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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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M5 In Italien gab es 1897 im aktiven Offizierkorps 1 General, 3.. Obersten, 2 Oberstleutnants, 9 Majore, 57 Hauptleute, . 122.Leutnants, zusammen 199, und das unter einer jüdischen Bevölkerung von nur 40 000 bis 50 000 Seelen. Der General ist wohlbekannt, es war General Ottolenghi, den König Humbert I. als militärischen. 'Erzieher'. seines | Sohnes, des jetzigen Königs. Viktor Emanüel III., aussuchte, und der dann als langjähriger Kriegsminister das Haupt des italienischen Heeres wurde. Schließen wir mit Amerika. Genaue Zahlen haben wir eigentlich nur von dem Sezessionskriege, der im Jahre 1861/64 die Union zerriß. Auf beiden Seiten zusammen, gab es damals 6078 jüdische Offiziere, darunter 2 Generäle, 10 Obersten, 8 Oberstleutnants, 40 Majore, 205 Kapitäne und Hauptleute; , es gab in den beiden^ Heeren 5257 Unteroffiziere und Gemeine als Freiwillige; denn eine andere Art der Rekrutierung kannte man damals in Amerika nicht, das heißt also 5% Prozent der damaligen jüdischen Bevölkerung, während im allgemeinen nur 4'/g Prozent sämtlicher Burger der Union unter die Waffen getreten waren. Ebenso zeigt sich im Jahre 1898 im Kampfe der Union gegen Spanien wieder der eifrige Zudrang der jüdischen Jünglinge zu dem Heere. In New Bork wurde ein Husarenregiment ausschließlich -aus Juden gebildet, und der größte Teil eines Infanterieregiments bestand aus Juden. Ebenso wurde in Philadelphia ein Infanterieregiment nur aus Juden gebildet. Zurzeit. gibt es im amerikanischen Heere 1 Obersten und 1 Major jüdischen Glaubens (das ganze amerikanische stehende Heer umfaßt ja nur 15 000 bis 20 000 Mann). Ebenso ist es in der Flotte. Ein Kommodore, d. h. ein kommandierender Admiral und ein General sind jüdischen Glaubend, und dieser Admiral wurde im Jahre 1908 züm kommandierenden General der atlantischen Flotte bestimmt, d. h. Zu einem Range, zu dem bei uns in Deutschland nur selten ein christlicher Bürger aufsteigt. Selbst in Rußland, das man gar nicht zu den zivilisierten Ländern zählen möchte, hat es aktive jüdische Offiziere unter dem Zaren Alexander II. gegeben, besonders im türkischen Kriege. - Nach dem Bericht über die militärischen Beförderungen in Frankreich, von dem oben die Rede war, fügt das angeführte französische Blatt folgende Nachricht aus Metz hinzu: „Der preußische Kriegsminister hat dem lothringischen israelitischen Konsistorium die Ermächtigung verweigert, zum Gebrauch der in Metz garnisonierenden jüdischen Soldaten ein „Soldatenhaus" zu eröffnen, in dem diese außerhalb des Dienstes sich erholen und ihre Mahlzeiten einnehmen könnten. Der Minister erklärt, daß es derartige konfessionelle Häuser nicht geben dürfte, und anderseits die israelitischen Soldaten befreit seien (sont exempts) t>on jeder rituellen Verpflichtung während der Dauer ihres militärischen Dienstes." Die Nachricht ist nicht ganz verständlich. Sollen die angeführten Worte heißen, daß den Soldaten von den Rabbinern die Erlaubnis gegeben sei, nicht rituell zu essen, oder soll es bedeuten, daß seitens des Staates ein Zwang ausgeübt werde, der die rituelle Küche verbietet? Wir sind im allgemeinen gegen jeden Zwang, und sehen auch das Wesen der Religion keineswegs bloß in der Beobachtung. ritueller Vorschriften. Anderseits können wir jedoch nicht billigen, daß den jüdischen Soldaten, die Gewissensbedenken tragen, eine nicht koscher zubereitete Nahrung zu genießen, die Verpflichtung auferlegt werde, sich solcher zu bedienen. Freilich sehe ich . keinen Segen in besonderen jüdischen Soldatenhäusern, weil dadurch die Kluft zwischen den Kameraden, die leider ohnehin schon existiert, durch solche Einrichtungen immer lmehr erweitert wird. ..; Recht traurig ist folgende von der „Vossischen Zeitung" jüngst veröffentlichte Nachricht: In einer.Zuschrift aus Warschau vom 15. November v. I. w.ar in Nr- 545 der «Vossischen Zeitung" auf die Judenfeindlichkeit