Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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! Welcher Protestant der Gegenwart wird sich z. B. den Ausspruch des heiligen Augustinus aneignen: ,/Die Tugenden der Heiden sind glänzende Laster." Und wer wird deswegen einen Stein auf diesen geistigen Riesen, dem Luther soviel zu verdanken hatte, werfen wollen? Seine grandiose Bedeutung in der Geschichte steht fest, wenn auch nicht alle seine Aussprüche Ewigkeitsgedänken enthalten. In derselben Weise hat Geiger den Talmud als historisches Produkt behandelt Ich will zugeben, daß dieser Mann wegen seiner freien Stellung zum Talmud einen bitteren Kampf hat führen müssen. Aber nichtsdestoweniger hat er das Amt eines Rabbiners bekleidet in den Gemeinden Wiesbaden, Breslau, Frankfurt a. M. und in der H auptgemeinde Berlins. Das ist ein Bekenntnis deutscher Juden, wie es kaum deutlicher abgelegt werden kann. Es ist dasselbe, als wenn eine christliche Gemeinde einen Geistlichen Ritschlscher Richtung anstellt. Damit dokumentiert sie aufs beste, wes Eeisteskind sie ist. Aber, höre ich Sie einwenden, es gibt doch in Deutschland außer den Reformjuden noch andere Juden, denen der gesetzliche Teil des Talmud normgebend ist, und diese werden durch „nationale Lebensformen" daran gehindert Deutsche zu werden. — Auch das bestreite ich aufs entschiedenste. Unter dem „Joche der Gesetze", das der orthodoxe Jude freiwillig aus sich nimmt, leidet höchstens er selbst, nicht aber sein Deutschtum. Sie haben sicher vom Bonner Philologen Jacob Bernays gehört. Dieser war ein stockorthodoxer Jude. Daß seine deutsche Gesinnung je in Zweifel gezogen wurde, ist mir. nie zu Ohren gekommen. Ich muß also mit'aller Entschiedenheit Ihre Behauptung, daß die Synagoge die Juden behindert Deutsche zu werden,, zurückweisen/ ' Das tut weder die orthodoxe noch die liberale Synagoge. Denn in keiner werden die „an sich bedeutungsvollenIdeen der Mischna und Gemara" in Ihrem Sinne vorgetragen. Was dort gelehrt wird, kann vielmehr der Kelte nicht minder als der Deutsche mit Nutzen anhören; denn im Mittelpunkt der jüdischen Predigt steht die Verkündigung des ethischen Monotheismus und der Lehre vom Neiche Gottes.' Lesen Sie die Predigten von Zunz, Mannheimer, Jellinek, Michael Sachs, Ludwig Philippson, Samson Raphael Hirsch, und dann urteilen Sie selbst, ob die Synagoge wirklich die Juden von den Deutschen trennt. ( Ist Ihr Angriff auf die Synagoge in jeder Beziehung unberechtigt, so ist Ihr Mittel,' die vermeintliche Wunde zu heilen, geradezu entsetzlich. Sie sagen.- „Darum, und nur darum, glaube ich, daß aus der Taufe Und dem Uebertritt der Juden für die deutsche Nation außerordentliche Vorteile erwachsen können. Der Uebertritt ist die Bedingung vollständiger Assimilation." Ich aber bin anderen Glaubens. Wenn Sie ferner sich öagegen verwahren und in die Welt hinausrufen: „Natürlich würde ich niemals einer Preisgebüng einer Religion gegen die persönliche Ueberzeugung, noch weniger einer Verleugnung der Religion aus äußerlichen Gründen das Wort reden," so muß ich erwidern: In Anbetracht der Verwirrung und Zerrüttung, die zum großen Teil der Antisemitismus bei der jüdischen Jugend angerichtet hat, wird Ihr Ruf verhallen, aber die Verwirrung wird zünehmen. Wie die Verhältnisse nun einmal sich gestaltet Haben, wird z. B. der jüdische Student, der an einen Uebertritt denkt, diesen Schritt nicht tun, weil er durch denselben Vorteile für die deutsche Nation erwartet. Ihm winken nvch andere Vorteile. Auch Ihre Worte: „aber