Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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- Praktische Umsetzung der wissenschaftlichen Ergebniffe ins L eben ist denn auch allezeit das wesentliche Element der Tätigkeit Vogelsteins im täglichen Beruf, in der Literarischen Arbeit , und in der größeren Oeffentlichkeit geworden und geblieben. Anpassung der Religion an das irdische Muß, Berücksichtigung der tatsächlichen Verhältnisse, Verbindung von Lehre und Leben, aus daß eins dem andern frisches Blut zuführe, nicht aber durch unüberbrückbare Klüfte getrennt beides hüben und drüben verdorre: nach diesen Grundsätzen führteer selbst sein Amt. für sie suchte er seine Amtsgenossen und die deutsche Judenheit zu gewinnen. Und . es spielte eben seiner wissenschaftlichen Ueberzeugüng sicherlich auch hierbei wieder das starke vaterländische Empfinden aus jenen Studienzeiten mit, das ihn dazu antrieb, der Anpassung der deutschen Juden an die öffentlichen Landesverhältnisfe im besten Sinne das Wort zu reden: für den vermehrten Gebrauch der Landessprache im Gottesdienst einzutreten, die Ausgleichung der jüdischen mit der staatlichen Ehegesetzgebung zu befürworten, als einer der ersten dem Zionismus unerschrockene Fehde anzusagery der ebenso sehr seinem jüdischen Ideal, wie seinem vaterländischen Empfinden widerstrebte. Auch sonst läßt sich bei Vogelstein der Mensch und der Theologe nicht trennen, und diese wohltuende Vereinigung kam ebenso seiner Amtsführung zugute, wie sie sein Ansehen unter den Berufsgenossen und in der weiten Oeffentlichkeit Hob. Feinfühliges, taktvolles Empfinden in den mannigfaltigen Verhältnissen, die das rabbinische Amt in einer größeren Gemeinde mit sich bringt, erwarb ihm dauernd die Liebe seiner Gemeindemitglieder; schrankenlose hilfsbereite Menschenfreundlichkeit, die niemals sich mit dem Hinweis auf das starre Religionsgesetz genüge, tut, um bedauernd abzulehnen, sondern selbst in den schwierigsten Fällen nach Weg und Steg sucht, machte ihn zum Vertrauten, zum Ratgeber und oft genug selber zum Helfer für Glaubensgenossen aus dem ganzen Reiche, die sich in ihren Nöten an ihn wandten. Die Ehrlichkeit und Offenheit, mit der er allezeit seine religiösen Ueberzeugungen bekannte, ließen selbst die Schar dererdie wohl gleich ihm dachten, solchen Mut der Ueberzeugung aber nicht besaßen, mit um so größerer Hochachtung zu ihm emporschauen, und eine gewisse vornehme Ritterlichkeit, die immer ihm über Wort und Haltung ausgegossen liegt, entwaffnete seine Gegner im persönlichen Verkehr mit ihm und stach auffällig ab von dem plumpen Fanatismus, mit dem feindliche Flugschriften und Artikel über ihn herfielen. An solcher Gegnerschaft hat es natürlich nicht gefehlt. Ganz besonders heftig tobte der Kampf gegen ihn, als die deutsche Orthodoxie allgemein gegen das Gebetbuch mobil machte, das er im Auftrag des Verbandes der Shnagogengemeinden Westfalens 1894 bis 1896 erscheinen ließ. Es war freilich die allerungeeignetste Veranlassung zu einem großen Feldzuge. Denn das Buch enthielt nichts Revolutionäres, war vielmehr nach denselben Grundsätzen bearbeitet, nach welchen bereits ein halbes Jahrhundert hindurch die. Mitglieder aller großen Gemeinden, die Besucher der zahlreichen modernen Synagogen, also die weitaus überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden ihre Gebete verrichtet halten, ohne auch nur das geringste von ihrem Seelenheil dabei einzubüßen. Die Riten dieser neuen Gebetbücher sind ja bereits so in Fleisch und Blut unserer Synagogenbesucher übergegangen,' daß sie völlig in die Reihe der Minhagim eingerückt find, und darum war auch der ganze Kampf gegen das Westfälische Gebetbuch ein Sturm im Wasserglas. Er. verlief einfach kläglich, obwohl die gegnerischen