Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Gott sei Dank! Jst's ein Handwerker?" ,Mo denkst du hin, Bruchele?" versetzte beleidigt Berele. „Es ist ein Bocher, Bruchele, ein großartiger Bocher — Du wirst schon sehen. Sonntag wird er hier sein und wir feiern die Verlobung? „Und die Mitgift?" „Wenn nötig, wird sie da sein." „Wird sein, wird sein. Aber was versprichst Du ihm?" „Mir gesagt, was ich ihm versprechen werde. Alles werde ich versprechen. Warum soll ihm nicht versprechen? Mir hat Dein Vater — Gott habe ihn selig — auch versprochen." Bruchele wurde nachdenklich. „Vielleicht freust Du Dich gar nicht?" fragte ihr Mann. „Ich freue mich, ich freue mich, aber ich fürchte mich auch, Berele." „Warum fürchtest du dich?" „Wir haben nichts, Berele. Ohne einen Tropfen Wein können wir keine Verlobung halten." „Alles wird da sein." „Und wenn nicht?" „Was heißt das: wenn nicht? Wo hast Du schon eine Verlobung ohne Wein gesehen? Gerade bei mir wird keiner sein? Ich möchte wissen, warum nicht? Wein wird da sein,. Kaffee wird da sein, alles wird da sein." „Berele," lächelte die Frau, als sie diese große Zuversicht sah, „vielleicht hast Du in der Lotterie ein Terno gemacht?" „Wozu soll ich in der Lotterie ein Terno machen? Na ja, noch ein Terno machen! Was soll dann der liebe Gott tun? Nein, Bruchele, ich verdirb dem lieben Gott die Freude nicht. Der liebe Gott will uns mit irgendeinem großen Glück überraschen; also möge er seine Freude haben." Die Frau wollte antworten, doch soeben trat Bümele zur Tür herein. Sie kam vom Marktplatze mit dem Eiukaufskörbchen am Arme. Im Körbchen waren Kartoffeln. Bruchele kümmerte sich jetzt nicht um die Kartoffeln, sie, die sonst immer nachzuwägen pflegte, um zu sehen, ob das Slowakenweib nicht betrogen habe. — Tut nichts, wenn auch eine oder zwei verdorben sind. „Blümele," jubelt sie ihr zu, „Du wirst Braut werden!" Dem Blümele entglitt das Körbchen aus der Hand und die Kartoffeln rollten auf die Diele, sie selbst aber lehnte sich leichenfahl gegen den Türpfosten. »Ja, ja," lachte ihr der Vater zu, „die Sache ist in Ordnung. So Gott will, halten wir Sonntag Verlobung." Blümele spielte verwirrt mit der Rose in ihrem Gürtel. „Blümele," herrschte die Mutter sie erschrocken an, „Du hast schon wieder eine Blume aufs Kleid gesteckt? Gott, was werden die Leute von Dir denken? Du bist ein armes Mädchen, bist ein ehrenhaftes Mädchen. Wozu soll Dir die Blume? Wirst sie weg." Blümele riß die Blume vom Gürtel herunter und zerpflückte sie. „So, so mein Herz," lobte sie die Mutter. „Ein armes Mädchen muß auf den guten Ruf acht geben. Du noch viel mehr, weil Du Braut werden sollst. Und nicht die Braut eines Hergelaufnen? Blümele wollte fragen: wer er sei, was er sei, aber sie ^rug nicht >enn das ist unschicklich. Doch auch ungefragt sprudelte es glücktrunken aus dem Munde ihrer Mutter: „Dein Vater sagt, daß er ein Bocher sei, ein wirklicher Jeschiwe-Bocher."' „Wie ist er," srug Blümele und ihr Herz pochte zum Zerspringen. „Wie er ist? Fromm! Aber wie fromm!" . . Sie hätte gern gewußt, ob er klein oder groß sei, braun oder blond, schön oder häßlich, krank oder gesund und man sagt ihr, daß er fromm sei und sie muß sich damit begnügen, denn ein Mädchen darf nicht mehr fragen. Sie srug auch nicht. Wozu auch? Wenn man beschlossen hat, sie zu verheiraten, so wird man sie verheiraten. Still las sie die Kartoffeln vom Fußboden auf und ging in die Küche. Auch die Alten gingen an ihre Arbeit. Man mußte sich auf den großen Tag vorbereiten. Bruchele schonte ihren alten, schwachen Körper nicht. Sie scheuerte und wusch, putzte, fegte und säuberte wie vor Ostern, während Berele sich am Marktplatz herumtrieb, um Geschäfte zu machen. Aber es traf sich kein Geschäft, weder am ersten, noch am zweiten Tage, doch selbst am dritten stimmte ihn dies noch nicht traurig. Gott wird schon helfen. E müs helfen, tröstete er sich.. Doch als auch der vierte Tag keinen besseren Erfolg brachte, wurde er betrübt. Jetzt drückten ihn zum erstenmal in seinem Leben die Sorgen. Reb Ore Heimlich brachte täglich neue Nachrichten vom zukünftigen Bräutigam, und auch die Leute interessierten sich dafür. Diese Sache kann man nicht mehr ungeschehen machen und auch nicht die Verlobung aufschieben, weil er schon den Rabbi dazu eingeladen hat und auch Reb Kolmen Eschkeles. Beide versprachen zu kommen. Na, das wird eine schöne Verlobung sein, kein Wein, kein Kaffee, gar nichts.— Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie ihm zu helfen wäre und konnte doch nichts Kluges ausdenken. Auch daran dachte er schon, Reb Kolmen seine Lage zu offenbaren; das ist ein guter Mensch, der ihm gern ein paar Gulden leihen würde, doch bei ihm hatte er seine Sache schon verdorben, denn, als er ihn einlud, machte Reb Kolmen eine Anspielung auf die großen Ausgaben, worauf er prahlerisch versetzte: „Alles ist schon da, Reb Kolmen, alles ist da." Von Friedländer kann er nichts verlangen, der ist bös auf ihn. Men dl Leb Scholer ist ein armer Mann. Er könnte Reb Ore Heimlich darum ansprechen, aber das ist der Schab» chen und er könnte die Sache noch verderben, wenn er ihm seine große Armut entdeckt. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. ' — Der Staatsbürger. Halbmonatsschrift für politische Bildung. Herausgegeben von Hans Dorn, F. W. Grunow, Leipzig,.!. Jahrgang 1910. ' Eine sehr nützliche Sammlung, deren erster Band jetzt vollendet vorliegt. Sie bringt in jedem Hefte eine Anzahl instruktiver Abhandlungen. eine Parlaments- und Gesetzeschronik und einen ausführlichen, nach bestimmten Rubriken geordneten Literaturbericht. Wie man aus dem Register sieht, das mit dem letzten Hefte des Bandes ausgegeben ist, wird die Judenfrage ziemlich häufig berührt, von der Judenfrage selbst ist an zehn Stellen, von jüdischen Lehrern an zwei, von Kriminalität, Namensrecht, Fortbildungswesen und jüdischem Recht je einmal die Rede. Das Werk ist ein Nachschlage» buch, das vielen sehr nützliche Dienste zu leisten imstande ist.- — Das heilige Feuer. Ein Hochschulroman von Hans Hart, Leipzig, Verlag von L. Staackmann. 1909. (454 S.) Von^. diesem älteren Buche, erhielt ich erst kürzlich Kunde durch einen wütenden Artikel eines antisemitischen Blattes und halte es