Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228986--67547-3279770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^gebildet hatte, in den Vordergrund; durch ihren Lehrer Samuel ^Holdheim gewann sie auch eine wissenschaftliche Stütze.*^ T7. Nach einer Unterscheidung von Glaubenslehre, Sitten-. gesetz und Zeremonialgesetz stellte sich die Frage ein, ob noch der als Jude zu betrachten sei, der sich vom Zeremonialgesetz befreit hat. Die Reform berief sich auf den Ausspruch: Zeremonien sind nur Erziehungsmittel, aber nicht Selbstzwecks) Wem das Zeremonialgesetz noch eine religiöse Kraft vermittelt, wem selbst ein „Brauch der Väter wie ein Thorageb'ot" gilt, der möge sie beibehalten; wem sie jedoch nichts mehr geben, weil sie ihm als Ausdrucksmittel einer Gottesverehrung und eines religiös volkstümlichen Lebens einer längst entschwundenen Zeit erscheinen, der verliert deshalb noch, nicht den Anspruch, als Jude zu gelten. Die zweite Frage war, ob schon der als Jude zu betrachten sei, der sich mit dem Glauben an den Einzigen abfindet, oder wie es in negativer Fassung heißt, der dem Götzentum entsagt?) Hier konnte dem Gottgläubigen nur das eine zugebilligt werden daß er die Voraussetzung erfüllt, habe. Das wesentlichste unserer Gemeinschaft ist und bleibt der Bund Gottes mit Israel auf Grund des. Dekalogs, und in ihm bleibt insbesondere der Sabbat das ewige Bundeszeichen. Wer den Sabbat, der aus dem Naturalistischen und Materiellen zum Geistigen und Heiligen emporführt, wer den Sabbat aufhebt, der zerreißt ein Band, das sich um ganz Israel schlingt. Der Sabbat, der in der Synagoge begangen wird, bleibt auch für uns bestehen, da wir ja der Gesamtgemeinde angehören. Damit fällt die Anklage, die man gegen uns mit den Worten erhebt : Wir können euch alles verzeihen, nur das eine nicht, daß ihr den Sabbat verlegt habt! Wenn wir neben dem Sabbat noch einen allwöchentlichen Gottesdienst abhalten, so ist das keine Verlegung odergar Aufhebung des Sabbats, da doch täglich eine gottesdienstliche Feier stattfinden sollte. Die Zeitverhältnisse sind einmal ein unabweisbarer Machtfaktor geworden, und?s war unsere Pflicht, die Gemeinde an dem bürgerlich freien Tage zu einem Gottesdienst heranzuziehen. In ' der Hand der Hauptgemeinde, die für alle Vereinigungen, die ihr unterstehen, Verständnis und Fürsorge zeigt, in ihrer Hand liegt es, uns von einem so lange gegen uns gehegten Vorurteil und Unmut zu befreien. Anstatt durch eine Predigt am Freitag abend denen stillschweigend ein Zugeständnis zu machen, die am Sabbat aus geschäftlichen Rücksichten kein Gotteshaus besuchen können, sollte sie diejenigen ihrer Mitglieder, die einen Sonntagsgottesdienst fordern, uns zusühren, mit der Begründung, daß sie ja auch uns zu ihren Mitgliedern zählt. An unserem Kultus dürften die am wenigsten Anstoß nehmen, die den Sonntagsgottesdienst begehren. > Unter dem Zeichen des Dekalogs steht auch unsere Gemeinde. Im Zehnwort haben wir die ewig verbindlichen Grundsätze der Religion und Moral, die wir, wenn wir von Pflichten reden, alsdie eigentlichen^persönlichen Pflichten" betrachten und sie als „Herzenspflichten^ üben können. Dann aber sind es die Feste. Wir meinen nicht bloß die beiden hohen Feste, an denen vorherrschend die persönliche Religion zu Worte kommt; wir meinen auch die drei Wall-, fahrtsfeste unserer Volksreligion,' Feste, die aus Erntefestenzu religiös geschichtlichen geworden sind; an ihnen kommt auch die