Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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523 unserer ernsten nüchternen Zeit, für herzbefreienden Humor sorgt, der durch seine Worte immer ein gesundes Lachen auslöst, der hat sich um seine Zeitgenossen wohl verdient gemacht. L. G. Mine Lrimrerüngrn M sfrsn? Litzt. Von Ludwig Geiger. Ueber Franz v. Liszt, dessen 100. Geburtstag kürzlich gefeiert wurde, den Komponisten und Pianisten, ausführlich zu sprechen, würde meine Kompetenz überschreiten, auch wäre hier schwerlich der Ort, davon zu reden. Ich kann von mir nur sagen, daß ich das häufig geäußerte Grauen vor der Unverständlichkeit seiner Kompositionen, die Meinung, es handle sich bei diesen nur um einen unsinnigen Lärm und eine zwecklose Häufung von SchwierigkeitM, aufgegeben habe. Ich habe mich als Knabe an manchen seiner die Finger viel beschäftigenden Etüden versucht und habe besonders in den Symphoniekonzerten der Berliner Königlichen Kapelle manche seiner Ouvertüren und Symphonien mit jener Mischung von Respekt und Grauen angehört, die ein ernstes, aber nicht leicht verständliches Streben, ein eminentes Können, ein reifes, aber immerhin etwas gekünsteltes Nachdenken, dem die höchste schöpferische Inspiration fehlt, einzuflößen geeignet ist. Ueber Liszt, den Pianisten, kann ich gleichfalls aus eigener Kenntnis reden, ich habe ihn mehrere Male im Jahre 1880, also vor 31 Jahren, gehört. Er war damals 70 Jahre alt, und wenn auch der Zauber der Jugend geschwunden war, wenn auch seine Hände die Leichtigkeit und Kraft früherer Jahrzehnte eingebüßt hatten, so lag doch etwas Faszinierendes- Aufregendes . und Hinreißendes in diesem Spiel. Freilich konnte zu jener Zeit, da man schon so viele Pianisten gehört chatte, die alle Schwierigkeiten spielend überwänden, der Eindruck nicht entfernt mehr der phänomenale sein, den Liszts erstes Auftreten am Anfang der 40 er Jahre hervorgerufen. Will man sich diesen klar machen, so lese man den wundervollen Brief, den Michael Sachs an Moritz Veit über Liszt schrieb, Prag, 17. März 1840 (vergleiche den von mir herausgegebenen Briefwechsel beider Männer, Frankfurt a. M. 1897, S. 33), und man kann die Begeisterung ermessen, die in Liszts Frühzeit über ihn als Virtuosen herrschte. Ich lernte Liszt, in Weimar am 18. Juli 1880 kennen. Der Großherzog Karl Alexander hatte mich aus Empfehlung meiner verehrten Freundin Fanny Lewald nach Weimar berufen, um mich, der ich damals begonnen hatte, das Goethe-Jahrbuch herauszugeben, kennen zu lernen. Am Schluß der ungemein denkwürdigen Unterredung, die ich mit dem würdigen Herrscher im römischen Hause im Park zu Weimar hatte, forderte mich der Fürst auf, seinen Freund Liszt aufzusuchen, der den Sommer in Weimar zuzubringen pflegte. Um diese Aufforderung zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen. Franz Liszt hatte einer Anregung des damaligen Erbgroßherzogs folgend, 1849, bei Gelegenheit der Goethe- Jahrhundertseier, eine französische Schrift über die Begründung einer Goethe-Gesellschaft („De la ionäatiou Goetke") geschrieben. Der Plan, den er darin entwickelte, war ziemlich unklar, es kam im wesentlichen auf eine Stiftung zur Förderung der bildenden Kunst, auch der Musik, heraus. Es sollten Preisaufgaben gestellt, Kunstwerke und Künstler unterstützt werden. Also ein Plan, in dem der Name Goethe für Dinge gebraucht wurde, die zwar dem allseitigen Geiste' des Dichters nicht fremd, aber doch nicht übermäßig eng mit ihm verknüpft waren. Von Goethe-Wissenschaft, von der Herausgabe ungedruckter Schriften Goethes, von einer monumentalen