Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 522 -- ■v.> dort wohnen, sondern über das ganze unermeßlich große Land zerstreut lebengeht aus folgender Mitteilung hervor, die die „Jewish World"' Vom 22. Juni 1900 zum Abdruck gebracht hat. „Ich bin benachrichtigt worden," schrieb ein Herr S.J. Salomon in Schanghai an den inzwischen verstorbenen Chief-Rabbi Dr. Marcus Adler von England, „daß ein gewisser Oberst Lehmann, der im deutschen Heere dient und in Kwai-Chow lebte, einige Monate an einem ungefähr 100 Meilen südwestlich von Kaiföngfu liegenden Orte gewesen war, in dem es zirka 500 eingeborene Juden gibt,- von denen die meisten sich mit Seidenhandel befassen." Da wir alle diese Berichte unmöglich für pure Erfindung h alten können, so darf man mit Sicherheit annehmen, daß Juden noch jetzt an verschiedenen Orten des Reiches der Mitte leben, die nicht minder als die Falaschäs in Abessinien und die B'ne Israel in Bombay, deren Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme heute niemand mehr in Abrede stellt, unser Interesse, unsere Bewunderung und — unser Mitleid verdienen. Ich schließe nunmehr mit einem Wort des Generals Tschengkicong in seinem Buche „China und die Chinesen" (deutsche Ausgabe von Adolph. Schultze, Dresden-Leipzig ■ 1896, S. 203—205): Die Juden in China sind ein authentisches, 2000 Jahre altes Erinnerungszeichen! Nur in der jüdischen Nation findet man eine solche Anhänglichkeit an die Nationalität. Man nehme ein Volk, welches man . wolle, nach Verlauf von vier bis fünf Generationen wird es vollständig naturalisiert sein. Die Juden nie! Sie bleiben, was sie sind, wohin sie auch gehen mögen: treu ihrer Religion, ihrem Charakter, ihren Gebräuchen. Die beständige Aufrechterhaltung einer Rasse in mitten einer Bevölkerung von vierhundert Millionen ist in bezug auf die Weltgeschichte eine Tatsache von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. -»#<- Julius Strttenhrim. er treffliche Humorist vollendete am 2. November sein 80, Lebensjahr. Wer noch heute etwas von ihm liest, wie vor wenigen Wochen hübsche Sprüche oder ein lustiges Feuilleton aus einem kleinen Seebade oder die Verse, die er sich selbst in der Nummer des „Ulk" vom 27. Oktober zu seinem Feste widmet, wer den kleinen, schlanken, sich trotz seiner Jahre noch immer rasch vorwärtsbewegenden Mann sieht, der glaubt nicht, daß er einer ist, der schon über das von dem Psalmisten bestimmte Alter des Menschen hinausgegangen ist. Julius Stettenheim ist am 2. November 1831 in Hamburg geboren Er-studierte in Berlin, unternahm eine dreijährige Bortragsreise, kehrte dann nach Hamburg zurück und siedelte in den siebziger Jahren nach Berlin über, wo er seitdem mit geringen Unterbrechungen geblieben ist. Er beteiligte sich an dem literarischen Treiben der Residenz in. mannigfachster Weise, war unter anderem auch Mitbegründer der „Freien Bühne", bewies aber seine Selbständigkeit in so hohem Grade, daß er zwei Werke, die von den Begründern und Anhängern der neuen Bühne als wesentliche Denkmale einer neuen Kunst proklamiert wurdennämlich Gerhard Hauptmanns ^Fuhrmann Henschel" und desselben Dichters „Versunkene Glocke" parodierte. Seine schriftstellerische Tätigkeit ist eine außerordentlich große. Er hat niemals ein öffentliches Amt bekleidet, sondern seine Kräfte als Redakteur und freier Schriftsteller geübt. Er hat mehrere Zeitungen begründet,-, von 1858 bis 1862 gab er er dem „Almanach zum Lachen" heraus;; 1862 begründete er in Hamburg: die Wochenschrift die „Wespen", die: seit 1868 in Berlin erschien, undgab, seitdem diese eingegangen war, seit 1885 die Monatsschrift. „Das humoristische Deutschland"' heraus, der kein langes Leben be-' schieden war. Weit glücklicher als in der Herausgabe eigener Journale war Stettenheim als Mitarbeiter sehr verschiedener Zeitschriften. Seine lustigen Einfälle in sarkastischer Prosa, in guten Versen vorgetragen, machten viele Jahrzehnte das Ergötzen der Leser aus. Aus dieser seiner Tätigkeit, schon in den „Wespen" und später in dem Berliner „Ulk", ist sein Hauptwerk „Wippchens sämtliche Berichte" 1880 bis 1900 mindestens 16 Bände hervorgegangen. Diese Figur des „Wippchen", eines ehrsamen Bürgers in Bernau, der in Schlafrock und Pantoffeln, mit der unvermeidlichen Tabakspfeife im Munde von seinem Schreibtisch aus Berichte über alle die Kriege, welche seit Jahrzehnten, die Welt erschütterten, über Ausstellungen und andere merkwürdige Vorkommnisse gibt, der nichts sieht und doch über alles zu reden weiß, der einen großen Teil seiner Briefe mit Bitten um Vorschuß anfüllt, ist eine höchst gelungene Figur geworden, die unseren Schriftsteller bekannt, ja berühmt gemacht hat. Sie war wohl hervorgegangen aus einem ehrlichen Haß gegen die frivole Unzuverlässigkeit gewisser Berichterstatter, wurde aber allmählich zu einer scherzhaften Figur, die schon in ihrer Sprache, besonders in der Verdrehung geflügelter Worte Heiterkeitsausbrüche erweckte. Mit diesen Berichten ist Stettenheims humoristische Tätigkeit keineswegs abgeschlossen. Er hat zahllose Sammlungen herausgegeben, mit Anekdoten, Scherzworten, humoristischen Aufsätzen über die verschiedensten Stände. Gewiß kommen in diesen Werken häufig Wiederholungen desselben Typus, gleiche Redewendungen, gekünstelte Witzworte vor; lauter Leistungen ersten Ranges wird kein Humorist hervorbringen können. Aber der behaglich sich seines hohen Alters und seiner unverminderten Kraft sich freuende darf mit großer Befriedigung auf sein Leben und seine Leistungen Hinblicken. Wer in Julius Stettenheim. PhoL Erwin RauPV, Berlin.