Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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segensreich bewährt und wenige derUnzuträglichkeiten im Gefolge hat, die man' bei ihrer Einführung befürchte, weil, wie sich nun einmal nicht bestreiten lässt, die' ganz überwiegende Mehrzahl der Juden, namentlich in deä' großen Städten, die Sabbatheiligung Kicht düyhführen kann; steht^es in den meisten russischen Städten ganz anders, nanAntlich in solchen, wo eine zahlreiche jüdische arme BevölkeruÄA haust. Für diese, namentlich für die Trödler, für die Handwerker, die.für jüdische Kundschaft arbeiten und wahrscheinlich auch für die jüdischen Äckerbauer ist der Sonntag nach der strengen Sabbatruhe ein einträglicher Arbeitstag; geht dieser ihnen auch verloren, so wächst das Elend ins Grenzenlose. Darum ist der folgende Bericht, gleichfalls der Neuen Jüdischen Korrespondenz" entnommen, mit schmerzlichstem Bedauern aufzunehmen: In der Sitzung der Reichsduma vom 26. v. M. wurde mit 136 gegen 84 Stimmen folgende Bestimmung in das neue Sonntagsruhegesetz ausgenommen: „Die Arbeit in sämtlichen kauf, männischen und gewerblichen Betrieben,v die in § 1 genannt sind, muß während des ganzen Sonntags, am zweiten ^-Weihnachts- und Ostertage, am Neujahrstage und am Gedenktage der Bauernbefreiung (19. Februar) voll» ständig ruhen." Dieses neue Sonntagsruhegesetz bedeutet wieder einen' Ruin tausender jüdischer Existenzen, da die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden. gezwungen sein werden, zwei Tage in der Woche zu feiern. ' Während der letzten Tage laufen beim Handelsminister Timaschew zahl- -reiche Gesuche und Petitionen jüdischer" Handetsangestellter und' Rabbiner ein, die auf die enormen Schwierigkeiten Hinweisen, welche durch das neue Gesetz für den jüdischen Handelsstand entstehen.- Bekanntlich hat die Duma den Antrag der jüdischen Abgeordneten, daß es den. die Sabbatruhe beobachtenden Juden gestattet sein sollte, am Sonntag zu arbeiten, abgelehnt. — Wie verlautet, soll nun Timaschew beabsichtigen, gewisse -partielle Zugeständnisse auf dem Verördnungswege durchzuführen. Hichsrl Frirdlsuder. London, ckommt die Trauerkunde, daß M. Friedländer, 4|. der frühere Direktor des „ Jews’ College“, verschieden ist. Er hatte sich seit einigen Jahren vom Amte zurückgezogen und meist in Deutschland gelebt, war indes vor wenigen Monaten nach London zurückgekehrt, wo ein plötzlicher Tod dem Leben des von schwerer Arbeit müden Greises ein Ende machte. Tief und allgemein ist die Trauer der englischen Judenheit> die einen ihrer besten Männer beklagt. -Er wurde von allen geliebt, weil er selbst ein Herz voll Liebe und Güte hatte. An seiner Bahre schweigen alle Gegensätze der Richtung, denn er war milde und duldsam gegen jedermann, er vertrat seinen konservativen Standpunkt fest und sicher, hat aber niemals die Meinungen anderer bekämpft oder gar Andersdenkende Michael Frieöländer. persönlich angegriffen. Er war ein Vorbild tiefster Frömmigkeit, lautersten Wandels. Seinen Schülern war er nicht nür ein Meister und Muster, sondern auch ein väterlicher Freund- Förderer und Berater. “ “ V 1 Zweiundvierzig Jahre lang stand Dr. Friedländer an der Spitze des „Jews’ College“, dessen Leitung er 1865, noch, im ersten, Jahrzehnt seines' Bestehens, übernahm und erst 1907 niederlegte. Was er in dieser Zeit geleistet hat> läßt.sich ziffernmäßig, nicht aussprechen.- Nicht die Summe'seiner Lehrstunden, nicht die hohe Zahl seiner, Schüler, nicht, ihre späteren Leistungen geben eine richtige VorstelÄmg davon. Er widmete seine ganze starke Kraft, seine große vielseitige Befähigung der Anstalt, er lehrte nacheinander alle Fächer und, waS noch bemerkenswerter ist — er beherrschte sie alle. Bei den sehr beschränkten Mitteln der Anstalt' mangelte es stets an der notwendigen Zahl von.Lehrkräften,,, aber Dr. Friedländers Opferwilligkeit und -geistige Beweglichkeit halfen immer aus. Ob es klassische Sprachen und Matemathik in den Vorbereitüngsklaffen, rabbinische Literatur uno ändere jüdisch-wissenschaftliche Gegenstände im College zu unterrichten galt, er . war stets- . .zur Stelle und füllte die Lücke vortrefflich aus. Es ist eine unvergleichliche Selbstverleugnung, die in diesem Gelehrtenleben zur Betätigung 'kam, eine -vortreffliche Lehre dafürwas'sich Wer der Wissenschaft ergebene. Mensch für Taten abgewinnen kann; wievie Berufstreue und Idealismus in der jüdischen Gelehrtenwelt 'Vorhänden sind. ' - ' Trotz seiner Ueberlastüng mit Amtsgeschästen hat Dr. Friedländer die Förderung der Wiffenschaft nicht vernachlässigt und sich als Gelehrter rühmlichst bekanntgemacht. Sehr häufig genannt sind seine .Schriften über „Abraham Jbn Esra" (vier Bände), besonders der vierte Band, der die Publikation wichtiger neuer Texte' und die bedeutsamen Essays über die Schriften und die Theologie dieses ewig unergründlichen Gelehrten und Dichters enthältgehört zu den schätzenswertesten Werken auf diesem Gebiete. Friedländers englische Ausgabe des „More Nebuchim“ brachte nicht nur eine ausgezeichnete Uebersetzung, sondern auch eine trotz Munks Vorarbeiten vielbeachtete Einleitung, und gehaltvolle wissenschaftliche Noten. Besonderer Beliebtheit erfreute sich sein Büch „Die jüdische Religion",' das eine systematische Darstellung der jüdischen Religion mit zahlreichen Belegen äps der ganzen Literatur bietet und sich nicht nur durch Vollständigkeit und Klarheit, sondern nicht minder durch seine Objektivität und die Heiterkeit der Darstellung auszeichyet. Dr. Friedländer stammte aus Deutschland, er ist am 29. April 1833 in Jutroschin, Posen, geboren. Seine Aus-- bildung erhielt er in Berlin, wo er unter anderen ein Schüler Michael Sachs war. Hier lebte er in dem geistigangeregten Hause seines Oheims Benzian, dessen Tochter ihm Jahrzehnte!