Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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für meine Pflicht, nachdem ich das Werk von dem Verfasser, einem Wiener adligen Schriftsteller, der sich unter dem erwähnten Pseudonym verbirgt, erhalten habe, auch den Lesern unserer Zeitung darüber Bericht zu erstatten. - Das Werk ist, wie sein Titel angibt, ein Wiener ~ Hochschulroman. Es berichtet in erster Linie von den Kämpfen der . Deutschen mit den Tschechen nnd anderen Völkern der österreichischungarischen Monarchie, von dem Gegensatz der Klerikalen und der Liberalen. Unendlich viele Professoren werden vorgeführt.- schlichte, in alter Weise nur ihrer Wissenschaft lebende Gelehrte, moderne Streber, die durch Protektion und Gesinnungslosigkeit vorwärts zu kommen suchen, Reklamehelden, Frauenjäger usw. Gewiß ist hier manches nach wirklichen Modellen gezeichnet, besonders die höchst merkwürdige Figur des Hans v. Eckh, eines gelehrten, gesinnungstüchtigen Historikers, der zuletzt doch, um ein Ordinariat zu erlangen, aus seinem grundlegenden Werke manche bedenklichen Stellen streicht, aber bevor er sein Ziel erreicht hat, von Gewissensbissen getrieben, einen Widerruf leistet. Anderes ist so unwahrscheinlich, wie namentlich die Zeichnung der Töchter des Philologen Müller, daß man den allzu kühnen Flug der Phantasie des Verfassers kaum mitzumachen imstande ist. Wären die Schilderungen des Verfassers von der Gemeinheit und Verderbtheit der Wiener Hochschulkreise wahr, so wäre es in der Tat höchst bedauerlich, denn man blickt in einen fast unergründlichen Pfuhl von Gemeinheit, und Niederträchtigkeit, aus dem nur wenig wirklich edle Gestalten herausragen. Nicht minder schlimm geht es in manchen adligen Kreisen zu, in denen einzelne, allerdings keine Deutschen, sondern Polinnen ein Leben führen, das dem der gemeinsten käuflichen Weiber ähnelt. Was die Leser unseres Blattes, so unterhaltend alle die bisher erwähnten Schilderungen auch sind, in erster Linie interessiert, ist jedoch etwas ganz anderes. Es ist die Darstellung des innigen Liebesverhältnisses eines jüdischen Arztes Dr. Raphael Sinsheim und der Alice von Jorck, der Tochter des Sektionschefs im Ministerium des Unterrichts. Der genannte Arzt ist ein wissenschaftlich hochbedeutender Mann, der in-Indien die Pest erforscht hat, bei dem Auftreten dieser entsetzlichen Krankheit in Wien seinen Beruf ausopfernd erfüllt und in Galizien seine wissenschaftliche und menschenfreundliche Tätigkeit bei einer Epidemie ausübt. Während seiner Reise soll er durch einen nichtswürdigen christlichen Streber der Früchte seiner Arbeit beraubt werden, schließlich aber siegt hier das Recht, und er genießt die Frucht seiner großartigen Wirksamkeit, Auch seine Geliebte führt er heim, wobei es freilich zweifelhaft bleibt, ob er nicht äußerlich zum Christentum übergegangen ist. Sein Vater und der Vater der Geliebten billigen dieses Ehebündnis in keiner. Weise, trotz aller Liebe, die sie ihren Kindern und trotz der Achtung, die sie dem von den Kindern Erwählten entgegenbringen. Der Verfasser entläßt die Leser in der Ungewißheit, ob nicht bei dieser Stimmung der Väter doch noch eine äußerliche Vereinigung des liebenden Paares mit den hartherzigen Vätern erfolgen wird. Ich leugne nicht, daß auch in der Darstellung dieser Liebes-, episode, die freilich in dem Gefüge des ganzen Werkes viel mehr als eine Episode ist, manches schwer Faßbare, viel Jugendliches vorkommt, dennoch halte ich den Roman und auch diese Abschnitte für so bemerkenswert, daß ich. ihn meinen Lesern empfehlen möchte. Die Schilderung der Judengnsie, des alten Sinsheim und seiner j Genossen, die Vorführung desIndenproblerns, des ernstlichen Bemühens, Judentum und Deutschtum zu verbinden, zeugt von einem solchen!