Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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abzuwarten, ob dieser gewiegte Staatsmann die nötige Energie zeigen wird, um die Ungesetzlichkeiten eines seiner Kabinettsmitglieder rechtzeitig unwirksam zu machen.. * Der Hilfsverein der Deutschen Juden sendet uns folgende Mitteilung: & Um die junge Generation im Orient für den wirtschaftlichen Wettbewerb bereits auf der Schule auszurüsten, ist der Hilfsverein der Deutschen Juden darangegangen, die intellektuelle Ausbildung durch Einführung von Handfertigkeitsunterricht zu ergänzen. Der Handfertigkeitsunterricht — dessen Wert für die körperliche und geistige Entwicklung wie die Berufsvorbildung der Jugend .immer mehr erkannt wird — soll in den Schulen des Hilfsvereins ein besonderes'Lehrfach bildendas in den Händen fachmäßig geschulter Lehrer liegt. In Konstantinopel ist bereits vor einigen Jahren — in der Or- Thora-Schule des Hilfsvereins daselbst - der Anfang damit gemacht worden, und der Unterricht hat sich dort bestens bewährt. Mit Unterstützung der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung in Hannover hat der Hilfsverein der Deutschen Juden nunmehr die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in den Orientschulen in weiterem umfange in Angriff genomnien. Am Anfang des neuen Schuljahres hat der Hilfsverein einen geprüften, praktisch wie theoretisch gebildeten Gewerbelehrers Herrn Arthur W. Schmidt, einen Schüler von Georg Korschensteiner in München, nach Palästina entsandt, um zuvörderst im dortigen Schulwerk des Hilfsvereins den Handfertigkeitsunterricht zu organisieren. Jetzt wird bereits an drei Anstalten des Hilfsvereins von Herrn Schmidt Unterricht erteilt: an zwei Knabenschulen, in Jerusalem und dem benachbarten Jaffa, dem er zwei Tage in der Woche widmet, und dem Lehrerseminar in Jerusalem. ' Der Unterricht wird alsbald auf weitere Institute des Hilfsvereins in Palästina wie im europäischen Orient ausgedehnt werden. In erster Linie wirb er in der Mittelschule des Hilfsvereins in Haifa zur Einführung gelangen, die den Unterbau für das Jüdische Institut für'technische Erziehung in Palästina bildet. ■ Durch die fachmäßige Ausbildung der Zöglinge des Lehrerseminars in Handfertigkeiten, die berufen sind, in der asiatischen Türkei wie in den Balkanländern in Stadt und Land, an Schulen des Hilfsvereins wie an anderen Anstalten als Lehrer zu wirken, ist zu erwarten, daß dieser für die Regeneration der Judenheit im Orient höchst bedeutungsvolle Unterrichtszweig bald eine weite Verbreitung erfährt. '""'.-V ' * ■ ■; Die „Zionistische Vereinigung" sendet uns folgende Zuschrift: Vor einigen Tagen hat in der türkischen Depnliertenkamnrer anläßlich der Debatte über das Budget auch der Zionismus wiederum Stoff zu einer großen Diskussion gegebnen.. Dabei sollte, wie es anfänglich hieß, der neue türkische Minister des Innern eine Erklärung gegen den Zionismus abgegeben Haben. Wie wir nun einem in der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau" erschienenen ausführlichen Bericht über die Debatte entnehmen, hat der Minister.sich über die Juden und die jüdischen Ansiedlungen im Orient sehr freundlich ausgesprochen unp nur. gesagt, was ja selbstverständlich ist und was natürlich dtzr Zionismus auch nicht erstrebt, daß die türkische Regierung keine Ärrsiedlungen dulden werde, die eigene politische Ziele verfolgen. Diese Erklärung müßte der Minister abgeben, weil von den Gegnern der Regietüng der Zionismus als eine der Türkei gefährliche separatistische Bewegung dargestellt worden war. .Die Reaktionäre hofften so aus dem von ihnen verfälschten Zionismus der. Regierung einen Strick drehen zu können. Im übrigen wurde in der Debatte von verschiedenen Abgeordneten hervorgehoben, welchen großen Nützen die jüdischen Ansiedlnngen in Palästina dem Lande brächten. Es wurde-zahlenmäßig dargetan, wie rasch die Staatseinkünfte aus den vor zwei Jahrzehnten gegründeten jüdischen Kolonien von Jahr zu Jahr in die Höhe gegangen sind. Von einem bulgarischen Deputierten, der die Verhältnisse eingehend studiert hat, wurde noch besonders betont, daß es einen Gegensatz zwischen jüdischen und arabischen Bauern in Palästina überhaupt nicht gebe, daß sie vielmehr in vollkommenster Eintracht und Interessengemeinschaft leben. * Wie dem „Berliner Tageblatt" aus New Jork gemeldet wird, ist es den langjährigen Bemühungen der amerikanischen Diplomatie endlich gelungen, die Zulassung amerikanischer Juden in Rußland durchzusetzen. Es wurde die Anordnung getroffen, daß den geschäftlich nach Rußland reisenden jüdischen Bürgern Amerikas durch russische Diplomaten in Amerika Pässe auszustellen sind. . ÄA» Sr. Ohilipp Mach ist Ende Mai 1841 zu Tworog, Kreis Gleiwitz in Oberschlesien, geboren. In Beuthen, Oberschlesien, erhielt er seinen ersten Unterricht und kam dann nach Breslau in das katholische Gymnasium. Aeußere Umstände nötigten ihn, das Gymnasium als Primaner zu verlassen. Er beschäftigte sich mit talmudischen Studien und absolvierte spater sein Abiturium als Extraneus auf dem reformierten Friedrichsgymnasium. Alsdann besuchte er die Universität in Breslau, wo er sich philosophischen Studien hingab. Zu gleicher Zeit genoß er seine theologische Ausbildung an dem jüdisch-theologischen Seminar, das kurz vorher in Breslau gegründet worden war. 1862 löste er die von letzterer Anstalt gestellte Preisaufgabe: „Rabbi Simeon ben Gamaliel nach seinen Lebensverhältnissen und seiner geistigen Wirksamkeit", welche in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" ihre Veröffentlichung fand. 1865 promovierte er in Breslau mit einer Dissertation : „Der Gottesbegriff bei Aristoteles". 1867 erhielt er die Autorisation zum Rabbinat. 1869 berief ihn die jüdische Gemeinde zu München, um dort eine gehobene Gemeindeschule zu organisieren und zu leiten, was er zur Zufriedenheit der Gemeinde und der staatlichen Behörden erfolgreich aussührte. Ende 1871 folgte er einem Ruf nach Posen, um das Rabbinat der israelitischen Brüdergemeinde zu übernehmen, in welchem er gegenwärtig noch wirkt. Soweit seine praktische Wirksamkeit es gestattete, suchte er sich wissenschaftlich zu betätigen. In seinen Predigten läßt er stets das belehrende, religionsgeschichtliche Moment hervortreten. - Seine wissenschaftlichen Arbeiten umfassen zumeist die jüdische Religionsphilosophie, die Mystik und Kabbala und die talmüdische Poesie oder Agada. Auch die Geschichte der großpolnischen Judenschast verdankt ihm wertvolle Beiträge: Von Dr. Philipp Bloch. MS