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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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Angesicht des Tempels war das Werk des Priesters Esra! Da L sein umfassender Blick bald bemerkte, daß der Opferdienst die , einzig mögliche Art der Gottesverehrung war, solange der;' Tempel bestand, so hatte er wenigstens neben dem Tempel dem Gebete und der Belehrung eine Stätte errichtet.: Die Synagoge (Beth hakeneseth), die schon im Exil erstand, ward dem Tempel gegenüber der geistige Mittelpunkt der sich bildenden Gemeinde, und bald ward auch der Forschung eine. Heimstätte bereitet in dem Lehrhause (Beth.hamidrasch). Hier. allerdings verleitete ein frommer Uebereifer, einen „Zaun" umdas Gesetz zu ziehen und um ihn einen zweiten und dritten Zaun; Man glaubte durch diese „Umzäunungen" am besten die innere Pflanzung vor Verletzung zu schützen. ' > Nach dev Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 n. Ehr., mit der auch das nationale Volk aufgelöst war, trat die religiöse Gemeinde auf den Plan. Für sie-bildeten Synagoge und Lehrhaus die einzigen Stätten der Vereinigung. *) „Jetzt wohnte Gott innerhalb der vier Wände des Lehrhauses", 2) -und Meister und Jünger fanden in dem mündlichen Betriebe der Forschung fast mehr Befriedigung als in dem Lesen der Schrift?) Da aber die „an Palästina ge-i bundenen Pflichten" außer. Uebung getreten waren; da man / auch die Rechtsbestimmungen der Länder, in die man gekommen war, für bindend erklären mußte, so klammerte man sich an jenen Teil des Zeremonialgesetzes, den man als „persönliche Pflichten" bezeichnen konnte. Nichts Geringeres wu.rde durch den Ausbau des Zeremonialgesetzes erreicht, als die Aufhebung - der Unterschiede zwischen Priestern und Volk- Wenn alle zur Uebung des Zeremoniellen verpflichtet sind, .so n wird in einem gewissen Sinne der mosaische Gedanke verwirklicht, daß das ganze Volk ein.. Priesterreich darstellen soll-^ So hat denn das zeremonialgesetzliche Judentum um- 500 unserer Zeitrechnung seinen Niederschlag im Talmud; gefunden, der dann im zwölften Jahrhundert durch Mäimo-- nides eine systematische Darstellung erfuhr und im sechzehnten Jahrhundert durch Joseph Karo in einem Gesetzeskompendium, Schulchan'aruch genannt, festgelegt wurde. Wollten wir dem Talmud eine Verknöcherung des Judentums vorwersen und über ihn Klage erheben-: so würden wir ein großes Moment von geschichtlicher Tragweite übersehen. Hätte man mit dem Eintritt, unter die Völker sich nur an das Allgemeine der Propheten gehalten, um den Heiden eine Weltreligion zu eröffnen, so hätte man ihnen gar viele Zugeständnisse machen müssen, um verständlich zu werden, oder man wäre der Versuchung erlegen, von ihnen, selber manches anzunehmen, was der reinen Gottesreligion hätte Schaden bringen müssen. Sehen wir doch, wie schon der erste Aufenthalt .in der Fremde, in Babylon, dem Volke heidnische Elemente Angeführt hat, von denen man nicht mehr loskommen könnte! Wir nennen z. B. die Engel- und Dämonenlehre, .die Auferstehung des Fleisches, Paradies und Hölle. Darum war es ein Gebot der Selbsterhaltung, sich durch einweitausgesponnenes Zeremoniell von der Welt abzugrenzen und es der späteren Zukunft anheimzugeben, den Panzer des Zeremoniellen abzuwerfen,, nachdem er seinen Zweck würdeI erfüllt., haben.. In jedem Falle müssen wir noch eines bedenken. Neben der.Halacha, so wird, das Religionsgesetzliche genannt, ging doch -,auch. die> Haggada einher, die freie Forschung über religiöse,! sittliche und -geschichtliche? Fragen. Sie vergeistigte^ die Religion und wandelte nicht , selten auf den idealen Höhen y Megilla 29a; Baba bathra 25a. 2) Berachoth La. 3) Ierus. Sanhedrin sOa.! :? . .. - .»