Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir Wahlen und dir Freu» Unter den täglich einlaufenden Briefen und Drucksachen, die in der Regel den Frühstückslisch schmücken, haben in den letzten Wochen Wahlaufrufe, Einladungskarten zu Wätzlerversammlungen für die bevorstehenden Repräsentantenwahlen der hiesigen jüdischen Gemeinde einen hervorragen Anteil. Wenn auch die Hausfrau sich früher nicht in die Geschäfte des Mannes mischte und sie dem Kampfe auch heute noch fern steht — ich halte es für meine Pflicht, Einblick zu bekommen in Dinge, die das Wohl meiner Nächsten, Liebsten so sehr beeinflußt. Und so blättere ich in all diesen Schristsachen, wenn ich sür Ordnung auf dem Schreibtisch meines Mannes sorge — denn auch dies ist meine Pflicht. Da aber fühle ich oft den Wunsch, mich genauer orientieren zu können über Vorgänge, die sicher vielen Frauen fremd find, wenn man jetzt auch anfängt, den Erzieherinnen der zukünftigen Geschlechter mehr Verständnis entgegenzubringen. Man gab uns das Amt — und der Verstand? Nun — wir Frauen haben es nicht leicht gehabt, zu zeigen, daß wir gar nicht aus dem Rahmen des Hauses treten wollen und doch Kopf und Herz haben für all die Interessen des öffentlichen Lebens. Vielleicht etwas impulsiver, lebhafter, weil so lange zurückgehalten, bewähren sich Frauen an vielen Stellen der Wohlfahrtsanstalten, und aufrichtig erfreute uns die Mitteilung, daß eine Statutenänderung in die Wege geleitet ist, durch welche die Wahl der Frau zu stimmberechtigtem Mitglied der Verwaltungskommission ermöglicht wird. Ob ich es erlebe? Wild tobt augenblicklich der Wahlkampf in unserer Gemeinde, eine jede Parteirichtung nimmt die leider vielen Indifferenten für sich in Anspruch, und ich glaube, da könnten wir Frauen Mitarbeiten. Man sollte den Einfluß der Frau auch nach dieser agitatorischer Seite nicht unterschätzen, wissen wir doch, daß große politische Parteien ihre Stärke nicht zum wenigsten der regen Anteilnahme der Frau verdanken. Eine ganz andere Frage ist es, ob die Frau, die sich bisher noch nicht mit diesen Dingen beschäftigt hat, in der Lage ist, sich aus den Wahlaufrufen und Zeitungsberichten ein klares Bild über die Zustände zu schaffen, aus denen heraus sie sich ihre Meinung bilden soll. Wenn ich, die ich auch in religiöser Beziehung, auf durchaus liberalem Boden stehe, mir erst aus den obenerwähnten Drucksachen ein Bild machen sollte, um was es sich eigentlich in diesem Kampfe handelt, welch größere Gegensätze diesen erbitterten Kampf Hervorrufen — so scheint es nur eine Machtsrage zu sein. Sie sind ja alle liberal — die Herren, welche die verschiedenen Aufrufe unterzeichnet haben, man bekämpft ja gar nicht die Liberalen, so heißt es in den Flugblättern, der Kamps gilt nur den Radikalen, die alles Umstürzen wollen und dadurch das Judentum zugrunde richten.^ Und da fällt mir der Verwaltungsbericht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde 1907 — 1910 in die Hände — Beschlüsse der Gemeindebehörde der sogenannten „bösen liberalen Herrschaft". In echt jüdischem Geist ist die Verwaltung bestrebt gewesen, den an sie gestellten Anforderung^ gerecht zu werden, in Synagogen und Religionsschulen, Erweiterung der Wohlfahrtsanstalten, den verschiedenen Auffassungen odr^Religion in wahrhaft liberaler Weise Rechnung tragend. Und ganz besonders wir Frauen wollen nicht vergessen, daß die erste Anregung, uns als ebenbürtige Mitarbeiterinnen zu gewinnen, von dieser Verwaltung aüsgegangen ist — und dafür sollten wir