Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem entsprechen, was wir natürliche Religion oder Vernunstsreligion benennen?) ' Und von diesen dem Judentume sich anschließenden Heiden verlangte man nicht etwa, daß sie sich von ihrer Nation lossagten, um der jüdischen Nation voll und ganz anzugehören.' Auch wenn man das gewollt hätte, so wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Denn seit dem Exil gab es keine jüdische Nation mehr, sondern nur eine jüdische Glaubensgemeinde. Und dies war kein Unglück für Israel. Im Gegenteil, erst in seiner Zerstreuung ist es der Menschheit das geworden, wozu es berufen! wurde: ein Missions Volk für die Heiden. Von diesem Berufe Israels scheinen Sie, verehrter Herr Professor, nichts zu wissen. Wohl haben Sie herrliche Worte für Israels Begabung, aber für seinen Hauptanteil an der Zivilisation der Kulturvölker haben Sie kein Wort. Sie rühmen die ungeheure dialektische Gewalt der Juden, „die es ihnen möglich macht, im abstrakten Denken die Gründe für und wider mit einer Virtuosität ohnegleichen zu entwickeln; Personen, die. darum für den Handel und für den advokatischen Beruf wie geschaffen sind, die zu Parlamentsrednern und Journalisten wie vorbestiw.mt er- - scheinen; Personen mit starker Begabung für die Theologie und für eine gewisse Richtung der Philosophie, soweit sie sich in formalen Kreisen hält; führende Geister in Mathematik und Schachspiel usw." Heißt das nicht ein welthistorisches Faktum desavouieren, wenn Sie so nebenbei auch Israels starke Begabung für die Theologie erwähnen. Wohl hat Israel auch große Theologen hervorgebracht, aber sein Hauptberuf in der Weltgeschichte ist und bleibt schöpferisch auf dem Gebiete der Religion wie kein anderes Volk gewesen zu sein. Bedeutende Mathematiker, Schachspieler und Künstler finden Sie bei allen Völkern, aber Israel allein hat aus seiner Mitte erzeugt die Moses, Amos, Hosea, Jesajas, Jeremias, Jesus. Und was diese Männer gelehrt, ist noch lange nicht antiquiert, sondern gehört noch immer zu dem, was uns Menschen aller Rassen nottut. Und wenn Sie sich in unsere Propheten vertiefen, so werden Sie über Israel als Nation anders denken, als Sie das jetzt tun. Ich will nicht Bibelstellen i zitieren, aber bitten möchte ich Sie, mit Nachdenken die beiden 1 Büchlein Ruth und Jona zu lesen, und Sie werden nichts wenig erstaunt sein über den Universalismus, der in Israel verkündet wurde. Vielleicht dürfte auch dos für Sie von! Interesse sein, daß in der Weisheitsliteratur der Juden, also j in kanonischen Schriften, nicht nur von einsr jüdischen Nation keine Rede ist, sondern nicht einmal der Name Israel genannt wird. Das Objekt der Unterweisung ist der Mensch. S Der Verfasser des Buches Hiob stellt uns in dem Heiden „ Hiob einen Repräsentanten der wahren Religion dar. Deutlicher konnte er nicht die Lehre demonstrieren, daß es vor Gott I nicht aufs Blut, nicht auf einen reinen israelitischen Stamm-ä bäum ankommt, sondern daß vor ihm die innere Gesinnung, j die sittliche Lebensführung mehr als alles gilt.;>■ Es ist daher nur natürlich, daß die gottessürchtigen Heiden, die sich um die Synagogen sammelten, unbeschadet ihrer fremden Nationalität, sich der ungeteiltesten Liebe erfreuten. Ja, noch mehr: diese Heiden, die vom jüdischen Zeremonialgesetz ganz befreit waren, würden in vorchristlicher Zeit den Juden ebenbürtig behandelt. Das geht unzweideutig aus dem Psalter hervor. Ich verweise z. B. *) Ausführlich handle ich darüber in