Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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WMlches van drn Jubilsümssusltellunsrn in Lom. Von Nomanus; I. '' ie aus den Tagesblättern bekannt, hat in diesem Jahr Italien in berechtigtem Stolz, daß nunmehr ein halbes Jahrhundert vergangen ist, seitdem in Turin, der damaligen Hauptstadt des Königreichs.Sardinien, die politische Einigung der ganzen Halbinsel unter dem Szepter König Viktor Emanuels II., des Großvaters des jetzt regierenden Herrschers, feierlichst verkündet und Rom, obwohl damals dank einer französischen Besatzung noch in den Händen des Papstes, zur zukünftigen Hauptstadt erhoben wurde, viele Feierlichkeiten der mannigfaltigsten Art veranstaltet. Alsdie hervorragendsten sind wohl die Enthüllung des Viktor-Emanuel- Denkmals auf dem Kapitol in Rom sowie die Eröffnung der internationalen Ausstellungen in Rom und Turin zu bezeichnen. Vieles ließe sich über die achtunggebietende Stellung berichten, welche auf letzterer Fabriken und Handelshäuser einnähmen, die ihre Blüte jüdischem Unternehmungsgeist und jüdischer Ausdauer verdanken. Doch dürste ein Ueberblick über das in Turin Geleistete des Originellen insofern nicht allzuviel bieten, als die führende Stellung der Juden'auf den genannten Gebieten in den meisten Ländern Europas schon feit geraumer Zeit allseitig anerkannt wird. Anders dagegen steht es mit den Ausstellungen in Rom, welche Kunst und Volkskunde zum Gegenstand haben. Denn wenige von denen, welche Interesse für jüdische Künstler und jüdisches Wesen haben, werden die Ausstellungen, mit denen in den Tagen des Jubels das alte Rom sich neu geschmückt hat, in der Hoffnung betreten, Manifestationen solcher Art auf ihnen vertreten zu finden; und das um so weniger, als bekanntlich die Anzahl der Israeliten in Italien kaum die Hälfte der allein in Groß- Berlin ansässigen beträgt, wobei noch qualitativ in Betracht zu ziehen, daß sich das Judentum der Halbinsel in einem 'Prozeß der Assimilation, um nicht zu sagen des Aufgesogenwerdens befindet! Aber trotzdem vermag jede der Ausstellungen Roms dem jüdisch denkenden und empfindenden Besucher etwas zu bieten. Erstaunt wird man sein, schon in dem ältesten aller Ausstellungsräume, den vom Kaiser Diokletian in den Jahren 305 bis 306 der üblichen Zeitrechnung errichteten Thermen, deren majestätisches Mauerwerk auch dem erstmaligen Besucher Roms sofort in die Augen fällt, da es sich dem Bahnhof gegenüber erhebt, Erinnerungen an die Juden zu finden. In diesen großartigen Bäderanlägen, in welchen man in sehr geschickter Weise Abgüsse charakteristischer Altertümer aus allen 36 Provinzen des ehemaligen römischen Kaiserreichs vereinigt hat,—der leitenden Kommission gehört übrigens der bekannte Archäologe Emanuel Loewy, Professor an der Universität Rom, an — erregt in der Abteilung Jllhrien ein christlicher Sarkophag aus dem vierten Jahrhundert, wahrscheinlich in Salona, der Residenz des Kaisers Diokletian gefunden, unsere Aufmerksamkeit, und zwar wegen der auf ihm dargestellten Personen mit ausgesprochen jüdischem Typus. Wir schauen näher hin: Es' ist der Auszug der Israeliten aus Aegypten dargestellt unter Führung von Moses, der das Meer mit dem Stabe' berührt hak- Sicherlich haben Juden zu einzelnen Figuren des Reliefs Modell gestanden. In demselben Saale, aber in der Abteilung Germanien, befindet sich ebenfalls auf einem Relief aus dem vierten Jahrhundert die Arche Noahs dargestellt. Das Original dieses Wpsabgusses gehört dem Museum in Trier an. Um vom Ende des Altertums in die mittelalterliche-Zeit und ihre Kultur zu gelangen, haben wir nur nötig uns der: elektrischen Straßenbahn zu