durch rege Anteilnahme dankbar uns erweisen. Viel, viel wird gesündigt in diesem Wahlkampf, ich kann ihnen nicht folgen, den Herren, die Unzufriedenheit säen, mit Anschuldigungen, die kaum erwiesen werden können, mit Hoffnungen, die kaum erfüllt werden 'können. Lassen Sie mich schließen mit der Hoffnung, daß die jüdische Frau sich aufrafft, ein neues Leben der geistigen Mitarbeit vor sich, zum Heil der Zukunft unserer Jugend, und lehren wir sie, die Worte der Propheten achten: „Fördert das Wohl des Staates, in dem ihr lebt." — „Das Gesetz des Staates ist oberstes Gesetz." R. S. Eur Lrimikrung an Br. Leopold Stein. Von Dr. Adolph Kohut. (Nachdruck verboten.) Unter den großen Reformatoren des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert nimmt der vor gerade einem Jahrhundert — am 5. November 1810 — zu Burgpreppach in Unterfranken geborene und am 2. Dezember 1882 in Frankfurt a. M. verblichene Dr. Leopold Stein einen der ersten Plätze ein. Ausgerüstet mit dem ganzen reichen Schatz der jüdischen Wissenschaft, aber auch der Bildung und Kultur seiner Zeit, und durchglüht von der leidenschastlichen Liebe zu seinem Volksstamme und zu seiner Religion, hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den freiheitlichen und freisinnigen Ideen auch in Israel zum Siege zu verhelfen und Hyperorthodoxie, Fanatismus, Unduldsamkeit und Rückständigkeit mit allen Waffen seines glänzenden Geistes zu bekämpfen. Es erschien ihm des Schweißes der Edelsten, namentlich der Rabbiner und Prediger, wert, das Judentum mit dem Deutschtum zu versöhnen, die fortschrittlichen Gedanken auch auf theologischem Gebiete zu verwirklichen und starre, morsch gewordene und der Lebensfähigkeit entbehrende Dogmen zu befertigen, ohne freilich die Grundfeste der jüdischen bezw. mosaischen Lehre erschüttern zu wollen. Gleich einem Abraham Geiger, Ludwig Philippsou, Samuel Holdheim und andern namhaften Führern des fortschrittlichen deutschen Judentums war auch er in Wort und Schrift bestrebt, den uralten Schutt von verrotteten Ueberlieferungen, die mit dem Zeitgeist und dem Zeitbewnßtsein in schroffem Widerspruche stehen, aufräumen zu helfen. Doch wollte er nicht nur niederreißen bzw. das ohnehin Wankende, Schwankende und des innern Halts Entbehrende abtragen, sondern auch auf den Trümmern einer dem Untergang geweihten Kulturwelt ein neues, unerschütterliches, in sich gefestigtes und zukunftsreiches Monumentalgebäude einer religiösen, ethischen und moralischen Lebens- und Weltanschauung aufrichten. Während jedoch die meisten anderen berufenen und auserwählten Reformatoren des deutschen Judentums in erster Linie durch ihre haarscharfen logischen Beweisführungen, ihre meisterhafte Dialeltik und ihre gründlichen Geschichtskeuntnisse allen gebildeten und parteilos denkenden Schichten der Gesellschaft die Notwendigkeit einer Reform zum Bewußtsein führten, verfügte Leopold Stein neben diesen geistigen Eigenschaften noch .über eine andere seltene Gabe, die in erster Linie an das Gemüt und an die Einbildungskraft appellierte, nämlich die der Dichtung. Als Lyriker, Dramatiker, Erzähler, Parabeldichter und hochbegabter Uebersetzer bzw. kongenialer Nachdichter hat er die deutsche Literatur im allgemeinen und die Israels insbesondere mit einer Fülle anmutiger und lieblicher poetischer Schöpfungen bereichert, die, ohne absichtlich reformatorische Zwecke zu verfolgen, dennoch unwillkürlich durch den Schatz lichtvoller Gedanken und Ansichten fesselten' und die Herzen Israels gewannen.