß' das bisher so flotte Geschäft über die Grenze aufhören und nicht ganz durch den Absatz an die Soldaten ausgeglichen werden würde. Die wenigen Deutschen waren wohl froh über, die Ankunft -der Soldaten, aber sie dachten gleich-den Polen und den Juden mit wenig Freude an die kommenden-

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