Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Lie Folge davon war, daß über 8000 Schankwirte (nach unseren Berechnungen stellt sich die Zahl doppelt so hoch) jetzt ihren Beruf und ihre Erwerbsmöglichkeit verloren Haben. Alle diese Leute sind arme, wirtschaftlich ganz vernichtete Existenzen. Alle diese Tausende erwarten von der Regierung Hilfe und Rettung. Die Schänkerfrage in Galizien ist eine soziale.Frage dieses Landes. An diese Darlegung wurde die Bitte geknüpft: „Die Regierung geruhe die Frage der Schankkonzessionserteilung in Galizien von Amts wegen zu untersuchen und dem Tausenden um ihre Existenz gebrachten Schankwirten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." Der Minister gab beruhigende Versicherungen. Nach einem freundlichen Empfang einer Deputation, die für den Monarchen eine Huldigungsadresse abgab, durch einen Hofbeamten, ging der Zug nach dem Parlamentsgebäude, wo er von dem Obmann des Polenklubs^Lazarski empfangen wurde. Am Nachmittage folgten in zwei Lokalen große Versammlungen, in denen die Abgeordneten Stand und Breiter Reden hielten; in beiden Versammlungen wurden gleichlautende Resolutionen angenommen. Lu heinemsmr Vogkllteins 70. Geburtstag. Bon Max Freudenthal, einemann Vogelstein 70 Jahre! Wie ein Traum mag solche Kunde jedem dünken, dem die jugendfrische Gestalt des Jubilars mit all der lebendigen Wärme seines Wortes und mit all der unverwüstlichen Begeisterung seiner Ueberzeugung vor Augen steht. Und doch — Vogelstein ist am 13. Februar 1841 zu Lage im Lippeschen geboren und hat am 20. d. M., als am 22. Schebat, seinen 70. Geburtstag begehen dürfen. Seine Berufsausbildung war die für einen modernen Rabbiner bereits selbstverständliche. Abiturient der Rektorschule in seiner Heimat und des Gymnasiums zu Detmold, studierte er seit Herbst 1859 'an der Breslauer Universität und zugleich am dortigen jüdisch - theologischen Seminar, promovierte daselbst 1865 als Doktor der Philosophie auf Grund einer Dissertation über die Alexandersage bei den Orientalen und wurde 1868 mit dem Rabbinatsdiplom aus dem Seminar entlassen. Im selben Jahre noch übernahm er die Rabbinerstelle in Pilsen, die er zwölf Jahre innehatte. Seit 1880 wirkt er als Rabbiner in Stettin, woselbst während seiner Amtstätigkeit die Gemeinde nicht bloß äußerlich sich entwickelt hat, sondern auch in ihren Institutionen mit durch sein unermüdliches, pflichttreues Walten in Wort und Tat sich zur Blüte aufgeschwungen hat. Mehr noch aber bedeutet Vogelsteins Name außerhalb seiner engeren Gemeinde in der gesamten deutschen Judenheit ein Programm. Das ist wohl der schönste Ruhm eines Menschenschaffens, daß es die charakteristische Ausprägung einer bestimmten höheren Idee darstellt und mit ihr völlig eins geworden ist. Wie Abraham Geiger zu seiner Zeit ganz allgemein und überall in den Landen als der liberale Rabbiner schlechthin gegolten hat, so jetzt Vogelstein unter den Juden Deutschlands. Er ist das nicht von Hause aus gewesen, und es wäre eine völlige Verkennung, in ihm darum heute etwa den Radikalen zu sehen. Wer seine tiefe persönliche Religiosität kennt, die auch die angemessene religiöse Formenbetätigung durchaus nicht scheut, der weiß, daß Vogelstein alles andere als ein Reformer im landläufigen Sinne ist. Nur der unerschütterliche, ehrliche Mut, mit dem er zu jeder Zeit in vorderster Reihe für die religiös-liberale Idee, für eine stetig, nicht sprungweise fortschreitende Entwicklung im Judentum und für die Notwendigkeit ihrer praktischen Nutzbarmachung eingetreten ist, konnte die Gegner seinen wirklichen Standpunkt so völlig mißverstehen lassen. So mutig hat er sich allerdings schon in seiner Studienzeit zu einer fortschrittlichen Welt- und Lebensanschauung bekannt. Er war kaum in Breslau angelangt, als im November .1859 die Feier des hundertjährigen Geburtstages Schillers die Geister zu erregtem Aufschwung in allen nationalen und geistigen Gedankenkreisen führte und dem Liberalismus die unbeschränkte Herrschaft sicherte. Viel von dem begeisterten Enthusiasmus jener Tage, in dem der junge Student um so stolzer mitflutete, als er Burschenschafter — Breslauer Germane — geworden war, ist in dem Geblüte des Mannes haften geblieben und die Grundstimmung seines Wesens geworden. Unerschütterlich vor allem war seitdem sein Glaube an die Kraft des Fortschritts unter den Menschen auf allen Gebieten, auch auf dem der Religion. Sein späterer Aufenthalt in Pilsen gab ihm sogar Gelegenheit, in politischen Dingen seine deutsch-freiheitliche Gesinnung zu betätigen. Er stand dort mit an der Spitze der Deutsch-Liberalen im Kampfe gegen das Tschechentum, dessen siegreiches Vordringen die Sehnsucht nach dem geeinten deutschen Vaterland um so stärker werden ließ und ihm den Abchied von der sonst liebgewonnenen Ge. meinde leichter machte. Für seine religiöse Entwicklung aber wurde von ausschlaggebender Bedeutung, daß in Breslau auf ihn als Studenten der Mann einwirkte, dessen Persönlichkeit und Schriften ihn mit starken Eindrücken erfüllten': Abraham Geiger. So hoch auch Vogelstein die Lehrer des Seminars schätzte, er mußte es bald empfinden, daß ihr freies Denken nicht über die wissenschaftliche Theorie hinausging und vor der Praxis halt machte. Praktisch jüdische Theologen brauchen aber nicht bloß Lehrer, sondern auch Lebensführer, und außerhalb des Seminars, an der Spitze der Breslauer Gemeinde, stand damals in Abraham Geiger ein Mann, der zum Führer wie geschaffen schien, der nicht bloß gleich den Seminarlehrern ein glänzender Vertreter der historisch-kritischen Forschung war, sondern auch ihre Resultate in praktische Formen zu gießen und Wissenschaft und Leben aneinander zu binden wußte. In den späteren Jahren der Selbständigkeit hat dieser Einfluß Geigers auf Vogelstein nur noch zugenommen, und erst jüngst — in hohem Alter — hat er dem Meister, der schon die Anschauungen seiner Jugendzeit bewegt hatte, im Geiger- Gedenkbuch ein würdiges Ehrendenkmal mit errichten helfen. Rabbiner Dr. f}. Dogelstein-Ltettin.