bedienen: Sie führt uns. im Fluge durch Via Nazionäle und Corso Vittorio Emanuele , zur< Engelsburg (Castel San Ängelo). Hier ist in. der mit B.. bezeichneten Kaserne die Ausstellung für römische Ortskunde. untergebracht. Neugierig lenken wir unsere Schritte zu den. Sälen, welche Erinnerungen an das seit beinahe einem Vierteljahrhundert verschwundene Ghetto Roms enthalten. Mit Genugtuung konstatieren wir, daß. der Vorstand der.hiesigen jüdischen Gemeinde,' bekanntlich der ältesten Europas) es. als seine Ehrenpflicht betrachtet hat, eine- Sonderausstellung. zu veranstalten. Wohl . das altehrwürdigste Stück ist ein. Pergamentfoliant, die Heilige Schrift enthaltend; im zwölften. Jahrhundert geschrieben, und wahrscheinlich zwei Jahrhunderte später, von flüchtenden spanischen Juden unter großen Schwierigkeiten mit nach Rom genommen. Daneben eine Heilige Schrift^ aus dem Jahre 1551, deren Buchstaben mit Vokalen-und Akzenten versehen sind. In anderen Schränken sieht man, von massiven Silbergriffen gehalten, eine Handschrift des Buches, Esther aus dem 16. Jahrhundert, eine Thorahülle, goldgestickt auf roter Seide, silberne Thoraglöckchen aus dem Jahre 1651verschiedene Chanukaleuchter, unter denen einer aus dem Jahre 1596 besonders hervorragend, einen kunstvoll gearbeiteten Schlüssel zur heiligen Lade, einen Krug mit Waschbecken aus dem 16. Jahrhundert, einen spitzenverzierten Gebetmantel sowie-andere kunstgeschichtlich hervorragende Stücke. Und wie und wo. hausten die armen Gemeindemitglieder, welche solcheSchätze durch die Not der Jahrhunderte zu rettenwußten? Das zeigen uns die Aquarellen des vor noch nicht einem , Jahrzehnt aus dem Leben geschiedenen christlichen Malers mit dem deutschen Namen Roesler Franz (übrigens eingeborener Römer), , welche in denselben Sälen und anstoßenden Gängenausgestellt > sind. Die charakteristischsten Stellen des römischen Ghettos sind da noch kurz vor seinem Abbruch, am Ende der achtziger, Jahre des vorigen Jahrhunderts, von Meisterhand verewigt worden; und nicht nur die Gebäude, Plätze und Straßen, sondern, auch die Bewohner und Bewohnerinnen, welche vielfach, im Freien ihren Handelsgeschäften und Näharbeiten oblagen. Da find sie, die nun für immer verschwundenen Vie Eapoceiotto . Rua und Azzimelle (Matzestraße) mit ihren zum Teil noch aus dem Mittelalter stammenden Gebäuden, ja selbst die wegen ihrer ungesunden Lage am Flusse berüchtigte- Via Fiumarawährend einer Tiberüberschwemmung. Wie getreu der Künstler die Physiognomie der alten Baulichkeiten und ihrer Bewohner, wiedergegeben, läßt sich noch am Bilde, welches die Säulen- : halle der Octavia darstellt, Nachweisen, da diese glücklicherweise nicht niedergerissen worden ist. . v? Das Interesse für die eben kurz beschriebenen Gegenständer ist bei der alteingesessenen jüdischen Bevölkerung Roms ein so großes, daß mir der aufsichtführende Diener sagen konnte., „Quando vengono qui gli Ebrei, non si muovono piü.“ („Wenn die Juden hier, Herkommen, gehen sie nicht wieder fort.."). Uebrigens findet sich auch in den Sälen, welche der Topographie, der anderen Stadtteile Roms gewidmet sind, manches, was an die Israeliten erinnert, so z. B. die verschiedenen. Kupferstiche bekannter und weniger bekannter Meister, die den Triumphbogen darstellen, welchen der Senat , und das römische Volk, dem Kaiser Titus, dem Zerstörer Jerusalems, errichtete, und welcher noch heute auf dem Forum Romanum steht- Wie viele wertvolle Talente mag wohl die dumpfe Luft des engen Ghettos im Lause der Jahrhunderte, in welchen den- Juden, abgesehen von religiöser Poesie und Musik, jede.Kunstübung . unmöglich gemacht war, erstickt haben!. Dieser Gedanke: