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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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vergißt Verdienste, die sich jemand jahrzehntelang erworben, sie übersieht ein der guten Sache gewidmetes reiches Leben und klammert sich an eine einzelne Aeußerung, um den, der sie getan hat, zu vernichten. Hoffen wir, daß derartiges Uebelwollen der Masse einer so - großen Organisation nicht; zum Schaden gereiche; hoffen wir aber vor allem, daß Deutsche; und Franzosen bei einem so großen Kulturwerk auch ferner gemeinsam friedlich arbeiten und nicht durch Machtsragen ein heilsames Werk schädigen. * Zwei große deutsche Vereine haben in letzter Woche getagt. Der Allgemeine Rabbinerverband und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund. . Die Generalversammlung des Allgemeinen. Rabbinerverbandes, die am 8. und 9. d. M. in Berlin tagte, beschäftigte sich unter anderem auch mit der Stellungnahme zu dem vielbesprochenen Entwurf eines Organisationsgesetzes der jüdischen Gemeinden in Preußen. Nach längeren Debatten wurde das als Kompromiß vorgeschlagene Suspensiv-Veto mit 47 gegen 32 Stimmen abgelehnt und zum Beschluß die Forderung erhoben, daß dem Rabbiner das absolute Recht zugestanden i werden müsse, gegen etwaige Reformen des Kultus und Ritus, die bei seiner Anstellung noch nicht vorhanden waren ein rechtsgültiges Veto einzulegen. Unsere Zeitung hat wiederholt während der letzten Jahre in den Aufsätzen von Felix Makower, in dem warmen Appell von Professor Mahbaum und noch zu allerletzt in einer Darlegung von E. Löwe die ungeheuren Bedenken hervorgehoben, die gegen dies Vetorecht geltend zu machen sind; der Verband Deutscher Rabbiner hat sich in seiner Majorität diesen Gründen verschloffen und dadurch Schwierig- 7 keiten bereitet, die kaum überwindlich scheinen. Unseres Erachtens ist eine gesunde Entwicklung der Gemeinden mit diesem Vetorecht völlig unvereinbar. Aber auch in diesem Fall wollesi wir uns der trüben Auffassung nicht hingeben, es wird auch', so dunkel die Wirrnis zu sein scheint, sich hier ein Ausweg finden, und eine gedeihliche Entwicklung in der Zukunft wird möglich sein. Auch in anderen öffentlichen Versammlungen ist gelegentlich von jüdischen Dingen die Rede gewesen. In der außerordentlichen Tagung der evangelischen Kreisshnode Berlin- Köln fand eine freie Aussprache über das Recht der Geistlichen statt, ihrer inneren Ueberzeugung in Reden und Schriften Ausdruck zu geben, in der hauptsächlich der Gegensatz des Protestantismus gegen den Katholizismus zur Sprache kam. Die Vertreter der freien Richtung bezeichneten sich als deutsch-evangelisch, während sie ihre Gegner mit der Benennung römisch-evangelisch zu kennzeichnen versuchten. Einer der Vertreter der positiven Richtung, Hofprediger H. Ohly, rief einem freisinnigen Redner zu: „Sie haben eins vergessen, es gibt auch noch ein jüdisch-evangelisch?' Darauf erfolgte Heiterkeit und Unruhe, und von der. linken Seite ertönte der Zuruf: „Stöcker-Nachfolger". In der PfingstversammluNg der demokratischen Der-, einigung zu Gotha erwähnte ein Mitglied, ' daß der geschäftssührende Ausschuß in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Zentralvorstand eine Resolution angenommen habe, die die Ausführungen des Parteimitgliedes Professor Dr. Gurlitt in Magdeburg über die Judenfrage und den Kulturkampf als mit den Anschauungen der Partei in Widerspruch stehend bezeichnet habe. Aüf eine Anfrage aus der Versammlung erwiderte Dr. Breitscheid, daß Professor Gurlitt es abgelehnt habe, sich dem Parteivorstand gegen? über den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu rechtfertigen. Es bleibe demnach nur der Weg offen, ihm zu erklären, daß. er. mit seinen Ausführungen sich