• . v; der Propheten. . Wir erinnern nur an die. Spruchweisheit^ und die?Parabeldichtung, an die Religions- und Moral-' Philosophie. ... Das Bild des Judentums änderte, sich.mit einem Schläge, als zu - Anfang des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft des Judentums eine Bewegung - im Gefolge hatte, die wir am besten als Reform bezeichnen. Diese geschichtlich gewordene Bezeichnung ist die korrekteste für die religiöse Fortbildung. Hier sind wir an dem entscheidenden Punkte angelangt, der für die Reform zur Lebensfrage wird. Wo fand sie den geschichtlichen Anknüpfungspunkt? Ohne einen solchen wäre nie und nimmer ein dauernder Grund und Boden gewonnen. Sprünge ausdem Alten ins Neue sindungeschichtlich. Weder die Sadduzäer im Altertum, noch die Karäer im Mittelalter, die jede weitere Entwicklung ablehnten und sich nur an den Buchstaben der Schrift hielten — beide Richtungen konnte die Reform nicht zum Vorbilde nehmen. Wollte sie in der Kette schöpferischer Fortbildung ein neues Glied bilden, so mußte sie sich dem Talmud anreihen. Wie nun aber, wenn sie dabei den Talmud selbst negierte? Da gab es denn keinen anderen Ausweg, als daß man den Gesetzeslehrern in jeder Zeit die Befugnis zugestand, eine zeitgemäße Regelung des Judentums zu vollziehen. So ging die Reform über die Halacha des Talmud hinaus, aber sie reihte sich ihren Liehrern an. Damit gewann sie den Anspruch, daß auch die religiöse Lebensordnung, die sie den Forderungen der Zeit gemäß einrichtete, als Halacha zu gelten habe. Gar viele „Große in Israel", allen voran Abraham Geiger, konnte sie zu ihren Lehrern nehmen, die sich als Fortbildner den Meistern des Talmud würdig anreihten. Das Werk der Reform war vorerst ein Rettungswerk. Sie eröffnete ihren Feldzug nicht bloß deshalb, um die Hemmnisse fortzuräumen, die das überlieferte Judentum im staatlichen und gesellschaftlichen Leben bereitete — ihre Triebkraft zielte dahin, alle die zu sammelndie sich nicht mehr zurechtfanden, die planlos umherirrten, vorzugsweise aber die Jugend heranzuziehen, die das Alte kalt und teilnahmslos anstarrte. Ihnen allen wollte sie das Judentum im Lichte der Zeit neu gewinnen. Der Talmudismus bedeutet uns die mehr als 2000 jährige Entwicklungsarbeit, die wir durchaus nicht verleugnen, der wir vielmehr zum Danke verpflichtet sind; sie bot uns die Handhabe, zur Reform überzuleiten, sobald die rechte Zeit gekommen war, in der ein neues Geschlecht eine solche Reife kundgab, daß es Ms schützenden Zeremonialgesetzes nicht mehr bedurfte,' um gegen alle Anfechtungen von außen gefeit zu sein, ein Geschlecht, das mit der. Erkenntnis seiner Bestimmung zugleich die Krafterlangte, sich selbst zu behaupten. Nicht Philosophen wie Philo und Mendelssohn — nein Talmudlehrer sind es, die der Reform dreÄege ebneten. Die einen, die mit den Zeitverhältnissen rechneten, sagten: Es sei ratsam, einzelne Gesetze aufzuheben, wenn dadurch die eigent-? liche Thora erhalten bleibt?) Oder: Man lege der Gemeinde keine Gesetze-auf, die von der Mehrzahl nicht geübt werden können?) Die anderen, die ihre Blicke in die Zukunft richteten, gingen noch weiter; sie faßten die Möglichkeit einer Aufhebung des Zeremonialgesetzes ins Auge. In der Zukunft der Tage werden überhaupt die religionsgesetzlichen Uebungen aushören?)» Ein neuer Frühling, war über die Judenheit gekommen. Aus den mannigfachen reformatorischen Bestrebungen trat die Berliner Reformgemeinde, die sich in den vierziger Jahren y Temnra 14b. 2) Baba balbra 60^ 3) Nidda 61b. ......■'.‘h-.l-i'—--> Sm

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