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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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547 Leopold Stein gebührt auch das Verdienst, daß er, was leider so selten ist, nicht allein den Mut der eigenen Meinung und Üeberzeugung hatte, sondern auch nie Anstand nahm, denselben auch öffentlich zu bekennen, ohne Rücksicht nach unten und oben, ohne Furcht und Tadel, nur seinem Gott und seinem Gewissen folgend. In zahlreichen Artikeln, offenen Sendschreiben und Werken usw. hat er mit größter Klarheit und Entschiedenheit seine Grundsätze ausgesprochen und die Richtlinien seines Verhaltens als Rabbiner, Prediger, Lehrer und Führer in Israel vorgezeichnet. Mag hier nur aus dem offenen Sendschreiben, das er am 7. Februar 1872 in seiner damaligen Eigenschaft als Prediger bei der Emanuel-Westend-Union zu Frankfurt a. M. an die Mitglieder der israelitischen Gemeindeverwaltung zu Nürnberg gerichtet hat, einiges hervorgehoben werden. Er stand zu jener Zeit als Rabbiner und Prediger 'in der Nürnberger Gemeinde zur Wahl, doch nahmen einige Mitglieder daran Anstoß, daß er angeblich die Speisegesetze nicht befolgt, indem er einmal an einem nicht nach dem herkömmlichen Ritual bereiteten öffentlichen Mahl sich beteiligt habe. „Es sind also nicht meine seit so vielen Jahren in Wort und Schrift kundgegebenen Gesinnungen," so heißt es in diesem offenen Sendschreiben, „es ist nicht das von nur an verschiedenen Orten, insbesondere in der Rabbinerversammlung zu Breslau, bereits im Jahre 1846 gegen die rabbinischen Speisegesetze abgegebene Urteil, nein, es ist lediglich die Tat. die Bewährung meiner Grundsätze, welche mich zum öffentlichen Lehrer der Religion in einer Gemeinde, die notorisch in ihrer überwiegenden großen Mehrzahl in diesem Punkte denkt und handelt wie ,ich, ungeeignet erscheinen lassen soll. Was also sonst in unserer bedeutungsvollen Epoche, welche namentlich auf religiösem Gebiete Männer braucht, Männer, treu in Wort und Tat, dem Mann zur höchsten Ehre gereicht, dem tief zu beklagenden aufgeklärten Rabbiner der Neuzeit gereicht es zur Verdammnis. Sein orthodoxer Kollege, den Lebuleban Aruch als Panier in der Hand, ist der Mann der Entschiedenheit, der Mann des Fortschritts, seine Fahne tragend, worauf die Inschrift fehlt, ist der Mann der Halbheit. Das aber ist der bedauerliche Umstand, woran wir leiden, daß, mag einer noch so aufgeklärt sein, er die falsche Ansicht hegt: „Wir können tun, was wir wollen — der Rabbiner muß den althergebrachten Formen im Leben huldigen", es ist jenes triviale, aller sittlichen Denkart entfremdete Sprichwort: „Der Kutscher muß nüchtern bleiben; die im Wagen sitzen, können betrunken sein." Aber nie und nirgends, weder in Bibel noch in Talmud, habe ich gefunden, daß die Lehrer in Israel ihre Gemeinde vom hohen Sitze aus geführt hätten. Die frommen Männer, die einfachen, gingen voraus, um nüchterne Führer ihrer nüchternen Gemeinde zu sein, die ihnen vertrauensvoll nachsolgten, und so meine ich, Vernunft und.^ Religion gebieten es, namentlich sur unsere in relibiösen Diügen ' Rabbiner Dr. Leopold Stein. so zerfahrene Zeit, aufs dringendste, daß der Rabbiner in allem mit dem rechten Beispiel vorangeht. Aber leider find die Rabbiner der Gegenwart mehr Geführte als Führer. Das ist es, was unsere religiösen Zustände so unhaltbar macht; die meisten jüdischen . Gemeinden erziehen ihre Rabbiner zu Heuchlern." Nun geht Leopold Stein an das offene Bekenntnis seines rabbinischen Glaubensgrundsatzes, der sich in die Worte zusammenfassen läßt, daß er, seit er fähig sei, sich durch Studium, Erfahrung und ungetrübtes Urteil eine klare eigene Meinung zu bilden, auf biblisch-mosaischem Standpunkt stehe. Er verwerfe keineswegs den Talmud, wie zum Beispiel die Karaiten, vielmehr erkenne er verehrend an, daß der Talmud in der. großen Entwicklungsgeschichte des Judentums Großes geleistet t)QÖe, abex er sei in seinem Gewissen in bezug auf die Religion verpflichtet, in dem Falle anderer Meinung zu sein als der Talmud, wo dieser durch Erweiterungen und Erschwerungen tausendfacher Art das einfache Bibelwort in deffen Reinheit und Lauterkeit beeinträchtige. In dem hohen Geiste der mosaischen Gesetze erkenne er eine göttliche Kundgebung und daher mit Moses Mendelssohn die Verpflichtung der Israeliten zu deren Beobachtung an. Auch die mosaischen Speisegesetze seien ihm heilig und er beobachte sie gewissenhaft. Aber im Laufe trauriger Jahrhunderte haben die erschwerenden Speisegesetze eine starre Form angenommen. Seitdem jedoch der Frühlingsodem eines milderen Jahrhunderts die Starrheit überall gelöst, und seitdem ein Hauch der Liebe im Geiste der Annäherung über die Menschen gekommen, der aus Gott sei und dessen die Israeliten, die solange die Parias der Menschheit gewesen, sich am haben, sei es die Pflicht, ja sogar gebotenes Werk, für das Judenihm nähernden Menschheit entmeisten zu erfreuen ein heiliges von Gott tum, daß es der sich gegenkomme und festhaltend an den biblischen Grundgeboten manche starre Formen ablöse. Formen, die sich in den Tagen des Geistesdrucks und der menschentrennenden Sonderheiten der reinen Lehre angefügt und die Israeliten von der Welt abgeschlossen haben. Die erschwerenden Speisegesetze und ähnliche Ritualien seien einst notwendig gewesen, um die Juden von einer sie feindseligen Welt abzuschließen. Wie im Winter zukunstsvolle Saaten unter einer kalten Schneedecke verborgen ruhen, so haben sich eben die ewigen Lehren und Gebote der israelitischen Religion unter jener Hülle geborgen und erhalten in einer rauhen Zeit. Nun aber mache sich die neue Zeit mit ihren so sehr veränderten Anschauungen und Forderungen geltend. „Wir fragen," so sagt er wörtlich, „kann das rabbinische Speisegesetz in seiner unerbittlichsten Konsequenz beobachtet werden von dem Geschäftsmann, der in entferntesten Gegenden Wochen und Monate lang sich unter Nichtisraeliten erhalten muß? Und sagt nicht unsere heilige Thora: „Beobachtet meine Satzungen, welche der Mensch üben soll, daß er durch sie lebe" und setzt nicht der Talmud

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