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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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Hat vielleicht der Prophet Habakuk, der, nach einem Worte der Alten, die Unmenge der Gebote und Verbote in das eine Wort zusammen faßte: „Der Fromme lebt seines Glaubens" die Existenz des Judentums gefährdet? Ist nicht das Judentum, wie es sich in unserer Geschichte und in unserem Schrifttum offenbart, eine tiefsinnige Weltanschauung, die schon längst alle sie beengenden nationalen und konfessionellen Fesseln gesprengt und den Siegcszug durch die gesamte Kulturwelt angetreten hat? Und diese die gesamte Menschheit umspannende erhabene Weltanschauung, die in jeder Sprache verständlich, jeder nach Licht und Wissen ringenden Gemeinschaft offenbar ist, soll in ihrem Fortbestand oder in ihrer Entwicklung bedroht sein wenn die Berliner jüdische Gemeinde in liberalem oder in konservativem Geiste verwaltet werden wird? Der in unserer Gemeinde gegenwärtig tobende Kampf der Parteien wäre nur dann verständlich und vielleicht auch berechtigt, wenn die sogenannten Konservativen streng nach dem Schulchan'Aruch lebten, und die bösen Liberalen die wissenschaftliche Qualifikation besäßen und den Mut hätten, dieses dickleibige Gesetzbuch einer gründlichen Revision zu unterziehen. Da aber die Konservativen ebenso wie die Liberalen den Schulchan Aruch höchstens nur dem Namen nach kennen, und diese ebenso wenig wie jene bisher an den Gründsänlen der jüdischen Lehre gerüttelt haben, so wissen wir nicht, um was eigentlich die Parteien kämpfen, was sie berechtigt, das Judentum, dessen Ehre ihnen allen gleich heilig und teuer ist, in den Kampf hineinzuziehen. Aber angenommen, der gegenwärtige Wahlkampf sei von höheren Idealen getragen, als von dem bloßen Wunsch, die Gemeindestube zu beherrschen, dann ist es uns rätselhaft, warum diese höheren Ideale nicht genannt werden, warum nicht auf der einen wie der anderen Seite gesagt wird, wie wir unser Leben einzurichten, haben, um diesen Idealen näher zu kommen. Außerdem müßten wir verlangen, daß der Streit im Sinne des Judentums, ehrlich und wahr geführt werde, daß er nicht. die Signatur jenes Streites aufweife, den Israels alte Lehrer als einen Streit des Korah und seiner Genossen brandmarkten, mit einem Worte: daß die Sache von der Person getrennt werde. Dies aber vermissen wir ganz besonders bei derjenigen Partei oder richtiger bei dereuWortsührern, die mit bombastischen Worten den Liberalen den Vorwurf unehrlicher Gesinnung machen. Freilich sagt man: der Kampf heiligt die Mittel; aber seit wann ist diese jesuitische Maxime ein Grundsatz des Judentums? Das Wesen des Judentums ist Wahrheit. Auf drei Dingen, lehren unsere Weisen, beruht die-Welt: auf Wahrheit, Recht, und Frieden. Die Fortschritte auf allen Gebieten der Kultur und der Zivilisation sind nicht, wieviele glauben, eine Folge des vorangegangenen Kampfes, sondern eine Frucht des errungenen Friedens. Nun, die bösen Liberalen haben schon lange vor dem begonnenen Wahlkampfe diesem Satze getreu ein unzweideutiges Programm aufgestellt, das klar und deutlich besagt, was sie wollen und was sie nicht wollen. Nicht so aber verfahren die sogenannten Konservativen, die plötzlich den Ehrentitel Liberalismus für sich in Anspruch nehmen, um den Gegnern Radikalismus vorzuwerfen. Wenn sie in einem ihrer Flugblätter schreiben: „Nicht gegen den Liberalismus der Anschauung kämpfen wir, sondern gegen die Indolenz und die geistige Apathie in unserer