Heißsporne selbst davor nicht zurückgescheut waren, die Benutzer dieses Gebetbuchs als „Atheisten", als - „Lästerer des Gottes. Israels" zu., brandmarken. Wie wenig übrigens - der Urheber. „dieses unqualifizierten, schmählichen Attentats auf. den . jüdischen. Sinn und Geist" — damit meint einer jener gegnerischen Gutachter nicht etwa, wie man vermuten würdesich selber, sondern Vogelstein — durch solche Angriffe an Ansehen und Beliebtheit verloren hatte, geht daraus hervor, daß er kurze Zeit darauf bei der Reorganisation des Rabbinerverbandes in Deutschland im Jahre 1897/98, durch welche fortan allen Richtungen der Zutritt zum Verband ermöglicht ward, mit 65 von 73 abgegebenen Stimmen in den Zentralausschuß gewählt wurde, dem er noch heute, jetzt sogar im engeren geschäftsführenden Ausschuß, angehört. ' Hier im Rabbinerverband entwickelte Vogelstein im Interesse des Gesamtjudentums und des Rabbinerstandes eine .eifrige Tätigkeit, wie es überhaupt zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehört, Aemter nicht um der Ehren, sondern nur um der Arbeit willen zu übernehmen, und wm. er noch heute nur höchst ungern bei einer Tagung' fehlt. Es waren verschiedenfach gerade die schwierigsten Fragen, für die er als Referent bestellt war. So hat er in der Rabbinerversammlung des Jahres 1884 über die Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts referiert, 1898 mit seinem Antipoden, dem verewigten Horowitz aus Frankfurt am Main zusammen, über oder vielmehr gegen den Zionismus gesprochen, der ihn seitdem auf die Proskriptionsliste gefetzt und ihn mit nicht minder liebevollen, aber auch ebenso erfolglosen Anwürfen bedacht hat wie die orthodoxen Widersacher. Seit einiger Zeit gehört er zugleich dem Kuratorium der Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands an. Auch im Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden zählt er zu den eifrigsten und verläßlichsten Mitarbeitern, in dessen Hände jetzt die Leitung der apologetischen Arbeiten gelegt ist. Selbst an wissenschaftlichen Forschungen hat es Vogelstein trotz dieser reichen Inanspruchnahme nicht fehlen lassen. Seinen bibelwissenschaftlichen Standpunkt legte er neben gelegentlichen Abhandlungen in einer historisch kritischen Untersuchung über die Kämpfe zwischen Priestern und Levitenheit in den Tagen Ezechiels darvon seiner talmudischen Belesenheit zeugen seine Arbeiten in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums über die Abschaffung der Todesstrafe und über'den Begriff der Notwehr, beides nach dem mosaisch talmudischen Rechte dargestellt. Neben anderen Gelegenheitsschriften hat er in den letzten Jahren regelmäßig interessante Berichte über die erfolgreiche Neuorganisation des Religionsunterrichts in seiner Gemeinde veröffentlicht. Nach wie vor aber ist es vor allem die große Sache des religiösen Liberalismus, der sein Werben und Wirken gilt, und für die er in Vorträgen wie auch in Aufsätzen, besonders in dieser Zeitschrift, nachdrücklichst eintritt. Er hatte einst an der letzten öffentlichen Kundgebung teilgenommen, zu der die liberalen Juden Deutschlands sich im vorigen Jahrhundert noch einmal mühsam aufgerafft, an der Augsburger Synode 1871. Damals war er ein junger Rabbiner, erst wenige Jahre zuvor ins Amt getreten, der Vertreter der Zukunft unter den übrigen rabbinischen Teilnehmern, die sämtlich der älteren Generation angehörten und alle längst dahingegangen sind. Keiner von seinen zeitgenössischen Kommilitonen, nicht ein einziger Rabbiner der Breslauer Schule, hatte sich sonst eingesunden, und die Wehmut ob der geringen Anteilnahme zitterte in den beredten Worten des Präsidenten Professor Lazarus schmerzlich nach. Die religiös-liberirle Betätigung war matt geworden, nicht aus innerer Schwäche,