meinem Buche: Der älteste christliche Katechismus. Berlin 1909. Verlag von G. Reimer. auf Psalm 118. — Nachdem im 117. Psalm die Heiden zum I Preise Gottes aufgerusen werden, fährt der Sänger fort: H Danket Jahwe, denn er ist gütig: * D enn ewig währt seine Gnade! - So spreche denn Israel: Denn ewig währt seine Gnade! ' Sprechen mögen denn die vom Hause Aarons: Denn ewig währt seine Gnade! . Sprechen mögen denn, die Jahwe fürchten: f Denn ewig währt seine Gnade! . Also zu denen, die Dank- und Siegeslieder zu Ehren Gottes anstimmen, gehören neben den durch ihre Geburt dem Judentum angehörenden Klaffen auch die Jahwe Fürchtenden. Das find die der jüdischen Religion sich-anschließenden Heiden. Den Juden gleich sind auch sie Kinder Gottes. — Sie sehen aus alledem, daß es unwissenschaftlich ist, zu behaupten, daß „im Judentum von jeher das religiöse mit dem nationalen Element verbunden war, und Jahwe als der mächtige Führer der Söhne Israels galt, der das gesegnete Volk durch alle Fährlichkeiten hindurch geleitete-." — Aber der Talmud, der böse Talmud, meinen Sie, „drängt seine Verehrer in altertümliche, streng nationale Lebensformen hinein, und läßt doch der talmndische Gedanke, daß der Nationaljude vor Gott eine höhere Stellung einnehme, sich trotz aller Neformideen und trotz aller modernen Auffassungen solange^ nicht vollständig verdrängen, als die bn sich bedeutungsvollen Ideen der Mischna und Gemara das heiligende Band einer Religionsgemeinschaft bilden." Wie jemand, der im Herzen Deutschlands lebt und \ Gelegenheit hat, die Juden in ihrem privaten und öffentlichen H Leben zu beobachten imstande sein kann, dem Talmud eine u solche Führerrolle zuzuschreiben und von ihlmso zu sprechen, als wenn alle Juden unter seiner Zuchtrute stünden .und alle | Talmudbefliffene wären und selbst ihre führenden Geister in Mathematik und Schachspiel nichts anderes zu tun hätten, als \ sich vom Talmud einen nationaljüdischen Stempel aufdrücken f zu lassen, ist mir geradezu ein psychologisches Rätsel. Ich | kann Sie chersichern, daß unter 1000 deutschen Juden 999 | mehr von babylonischer Keilschrift als vom babylonischen! Talmud wissen. Und wenn sie etwas von letzterem wissen, so I haben sie das aus antisemitischen Schriften erfahren. In diesem Talmud findet sich ein Satz, der in allen jüdischen Religionsbüchern als Lehrstoff für die jüdische ' Jugend verwendet wird: Die Frommen aller Völker haben Anteil am ewigen Leben. — Freilich kommen im Talmud auch andere Sätze minderwertigen Inhalts vor. Mit welchem Recht können Sie aber den Juden impütieren, daß , ihnen alle Aussprüche des Talmud normgebend sind, sogar . der, daß „der Nationaljude vor Gott eine höhere Stellung! einnehme". Kommt wirklich ein solcher Satz im Talmud vor, so haben ihn die deutschen Juden erst von Ihnen erfahren. Ebenso werden sie erst von Ihnen belehrt, daß die „an sich bedeutungsvollen Ideen der Mischna und Gemara das heiligende Band" der jüdischen Religionsgemeinschaft bilden. Verehrter Herr Profeffor! Sie scheinen von dem heißen Ringen der Juden seit Moses Mendelssohn um das Deutschtum keine Ahnung zu haben. Ihnen scheint ebenso der Kampf der bedeutendsten Geister im Judentum um den Talmud, das heißt um die Stellung zur Halachah, zur fest kodifizierten Satzung, zum Zeremonialgesetz ganz fremd geblieben zu sein. Sie scheinen nicht zu wissen, daß z. B. Abraham Geiger t dem Talmud gegenüber etwa die Stellung einnahm wie der I Protestantismus den Kirchenvätern gegenüber. *