Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 40 -^— , RR i,: fr &; f;> Ir I ■ Mp Hr W^ M v Ich "will zugeben, 1>aß der von Israel erhoffte Messias auch Goek, Erlöser genannt wird. Aber nach jüdischer Lehre kommt nicht diesem, sondern Gott allein die Anbetung zu. In der täglichen Liturgie betet der Jude: „Wir haben keinen 'König, keinen Erlöser und keinen Heiland außer Dir." Es ist weiter zu beachten, daß auch die jüdische Lehre vom Erlöser in christlicher Umgestaltung einen anderen Inhalt bekommen hat?) Zum näheren Verständnis setze ich Luthers Erklärung des zweiten ,Artikels her. Die protestantische Erlösungslehre lautet : „Ich glaubedaß Jesus' Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blute und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf daß ich sein eigen sei und in-'seinem Reiche unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleich wie W "ist auferstanden ypn den Toten, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewißlich wahr." . ' •. . Ich frage Sie nun: wollen Sie diese Erlösnngslehre — und eine andere gibt es in der protestantischen Kirche nicht rdem Juden als Mittel zur Assimilation empfehlen? Offen gestanden würde ich es gar nicht entsetzlich finden, wenn Sie als gläubiger Christ von, den Juden diesen Glauben verlangten. Ein Franz Delitzsch z. B. hat diesen Glauben unter Israel zu verbreiten gesucht. Aber ich glaube kaum, daß je ein denkender Jude seinen edlen Charakter und seine lautere Gesinnung verdächtigt Hätte. - , r Ich mache Jhneä ein weiteres Geständnis: ich würde az^h dem Juden, der aus Ueberzeugung zu diesem Glauben sich' bekennt, meine Achtung nicht versagen. — Allein, wie mir scheinen will, glauben Sie selbst nicht an diese Kirchenlehre. Sie würden sonst nicht geschrieben , haben: „aber Tausende und Abertausende der Juden sind in dem Stande, daß sich ihre Vorstellungen mit dem protestantischen Christentüme vollkommen vertragen". Weiter schließe ich das aus Ihrer Darstellung der Lehre vom H eiligen Geist. — Nach der Kirchenlehre, wie sie im -apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert ist, gehört die Lehre der Erlösung zusammen mit der Lehre vom Heiligen Geist. Aber was Sie vom Heiligen Geist aussagen, hat mit der Kirchenlehre nichts gemein als den Namen. So wird denn Ihr Erlöserbegriff auch nicht kirchlicher Natur sein. Sie sprechen vom Glauben „an den die Menschheit stets zum Fortschritt führenden Heiligen Geist der Geschichte". Diesen Glauben teile ich ganz mit Ihnen. Aber „empfangen vom Heiligen Beist", bedeutet nicht: empfangen vom Heiligen Geist der Geschichte. . Soll also der Jude auch die christliche Lehre vom Heiligen Geist annehmen, um seine Assimilation zu beschleunigen, ffo muß er das tun, wie die Kirchenlehre es von ihm fordert. Kann er aber gewifsenshalber nicht an den dreieinigen Gott glauben, so wird er tun, was Pflicht und Gewissen gebieten, unbekümmert um die Folgen. Seine Väter haben in schwereren Zeiten dasselbe getan. f Verehrter Herr Professor! Ich habe Ihr Heilmittel, wie ich glaube, einer objektiven Prüfung unterzogen, und Sie werden sicher bei ruhiger Nachprüfung verstehen, warum ich "7 ~ ~ . . ■' ■ ■ i. h Vergl. über den „Erlöser-König" im Babylonischen, Schräder- Winkler. Die Keilinfchristen und das A. T. S. 380 ff. $ dasselbe als ein sehr gefährliches Giftmittel -mit aller Entschiedenheit zurückweisen muß. — Aber bedarf es denn überhaupt noch eines Mittels, um die deutschen Juden zu Deutschen zu machen'? Ich kann es bedauern aber verstehen,' daß einem fanatischen Anhänger der 'Rassentheorie der Jude' auch dev getaufte' persona in grata sein kann. Das sind Sie aber nicht- Sie rühmen sich des vielmehr, daß keltisches Blut in Ihren Adern fließt. Was wollen Sie also von den Juden?, Tun sie denn nicht alles Menschenmögliche, um sich als gute, deutsche Patrioten zu bewähren? Wären die Laster, Bamberger,' Kosch. Berthold Auerbach, Steinthal, Lazarus usw. üsw. bessere Deutsche geworden, wenn sie sich Ihres Rezepts bedient hätten? * Zum Schluß noch folgendes. Man fragte Pythagoras: Sage mir. doch, Philosoph, wie Hat man sich gegen ein Vaterland zu benehmen, das sich undankbar gezeigt hat, von dem wir glauben, ungerecht behandelt zu sein; dem wir Gutes taten, und es hat uns Böses vergolten? — Und er antwortete kurz: Benimm dich gegen das Vaterland wie gegen deine Mutter. Diesen Rat haben die Juden bislang aufs gewissenhafteste zu befolgen gesucht, und' sie werden fortfahren, als jüdische Deutsche oder als deutsche Juden ihr Vaterland zu lieben, wie es ihr Gewissen übereinstimmend mit dem Gebote ihrer Religion ihnen gebietet. "/ Me Mache. Berlin, den 24. Januar. ^^m 27. Januar wird in Deutschland und allerorten, wo Deutsche wohnen, des Kaisers Geburtstag festlich begangen. Unter den Glückwünschenden befinden sich die Juden wie alle übrigen, Deutschen, wes Glaubens sie auch sind. Zwar unter den persönlichen Gratulanten sieht man sie nicht und auch nicht an der Prunktafel, die der Deutsche Kaiser gibt. Aber nicht, weil sie sich ausschließen, sondern weil sie von den höchsten Aemtern ausgeschlossen sind. Während in Italien und Frankreich, in England und in der Türkei Juden ihren Platz unter den hohen Beamten des Zivils und Militärs einnehmen, haben die deutschen Juden, die an Kultur und Wissen, an Bildung und Reichtum hinter denen anderer Länder wahrlich nicht zurückstehen, keinen Platz unter den Hohen der Erde. Und doch haben sie sich um das Reich recht wohl verdient gemacht und auch um den Kaiser. Als aus des Kaisers eigenster Initiative der fruchtbare Gedanke zur Tat wurde, Forschungsinstitute für die Wissenschaft bei Gelegenheit der Zentenarfeier der Berliner Universität einzurichten, haben deutsche Juden höchst stattliche Summen beigesteuert. Sie taten es nicht oder nur ausnahmsweise in Hoffnung auf Titel und Orden, sie lieferten die großen Summen nicht immer aus reiner Liebe zur Wissenschaft, sondern sie gaben sie eben aus Liebe zum Kaiser. Sie knüpften, was ihnen wohlangestanden hätte, keine Bedingung an ihre Spende. Wir glauben und hoffen noch immer, daß nicht der Kaiser es ist, von dem die ungleiche Behandlung der Juden ausgeht. Ist doch in den Reichslanden, dem unmittelbaren Kaiserlande, ein Jude — zum erstenmal in Deutschland — kürzlich Senatspräsident geworden, hat doch die Verfassung des Reichslandes — wiederum die einzige im Deutschen Reich — die Bestimmung, daß auch die Juden als Juden durch ein Mitglied ihrer > Organisation im Landtag (Herrenhaus) vertreten sei. Und so ist unser Wunsch zum