hes Poleütums hingewiesen worden^ wobei namentlich als neue Erscheinung hervorgehoben wurde, daß selbst die sogenannten Liberalen und Freidenker unter den Polen mit wehenden Fahnen in das Lager der Antisemiten übergegangen sind. Gerade in der Presse der polnischen Intelligenz und des polnischen Mittelstandes, die sich selbst gern als freisinnig bezeichnen, wird seit einigen Monaten mit den niedrigsten Mitteln eine brutale Judenhetze betrieben. Auch in dev Reichsduma verhält sich die polnische Fraktion durchaus judenseindlich. In der Dumakommission, die über die Einführung der städtischen Selbstverwaltung in Russisch-Polen zu . beraten hatte, bewirkten die polnischen Kommissionsmitglieder durch absichtliche Stimmenthaltung, daß die Juden auch auf diesem Gebiete unter ein Ausnahmerecht gestellt werden, indem ihnen um 30 bis 40 Prozent weniger Stadtverordnetensitze eingeräumt werden sollten, als ihrer Zahl in den verschiedenen Gemeinden entspräche. Die Juden in Russisch-Polen wissen schon längst, daß die Polen, die über Bedrückung durch die russische Regierung klagen, eben mit derselben reaktionären russischen Regierung Zusammengehen, wenn es sich um die Bedrückung der Juden handelt. Die Vorgänge in der Dumakommission sind, nur ein Beispiel von vielen, wie sich der. polnische Antisemitismus in die Praxis umsetzt. Der folgende, an sich unbedeutende Vorfall beweist doch die ganze Kleinlichkeit und zugleich die Roheit'des Verfahrens, das man in Rußland gegen Juden befolgt. Eine Notiz der „Vossischen Zeitung" nämlich meldet: Warschau. 6. Januar. Eine Gruppe Studenten und Stuben' tirtnen der" hiesigen Universität beabsichtigte, einen wissenschaftlichen Ausflug nach Petersburg zu machen. Der Protektor, der die Leitung des -Ausflugs übernommen halte, erbat telegraphisch vom Petersburger Städthauptmann in Petersburg die Bewilligung hierzu. Die Antwort lautete: „Rasrjeschaju“ (Ich gestatte). Als dann die Reisegesellschaft bereits auf dem Bahnhofe versammelt war und man sogar schon die Fahrkarten gelöst und die Gepäckstücke aufgegeben ' hatte, traf von dem Stadthauptmann in Petersburg eine zweite Depesche ein: Rasrjeschaju, no nje Jewrejam i Jewrejkam“. „(Ich ge- \ statte, aber nicht Juden und Jüdinnen). Den Juden und Jüdinnen, die sich in der Gesellschaft befanden, blieb nichts anderes übrig, als sich das Fahrgeld znrückgeben und das Gepäck aus dem Wagen herausreiche«, zu lassen. Der Zug ging infolgedessen mit erheblicher Verspätung ab. , Auch im eigentlichen Rußland geht es im Jahre 1911 mit der greulichen Ausweisungspolitik, die ja nicht nur für die Juden, sondern für ganz Rußland verhängnisvoll wirken muß, weiter. Die N. I: K. berichtet: Ein Telegramm aus Taschkent meldet: Aus der Stadt Merw sind 100 bucharisch-jüdifche. Familien nnd aus der Stadt Taschkent 17 jüdische Familien als Ausländer ausgewiesen worden. Unter den Allsgewiesenen befindet sich auch der Gemeinderabbiner Taschir von Taschkent. Nach bem russischen Gesetz haben in Turkestan nur diejenigen Juden das Wohnrecht, die sich dort nachweislich vor dem Jahre 1864 niedergelassen haben. Alle anderen Juden werden als Ausländer behandelt. Im. vorigen Jahre weilte Rabbiner Taschir aus Taschkent in St- Petersburg, um an den maßgebenden Stellen eine mildere Handhabung der betreffenden Bestimmungen durchzusetzen. Es schien damals, daß seine Intervention von Erfolg begleitet war. Nun ist er selbst von der Ausweisung betroffen worden, und der Ausweisungsbefehl erstreckt sich sogar auf die in Merw wohnenden bucharischen Juden, obgleich das Gesetz , vom 5, Juni 1900 das transkaspische Gebiet ausdrücklich von den fraglici en Bestimmungen ausnimmt. Die Lage der ausgewiesenen Juden ist eine verzweifeltes Sie müssen ihre ganze Habe zu Schleuderpreisen verkaufen und alle ihre Geschäfte liquidieren. Auch die nachstehende Notiz deutet auf eine Maßregel von höchst bedenklichen Folgen. Während die S on nt agsruh e,, die sich in den westeuropäischen Staaten immer mehr als

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