Tausende und Abertausende der Juden sind in dem Stande, daß sich ihre Vorstellungen mit dem protestantischen Christentum vertragen", /bestreite ich aufs entschiedenste. Das, was Sie uns als Protestantismus empfehlen, ist weder Protestantismus noch Christentum überhaupt. Sie sagen: „Der Monotheismus des Judentums in christlicher' Umgestaltung, bereichert durch eine Reihe tiefer, mystischer, pantheistischer Vorstellungen, die Lehre vom Er- . löser, von dessen Persönlichkeit ja auch der Talmud spricht, der Glaube an den die Menschheit stets zum Fortschritt führenden heiligen Geist der Weltgeschichte, alles dies sind Elemente, welche jeden Lieferen Geist anziehen und jedes innige Gemüt ergreifen müssen." Das ist zwar hübsch gesagt, aber nicht christlich. Nehmen Sie das Evangelium Markus zur Hand, und Sie werden daselbst folgendes finden: „Und es kam einer von den Schristgelehrten hinzu, der ihrem Streiten zugehört hatte, und. da er wußte, daß er ihnen hart geantwortet hatte, befragte er ihn: Welches Gebot ist das allererste? Antwortet Jesus: das erste ist: Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einig. Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott aus Deinem ganzen Herzen und aus Deiner ganzen Seele und aus Deinem ganzen Gemüte und aus Deiner ganzen Kraft. — Das zweite ist dieses: Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ein anderes Gebot, das größer wäre als diese, gibt es sonst nicht." — Hier haben Sie die authentische Lehre Jesu von Gott, dem einzigen .Gott. — Erschrecken Sie nicht, wenn ich fortsetze: Hier haben 'Sie das Bekenntnis der Synagoge, das sich vollständig mit der Lehre Jesu deckt, j. Sie meinen jedoch, das Christentum habe den jüdischen Monotheismus umgestaltet und bereichert. Darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein. Ich füge nur noch hinzu, ohne zu kritisieren, sondern das historische Faktum anerkennend: Auch der Monotheismus Jesu ist vom Christentum umgestaltet und bereichert worden. Aber gerade diese Umgestaltung und Bereicherung ist das erux moderner protestantischer Theologen. Der der protestantischen Wissenschaft viel zu früh entrissene Wrede faßt die Lehre des Apostels. Paulus so zusammen: „Bei Paulus ist das Zentrum eine geschichtlichübergeschichtliche Gottestat oder ein Gefüge von Gottestaten, die der ganzen Menschheit ein fertiges Heil mitteilen. Wer an diese Gottestaten — Menschwerdung, Tod und Auferstehung eines himmlischen Wesens glaubt, dem fällt das Heil zu." Denl fügt der Heidelberger Theologe Johannes Weiß folgendes hinzu: „Das alles ist ja, historisch betrachtet, nur allzu richtig, und wie schwer wir heute .an dieser dogmatischen Belastung zu tragen haben — wer wollte dazu noch ein Wort der Beschwichtigung sagen!" Und Sie wollen dem Juden zumuten, daß er aus freien Stücken diese „dogmatische Belastung" oder wie von protestantischer Seite auch gesagt wird, „die Christusmythologie", die den modernen frommen Christen drückt, auf sich nehmen soll. Und Sie preisen die Bereicherung des.Christentums durch tiefere, mystische, pantheistische Vorstellungen, die von protestantischen Theologen als heidnisch erkannt wurden und die aus dem Christentum zu eliminieren ihre staunenswerte Arbeit gilt. Und da sollen wir Juden auf Ihren Rat hin unser Bekenntnis: „Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einig!" preisgeben!! Sie empfehlen ferner den Juden, den Glauben an den Erlöser, „von dessen Persönlichkeit ja auch der Talmud spricht". Und der Talmud muß doch für einen jüdischen Täufling Autorität sein.