Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229006--67904-3280147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
524 gestört durch einen Diener, der den Auftrag hatte, mich der Prinzessin Elisabeth zu präsentieren, die mich bisher noch nicht gesprochen hatte, während ich vom Großherzog, der Großherzogin und der Erbgroßherzogin durch längere Unterhaltungenausgezeichnet war. Um 8 Uhr begann eine musikalische Soiree. Ein Quintett von einem sizilianischen Schüler Liszts, Herrn Rendano, in dem Liszt die Klavierpartie inne hatte, sodann eine Elegie von Frau v. Bronsart für Cello und Klavier, gespielt von Grützmacher und Liszt, endlich eine Gavotte für Klavier von dem genannten Italiener. Der Großherzog stellte sich sodann zu mir und sprach längere Zeit über meine Arbeiten und übereine eventuelle Goethe-Stiftung. In betreff der letzteren verlangte er vollständige Diskretion, fragte sodann, ob ich an Berlin gefesselt sei und forderte mich auf, am nächsten Tage vor meiner Abreise zu Liszt zu gehen und mit ihm über die Goethe-Stiftung zu sprechen. Er verabschiedete sich, indem er mir herzlich die Hand schüttelte mit der Bemerkung: „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen, ich hoffe, daß eine gute Zukunft der guten Gegenwart folge." Ehe ich mit Freund Ruland den Hofwagen bestieg, hatte der Meister mich eingeladen, am nächsten Tage um 1 Uhr mit ihm zu essen, kein Hofdiner, wie er ausdrücklich betonte. Am 21. Juli schickte der Großherzog ein Billett an Liszt, das in dem 1909 erschienenen Briefwechsel*) falsch datiert, ist. Es führt das Datum „August oder September 1880", es kann aber nur vom 21. Juli morgens sein. Der Großherzog schickte mit diesem Billett dem Freunde eine briefliche Ausführung von Beaulieu-Marconnah, der auf. das Hochstift in Frankfurt hingewiesen hatte und fuhr wörtlich fort: „11 me tarde toutefois ~ de vous communiquer l’inclus, si rneme eile n’importe guerre ä l’entretien que vous aurez avec Mr. Geiger. Quand a celui-ci tächez de le gagner activement pour notre cause, en lui expliquant nies vouloirs, que volre gerie sait si bien eclairer et votre amitie si bien expliquer.“ Um 1 Uhr war ich bei dem Meister, bis ^3 Uhr war ich mit ihm ganz allein, aß bei ihm und plauderte. Ein alter, Diener, ein Faktotum, das sich manches herausnehmen konnte, bediente uns. Er sorgte fast väterlich für seinen Herrn. Als dieser von den gut zubereiteten reichlichen Speisen mehr nehmen wollte, als dem Diener für das Wohl seines Herrn nötig schien, wehrte er ab mit den Worten „Meister, es ist genug", und der Meister willfahrte ihm.^ Liszt entledigte sich seiner Pflicht, mich zu sondieren, in recht wenig diplomatischer Weise. Er fragte mich ganz einfach, ob ich etwas wolle. Ich antwortete ebenso einfach „Nein" und bemerkte, daß ich mit meiner Professur in Berlin zufrieden und mit vielen Arbeiten reichlich beschäftigt. sei, nur eine literarische Mittätigkeit bei der Goethe-Stiftung verlangte. Das fernere Gespräch mit Liszt bezog sich auf mancherlei persönliche Dinge und schloß mit einem herzlich ausgesprochenen Wunsche des Meisters „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!" Beim Abschied gab Liszt mir seine Karte, auf die er die Worte schrieb: Herrn Professor Geiger sein Weimarer- Gefährte F. Liszt..; r Damit enden zwar die Weimarer Tage, die einen.Lichtpunkt in meinen Erinnerungen, bilden, nicht aber meine Beieh ungen zu Liszt. Der Anregung des Großherzogs folgend, - hatte ich am 18. August desselben Jahres eine größere Denkschrift.