Ausgabe von Goethes Werken, alles Pläne, die die seit 1885 tätige Goethe-Gesellschaft zu verwirklichen sucht, war also damals gar nicht die Rede. Um dies zu verstehen, muß man zunächst daraus Hinweisen, daß weder Liszt noch der damalige Erbgroßherzog sich viel mit Literaturgeschichte abgaben, daß man den Begriff einer Goethe-Wissenschaft im Jahre 1849' noch kaum kannte, und daß an Veröffentlichungen, wie man sie später unternahm, kaum gedacht werden konnte, weil die Enkel Goethes das Archiv ihres Großvaters mit ängstlicher Scheu hüteten und keinem einen Einblick in dies Archiv gestatteten- Ich hatte aber einen solchen Verein mit der angedeuteten Tätigkeit gleich ins Auge gefaßt und davon mit dem Großherzog gesprochen (ich bediene mich dafür und für das folgende meiner Aufzeichnungen, die ich unmittelbar nach dem Verlauf der Weimarer Tage gemacht habe). Ich hatte mit dem Großherzog von einem Goethe-Verein gesprochen, der sich über ganz Deutschland erstrecken, Veröffentlichungen machen und Publikationen anderer unterstützen, überhaupt allgemeine literarische Bestrebungen fördern sollte. Der Großherzog war sofort bereit; seine Antwort lautete': „Ich kenne Sie zwar kaum, wenigstens erinnere ich mich nicht, Ihnen früher begegnet zu sein, aber ich habe nach Ihren bisherigen Leistungen zu Ihnen das Vertrauen, daß Sie Derartiges in würdigem Geiste unternehmen werden; das sind Sie ja auch Ihrem Vater schuldig." Er erklärte sich bereit, die Enkel Goethes anzugehen, einer > Goethe-Gesellschaft beizutreten, und forderte mich schließlich^auf, Liszt zu besuchen. Schon in der einfachen Erwägung, daß Liszt als Urheber des Planes einer Goethe- Gesellschaft bei ihrer Erneuerung oder Umwandlung nicht umgangen werden durften Ich ging einige Schritte, vom Hausmarschall begleitet, der Mnn -zurückgerufen wurde, durch den Park zu Liszt, der höchst artig und zutunlich war, mir das Goethe-Jahrbuch zeigte, das auf dem Tische lag, von meinem „berühmten Buche" über Reuchlin sprach, freilich mit der Bemerkung, er habe es nicht gelesen und mich auf nachmittag Va4 Uhr zu einer musikalischen Vorstellung einlud. Er fügte hinzu, auch der Großherzog würde erscheinen. Die Schilderung der Gesellschaft bei Liszt gebe ich mit den Worten meiner oben angeführten Aufzeichnungen. Zunächst sang Baron v. Senfft Pilsach aus Berlin sehr schön Lisztsche und Franzsche Lieder, Liszt selbst begleitete und spielte aus seinem „Christus" ganze Zwischenchöre aus dem Klavier. Dann ließen sich eine Anzahl anderer Männer und Frauen hören, auch manche komische Figuren waren dabei, z.B. ein Kommifsionsrat aus Leipzig, der Verleger vieler Lisztscher Werke, der in unverfälschtem Sächsisch Reden hielt und dem Größherzog einmal antwortete: „ich bin Sie nämlich Stadtverordneter". Der Großherzog, der ziemlich frühzeitig erschienen war, sprach mehrmals mit mir; der Meister, wie Liszt von seinen Anhängern immer genannt wurde, war gleichfalls freundlich und forderte mich zu wiederholtem Kommen auf. Am 19. Juli war ich zur Hostafel nach Belvedere eingeladen. Die Schilderung der Tischgesellschaft gehört nich hierher, ich fuhr mit Liszt in einem Hoswagen zurück, di Unterhaltung bezog sich indessen nur auf persönliche Dinge und war von keiner besonderen Bedeutung. Am 20. erneute Einladung zum Hosdiner, wobei ich wiederum mit Liszt und dem nun verstorbenen Musikdirektor Ruland nach Belvedere fuhr. Zwischen 7 und 8 Uhr, d. h. zwischen Diner und musikalischer Soiree, war ich bei Liszt in dem Parterrezimmer eines kleinen Hauses, das für die höheren Hofbeamten reserviert war. Unser Zusammensein wurde aber