- Ernst. Der ganze Roman beweist eine so fleißige Arbeit und eine so tüchtige gerade Gesinnung, daß die Verbohrtheit antisemitischer Hetzblätter nötig war, um aus einer kleinen, gewiß nicht frivolen Stelle, des Romans Kapital zu schlagen gegen den Verfasser und seine Darstellung. Was uns aber speziell an dem Roman so wohltut, ist, daß ein christlicher, im gesellschaftlichen Leben-hochstehender Verfasser von den Wiener Inden mit solchem Ernst spricht und in ihnen nicht, wie es die meisten Wiener jüdischen Autoren tun, lauter Lebemenschen nnd eingefleischte Zionisten, sondern redliche, gründliche, zielbewußte und anständige Menschen schildert, die ihren Glauben in Ehren halten nnd mit aller Kraft danach streben. Deutsche zu sein. L. G. . Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in , keinem Falle statt. Liberales Judentum. Monatsschrift für die relgiösen Interessen des Judentums usw. Red. Caesar Seligmann, Frankfurt ä. M. Druck von Voigt & Gleiber, Jahrgang 3, Heft 1. K. C. Blätter, Monatsschrift der im Kartellkonvent vereinigten Korporationen. Erster Jahrgang. Nr. 5 (Februar 1911). Ansprache, gehalten bei der Vorbereitung zur Truppen-Vereidigung in der Synagoge zu Thorn am 19. Oktober 1910 von Rabbiner Dr. I. Rosenberg. Auf Wunsch dem Druck übergeben. Mitteilungen der Literarhistorischen Gesellschaft Bonn, unter dem Vorsitz von Prof. Berthold Litzmann. 5. Jahrgang, Nr.' 3 (Mai 1910): Die jüdisch-deutsche Literatur. Referat von Dr. S. Szim« chowitz. F. W. Ruhsus in Dortmund. Ein Erew-Purim- (Chanukah) Nachmittag im Kontor der Firma Feigelstock und Treppengeländer, Ritualien en gros. Urkomische Engros-Eeschäftsszene in einem Akt von Martin Wolkowski. Negie- und Soufflierbuch mit vollständigem Szenarium. Wollstein, im Selbstverläge des Verfassers. Arthur Schnitzler von Viktor Klemperer. Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1911. Lion Feuchtwanger. Ter tönerne Gott. Roman E.W.BonselsLCo. München. Gedichte von Friedrich Adler. Berlin. Fontane & Co. 1893. Friedrich Adler. Neue Gedichte. Leipzig. G. H. Meyer. 1899. Friedrich Adler, Der gläserne Magister. Schauspiel in vier Akten. Stuttgart und Berlin. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. 1910. Friedrich Adler, Vom goldenen Kragen. Mit Bildern von Richard Teschner. Verlag C. Bellmann, Prag. 1907. Berthold Auerbach. Bericht über die Anbringung der Gedenktafel in Nordstetten und die Errichtung des Denkmals in Stuttgart- Cannstatt. Stuttgart, Druck der Union. Deutsche Verlagsgesellschaft. 1910. Hermann Weinheim, Geschichte des Volkes Israel. 2. Band: Die Entstehung des Judentums von der babylonischen Gefangenschaft bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Buchverlag der Hilfe G. m. b. H. Rachel, ein Ghetto-Roman von Karin Michaelis. Deutsch von Mathilde Mann Konkordia, Deutsche Verlagsanstalt G. m. b. H, Berlin W. 30. Heinrich Heines sämtliche Werke in 10 Bänden unter Mitwirkung von Jonas Fränkel, Walther Gcnsel, Albert Leitzmann und Julius Petersen, herausgegeben von Oscar Walzel. Leipzig, im Jnselverlag, 1910, 7. Band: Tie romantische Schule, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Elementargeister. 9. Band: Lutetia Kleinere Schriften (Berichte an die Allgemeine Zeitung, Ludwig Marcus u. a.). Leipzig, im Insel-Verlag, 1910. Pro Band Preis 2 Mark, gebunden 3 Mark, Vorzugsausgabe 4.50, 6 und 8 Mark. Das Deutschtum im Auslande. Vierteljahrsheft des Vereins für das Deutschtum im Auslande. Heft 6, Dezember 1910. Band 50 Pfennig (enthält Davis Trietsch: das deutschsprachige Judentum im Auslande). Dr. phil. et meä. Helyas Sabbati von Bologna und sein Aufenthalt in Basel 1410 (S.-A. aus dem Anzeiger für schweizerische Geschichte 1910. Nr.' 4). Druckkehlrrdrrichtigung. Im Krauß-Artikel oben Seite 70 „sehr begreiflich^ lies unbegreiflich „Schriftwerk" lies Schriftwort. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.