über die zu begründende Goethe-Gesellschaft eingereicht. *) Briefwechsel zwischen Franz Liszt und Karl Alexander, Großherzog von Sachsen. Herausgegeben von La Mara, Leipzig 1909,> A/1.84, . _ ' " .. . . Sie durfte, um dem hohen Herrn und seinen Freund nicht Vörden Kopf zu stoßen, die von ihnen begründete „Fondation Goethe“ nicht vollkommen umwerfen, behielt also den in jener besonders betonten Zweck der Prämiierung von Kunstwerken bei.' Aber sie forderte zweitens: Preisausschreiben für größere Werke, die sich auf Goethe bezogen, und zwar a) eine großzügige Biographie Goethes und b) eine Kulturgeschichte Weimars im 18. Jahrhundert. Drittens Publikationen aus dem Goethe- Archiv. Ich deutete schon damals, 1880, an, daß sich dadurch eine reichhaltige Vermehrung unserer Briefliteratur ergeben würde, besonders, daß durch Hervorziehen von Fragmenten, von älteren Fassungen gedruckter Werke sich die innere Entwicklung, des Schriftstellers klarer werde erkennen lassen. Ich sprach davon, daß eine Gesamtausgabe des Goetheschen Briefwechsels ins Auge zu fassen sei. Viertens redete ich von einer praktischen Wirksamkeit der Goethe-Gesellschaft, in dem ich 1. eine Unterstützung von Volksbibliötheken mit Goethes Werken, 2. Verteilung Goethescher Schriften als Prämien für Schüler und 3. die .Erhebung des 28. August (Goethes Geburtstag) zu einem Nationalfesttag forderte. Diesen meinen Brief schickte der Großherzog an Liszt, und zwar am 12. September 1880. In dem oben erwähnten Briefwechsel zwischen dem Großherzog und Liszt findet sich ein Schreiben von dem angeführten Datum, mit welchem der hohe Herr seinem Freunde einen Brief des Dr. Volger, des Obmannes des Deutschen Hochstiftes, eine Denkschrift von demselben, meinen Brief und seine Antworten auf die beiden empfangenen Schreiben übersendet. Während er in dem weiteren Teil dieses Briefes Volger als einen Ideologen charakterisiert und bemerkt, daß er vor solchen Schauder empfinde, sagt er über meinen Brief: „La lettre de Geiger est celle d’une tete accoutumee ä la pratique des affaires“. Leider ist die Antwort Liszts auf diesen Brief nicht erhalten, in dem Briefwechsel ist eine Lücke vom 12. September 1880 bis zum 9. Oktober 1881. Ich hatte mir die Chancen einer Berufung nach Weimar vielleicht schon durch die Kühle, mit der ich den Eröffnungen gegenüber mich verhielt, verdorben, aber noch etwas anderes kam dazu. Ich muß im Lause des Jahres 1880 oder 1881 eine Schrift gelesen haben, die unter den: Namen Liszt veröffentlicht wurde: „Des bohemiens et de leur musicjue en Hongrie“. In dieser Schrift, in der ausgeführt war, daß die ungarische Musik hauptsächlich den Zigeunern zuzuschreiben sei, fanden sich auch starke antisemitische Aeußerungen. Sie empörten mich derart, daß ich ein größeres Schreiben an den Großherzog richtete, in dem ich ausführte, daß ein gemeinschaftliches Wirken von Liszt und mir bei den von dem Musiker ausgesprochenen heftigen Gesinnungen wenig ersprießlich sein würde. (Leider besitze ich ein Konzept des Schreibens nicht, kann auch nicht genau bestimmen, ob es diesem Jahre 1880 oder, was mir wahrscheinlicher ist, einem späteren Jahre angehört.) Ueber die erwähnte Schrift brachte das „Berliner Tageblatt" vom 26. Oktober 1911 eine sehr merkwürdige Mitteilung; danach habe Graf Geza Zichy, der Präsident der ungarischen Lisztfeier, ein Schreiben an die ungarische Akademie gerichtet, das freilich 10 Jahre uneröffnet bleiben soll, über dessen Inhalt der Gras aber vertrauliche Mitteilungen bereits gemacht hat. Er weist nämlich in dem Schreiben darauf hin, daß nicht Liszt, sondern die Fürstin Sayn- Wittgenstein die Verfasserin jener Broschüre gewesen sei, daß Liszt nur aus Ritterlichkeit die Verantwortung für die Schrift und somit auch für antisemitische Aeußerungen übernommen hätte, die von ihm nicht gebilligt wurden. Hätte ich dies vor 31 Jahren schon gewußt,, so würde jener zweite Brief an den Großherzog wohl nicht geschrieben worden sein, und manche Unannehmlichkeiten, .die sich aus meinem Freimut ergaben, wären nicht eingetreten.. .