in einen Widerspruch gesetzt habe zu den Anschauungen der Partei. Die Kandidatur des Professor Gurlitt für Bremen sei schon vor Bekanntwerden seiner Magdeburger Rede zurückgezogen worden. Der Parteitag erklärte damit den Fall .Gurlitt für erledigt. * , Aus Rußland ist leider nach wie vor nur Trauriges zu berichten. Es vergeht kein Tag, an dem nicht die erfindungsreiche Regierung des Zaren für unsere bedauernswerten Glaubensgenoffen neue. Drangsalierungen erfindet. Dem Hilfsverein der D e ut.schen Iu d en ging dieser Tage folgendes Telegramm zu: »Die Schikanierungen durch die Polizei, denen die Juden in allen Provinzen Rußlands fortdauernd ausgesetzt sind, greifen nunmehr auch auf die Hauptstadt Petersburg über. Die Polizei dringt in später Nachtstunde in die Wohnungen angesessener jüdischer Bürger ein und nimmt „Revisionen" vor, ob nicht irgend jemand ohne Wohnrecht sich im Hause befinde. Diese in Petersburg bisher in solchem Umfange unbekannten Maßregeln rufen unter der jüdischen Bevölkerung eine starke Unruhe hervor." Dem „Berliner Tageblatt" wird unter dem 11. Jüni aus Petersburg gemeldet: Der neue Oberprokuraior des heiligen Synods hat dem Minister des Innern mitgeteilt, der Synod halte es mit dem Standpunkt ter russischen Kirche.unvereinbar, daß Juden christliche Namen tragen. Infolgedessen ist. ein entsprechendes Verbot an alle Rabbiner sowie an die geistlichen Behörden erlassen worden. Zum Schluß noch eine Mitteilung des „Berliner Tageblatt" von gestern, die beweist, daß Rußland in seiner judenfeindlichen. Politik sich nicht beirren läßt und vor keiner Macht der Welt zurückschreckt: Die aus Amerika in die europäische Presse gelangte und vielfach kommentierte.Nachricht, daß die russische Negierung der amerikanischen gewisse Erleichterungen in bezug auf die Pässe der Juden zugesichert habe, wird mir an zuständiger Stelle als unrichtig bezeichnet. Wohl hat die amerikanische Negierung, als im vorigen Jahr ihr in Koustantinopel beglaubigter Botschafter, der Rußland besuchen wollte, auf Paßschwierigkeiten stieß, da er Jude ist, versucht, Erleichterungen für amerikanische Bürger jüdischen Glaubens durchzüsetzen, hat dabei aber nicht das geringste Verständnis, geschweige denn ein Entgegenkommen bei der russischen Regierung gefunden. Im Gegenteil verwies diese darauf, daß solche Paßerleichterungen eine große Erregung unter der russischen Bevölkerung Hervorrufen würden, zudem aber nur durch einen gesetzlichen Akt durchführbar wären. Da die Durchsicht der Judengesetze von Jahr zu Jahr hinausgeschoben wird, so liegt die ganze Frage der Paßerleichterungen noch in sehr weitem Felde. Uebrigens ist es mir bekannt, daß die hiesige deutsche Botschaft sich für die ganze Frage sehr lebhaft interessiert und wohl keinen Augenblick gezögert hätte, eine den Vereinigten Staaten gewährte Vergünstigung auch für Deutschland als einer meistbegünstigten Macht in Anspruch zu nehmen. . Bei den großen italienischen Jubiläumsfesten sind vielfache Dekoratiönew der Männer erfolgt, die mit der Leitung der Feste beschäftigt waren. Der „Kölnischen Zeitung" entnehmen wir folgende Notiz.: Ganz selbstverständlich war es, daß auch der in diesem Festjahr vielgeplagte Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, seinen Lohn in Form einer hohen Auszeichnung erhielt. Da man seine Ernennung zum Senator nicht ernstlich ins Auge fassen konnte, weil keine der gesetzlich festgelegten Kategorien für die Herrenhausmitglieder auf ihn anwendbar war. so wurde ihm das Großkreuz des Mauritius- und LazarrrsordenD verliehen (im .Range etwa gleichwertig mit der ersten Klasse des Roten Adlerordens). Diese Verleihung ist aus dem Grunde besonders beachtenswert, weil Nathan der Bürgermeister der

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