Gemeinde" und zugleich Forderungen ausstellen, die zum Teil erfüllt und zum Teil, wie sie selbst wissen, undurchführbar sind, so kämpfen sie freilich weder gegen den Liberalismus der Anschauung noch gegen den der Tat, sondern bekunden dadurch, daß ihr. ganzes Gebahren Nichts weiter als Wahlmache ist und daß sie den wirklich ehrlichen Konservativen in der Gemeinde Sand in die Augen streuen. Empörend aber ist es, daß sie schreiben: „Ja, wir befürchten die Beseitigung des Sabbats und der hebräischen. Gebetsprache." Nun abgesehen davon, daß die Veranstaltung eines Gottesdienstes am Sonntag mit der Verlegung oder gar Beseitigung des Sabbats nicht identisch ist, haben ja die Liberalen diese Forderung, deren Zweckmäßigkeit auch wir entschieden bestreiten, schon längst aus ihrem Programm gestrichen, und da unsere liberalen Repräsentanten auch ihren Gegnern als. Ehren? männer bekannt sein dürften, so ist der zum Ausdruck gebrachte Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Versprechens nichts weiter als ein Ausfluß jener Gesinnung, für. die uns die richtige Bezeichnung fehlt. Was afcer die Furcht vor der Beseitigung der Hebräischen Gebetsprache anlangt, so sprechen wir Leuten, von denen wir positiv wissen, daß sie sich selbst in einem punktierten Gebetbuch kaum zurecht finden, mit aller Entschiedenheit das Recht ab, über diese äußerst wichtige Frage ein Wort mitzureden, geschweige denn in öffentlichen Volksversammlungen und Flugblättern als Anwälte der heiligen Sprache aufzutreten. Wenn diese Herren wirklich, wie sie angeben, den um sich greifenden Radikalismus bekämpfen wollenso sollten sie das Bestreben der Liberalen, den Gottesdienst durch 'eine größere Berücksichtigung der Landessprache den Betenden verständlich zu machen, eher unterstützen als bekämpfen. Es ist nicht wahr, daß die Liberalen das Hebräische als Gebetssprache beseitigen wollen! Sie wollenJiur, und dies mit Recht und ganz im Sinne der jüdischen Lehre, daß der Betende auch wisse und verstehe, was er betet, daß der Hauptzweck des Gottesdienstes, die Andacht, durch den ausschließlichen Gebrauch des Hebräischen, das den meisten, die Konservativen nicht ausgenommen, leider unverständlich ist, nicht verloren gehe. Und diese Forderung ist viel älter als der Liberalismus der Berliner liberalen Repräsentanten. Wir verweisen nur aus Schulchan Aruch, Hilchoth TTephilah K. 101 und ganz besonders auf den des Rabbi Seneor Salm an aus Ladie, wo es ausdrücklich heißt: „Selbst wer die hebräischen Gebete lesen kann, aber deren Sinn nicht versteht, soll, da die Andacht der Hauptzweck des- Gebetes ist, lieber in einer ihm verständlichen Sprache beten" (siehe auch Talmud Labil Sota 33 a und Berachoth 15 a). Der einzige Vorwurf, der die Liberalen trifft, ist, daß sitz in ihren berechtigten Forderungen viel zu bescheiden und wenig darauf bedacht sind, sie in gesteigertem Maße als es bisher geschehen ist, wissenschaftlichzu begründen. Wir wissen nicht, wie der Wahlkamps ausfallen wird. Darüber werden wir-schon in den nächsten Tagen Gewißheit erlangen. Nur das eine wissen wir genau: Weder wird auch eine künftige Mehrheit der Liberalen iti der Berliner Repräsentanz den Fortbestand des Judentums im geringsten gefährden, noch eine konservative es besonders heben- und daß die Gememdestube in der Oranienburger Straße noch lange nicht die höchste' Instanz ist, die über die Lebensfragen des Judentums, wie die eine oder die andere Partei sie gelöst wissen möchten, zu entscheiden hat. A. K.

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