Menschheitsreligion zu ihrem Rechte durch die Gedanken von Freiheit, Gesetzlichkeit, Freude. Wir legen ein besonderes Gewicht auf Feste, die der Geschichte gelten/ Wen - nichts Bereschith rabba 44.?) Megilla i3 a. mehr ans Judentum fesselte, die Geschichte müßte ihn uns näher bringen. Wohlweislich wird bei uns gerade der 9. Ab,^ per Gedächtnistag der Zerstörung Jerusalems, in besonderer Feierlichkeit begangen. Nicht als Klagetag, sondern als Tag der Selbstbesinnung. Die wunderbare Erhaltung eines Volkes, in alle Zonen zerstreut, einzig und allein verbunden durch! Pie religiöse Macht — das offenbart uns eine göttliche Lei-' rtung und. Vorsehung, die uns zu großen Ausgaben berufen hat; das verpflichtet uns aber auch, denen eine Hilfe zu keiften, die in ihrer Eigenschaft als Juden zu leiden haben; Pas verpflichtet uns, auf Wege und Mittel zu sinnen, um das grausame Elend zu mildern und zu beseitigen, das der größte Teil unserer Glaubensbrüder noch zu ertragen hat. . Und sollen wir noch eines nennen, so wäre es die« Konfirmationsfeier, diese schönste Schöpfung der Reform, in! der ihre religiöse Betätigung auch am stärksten pulsiert.? Tretet ein in unsere Religionsschule und sehet zu, ob sich hier nicht ein Geschlecht findet, aus dem der Segen Gottes ruht! Oh, nennt uns nicht Apikorsim, epikuräische Gesetzesüber-l treter, nennt uns Juden bele^ im Herzen und mit dem J Herzen gute Juden!! Wenn wir auf die Zerrissenheit blicken, die sich unserer . Stammesgenossen bemächtigt hat infolge der Geschicke, der Zustände und der Parteiwirren, so hätten wir doch zunächst den Zwiespalt aufzuheben,-er sich in unserem eigenen Innern fühlbar macht. Der Ausgleich zwischen Schule, Haus und Gotteshaus, die Uebereinstimrnung von Lehre und Leben, das stellt in unserem Innern eine Einheitlichkeit und Festigkeit her, das schafft glückliche Israeliten, das drängt auf eines jeden Lippen das Morgengebet: „Gelobt seist Du, o Gott, Herr der Welt, der mich zum Israeliten bestimmt hat." Wie hinfällig erscheint da der Vorwurf, die Reform bilde eine"'Brücke zur Tochterreligion! Fraget nicht, wo mehr Täuflinge anzutreffen sind, ob hier oder drüben. Wir wollen uns nicht gegenseitig das Herz schwer machen. Reform ist die Ausgestaltung des Judentums, wie sie in der Gegenwart unserer geistigen Entwicklungsstufe und unseren religiösen Bedürfnissen entspricht. Und kann sie vorläufig auch nur einem' Teile dienen, so verliert sie doch niemals das Ganze aus den Augen. Denn eine größere Mission als nach außen hat sie nach innen! Die Erhaltung des Judentums ist ihr Ziel, und in seiner beglückenden Macht findet sie den einzigen Antrieb zu ihren Bestrebungen.; Me Mache. Berlin, den 13. Juni. den großen Organisationen des Judentums kriselt es augenblicklich sehr bedenklich. In den letzten Uebersichtern ist mannigfach von den Zuständen innerhalb be* Alliance Israelite -universelle die Rede gewesen; bei den Neuwahlen, die am 4. Juni veranstaltet worden sind, handelte es sich zum Teil um die Frage des Üebergewichts der Franzosen gegenüber den Deutschen, eine Frage, in der wir naturgemäß mehr aus die Seite der Deutschen neigen. Es handelte' sich, sodann um eine von orthodoxer und zionistischer Seite gegen Herrn Salomon Reinach inszenierte Hetze, weil dieser -durch einige Aeuße--- rungen das Mißfallen der Gegenpartei-erregt hatte. . Bei diesem Treiben zeigte- : sich, wie in jüdischen Bewegungen so oft,- die unglaubliche Undankbarkeit der' großen- Masse: sie-