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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 Die Iahreskonferenz erklärt alle Mißverständnisse,, welche in der Bewegung in letzter' Zeit sich bemerkbar gemacht haben, für geklärt und behoben. -Die Iahreskonferenz macht es jedem Zionisten zur Pflicht, alle unliebsamen Vorkommnisse zu vergessen und mit erneuter Energie für die gemeinsamen Aufgaben des Zionismus zu wirken. -Ganz besonders hofft die Iahreskonferenz, daß.jene Mitglieder der Bewegung, welche glaubten, sich von der aktiven zionistischen Arbeit zurückziehen zu sollen, wieder zu derselben zurückkehren werden. Die Iahreskonferenz erwartet von der zionistischen Presse, daß sie durch ihren Ton und ihre Haltung zur Beruhigung der Gemüter beitragen wird. Die Mitglieder der Iahreskonferenz scheiden mit dem freudigen Bewußtsein, daß die zionistische Organisation geeint, und gefestigt nrit erneutem Krastgefühl ihrem hohen Ziele entgegenschreitet. V , 4^ Abraham Geigers LebenswerK. ' ieben Männer — unter ihnen die zwei Lieblingsschüler Klein und Löw — haben sich zusammengetan, um nach dem Lebensbilde, das der Sohn pietätvoll und doch bescheiden gezeichnet. hat, das große Lebenswerk Geigers, vor uns zu entrollen, der Vergessenheit zu entreißen. Ist es ihnen gelungen? Vorerst eine andere Frage: War es nötig, Geigers Lebenswerk zu schildern? Fast möchten wir^s verneinen. Jeder Jude, der mit nur einigem Interesse an der Entwicklung des Judentums teilnimmt, er gehöre dem orthodoxen oder dem freisinnigen Lager an, kennt den Namen Abraham Geiger und nennt ihn den Begründer der Resormidee im deutschen Judentum. Alle anderen sind vergessen .und verschollen, erloschen all die kleinen und großen Sterne, die glänzten und leuchteten in der Werdezeit der jüdischen Reform, selbst Holdheim gehört nur schon der Literatur an; nur Geigers Name lebt, ist mehr denn je identisch mit dem Gedanken von der Verjüngung des Judentums. Und .wie dem gebildeten Laien unter den Juden der Name Abraham Geiger noch immer eine Platform ist, sind sich auch die jüdischen Gelehrten vollauf bewußt der großen Verdienste, die sich Geiger um die jüdische Wissenschaft errungen hat. Und doch ist die Arbeit notwendig gewesen. Sie bedeutet nicht allein die Abtragung einer Ehrenschuld an einen unserer Größten, an einen der Bahnbrecher und Pfadfinder des neuerwachten jüdischen. Geisteslebens, an denjenigen, der ein Markstein geworden ist in der Entwicklung unserer Religionsgeschichte; sie ist zugleich ein Mahn- und. Weckruf für unser Geschlecht, Noch mehr der kommendem Generation. Die Großen der Geschichte unterliegen mehr oder, weniger einem gemeinsäinen Geschick: . Was ewig ist an ihrer Tätigkeitwird zum geflügelten, namenlosen Gemeingut der Gesamtheit, sie selbst als Persönlichkeiten leben in der Nachwelt nur als gefeierte Namen. Schießt die Saat üppig in die Halmen,. freut man sich der reichen Ernte, ohne des Sämanns zu. gedenken,' und geschieht es. doch, ohne über sein Werk sich . vollständig im klaren zu sein.- Aber wie der rechte Kaufmann seinen Jahresabschlttß macht, so muß auch der Mensch bezüglich seines geistigen Lebens sich immer wieder Rechnung legen über Gewonnenes und d) Abraham Geiger, Leben und. Lebenswerk. / .Von Ludwig Geigerv Jsmar Elbogen, Gottlieb Klein, Immanuel Löw, Felix.Perles, Samuel Pvsnanski. Ptoritz. Steru,; Hermgun ,und Heynemc\nn Vogelstein. Berlin- Georg' Reimer, 19 IO. a; r, V erkorenes, um für die kommend e Arbeit nicht ins Uferlose zu segeln; und Wiedas dem einzelnen obliegt, ist es auch Pflicht jeder Gesamtheit, von Zeit zu Zeit den geistigen Ertrag der Jahre zu prüfen, um genau zu wissen, ob Fortschritt, Stillstand oder Rückschritt zu verzeichnen sei. Und diese Orientierung über Geleistetes und zu Leistendes kann ein Volk nur an seinen Großen, an den Meilensteinen seines Geisteslebens vollziehen. Ein solcher Meilenstein für das religiös-geistige Leben der modernen Judenheit ist Abraham Geiger. Und weil es wahrlich hohe Zeit ist, daß Israels neu aufstrebende Generation sich über ihre kommenden Pflichten genau orientiere, an dem Lebenswerke seiner Großen sich orientiere, darum ist das Buch dankbarst zu begrüßen. '; Auf sämtlichen. Gebieten der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lebens betätigte sich Geiger. Er war Theologe und Apologet, Historiker und Bibelforscher, Dichter, Philosoph und Grammatiker. Heimisch ist er gewesen in jedem Winkel unseres geistigen Besitzes, und überall hat er. die Spuren seiner rastlosen Emsigkeit hinterlassen, und kein Epigone hat sie bis jetzt zu verwischen vermocht. In den Details sind seine Arbeiten da und dort überholt, im Kern, in den wesentlichen Ideen fast gar Nicht. Alle seine Werke zeichnet Großzügigkeit aus, ein hoher, weiter, tiefer Blick, eine Genialität des Erfassens und Konzipierend. Darin hat Geiger keinen Nachfolger bis heute gefunden. Ihm schloß sich die gesamte jüdische Wissenschaft zu einer Einheit zusammen, in der er den Brennpunkt alles "Forfchens gesehen hat: zur Religionsgeschichte Israels. Er kannte kein. Quellenstudium als Selbstzweck, ihm war das Zusammentragen der kleinen Steine nur Mittel zum Zweck: Die Ergründung und Entwicklung der jüdischen .Religionsgeschichte. Er ist der Reformator des Judentums geworden, nicht weil die Zeit, sondern weil der historische Fortgang es so verlangte. Haben wir es seit Geiger viel weiter gebracht, hat'sich unsere Wissenschaft seither mächtiger' entfaltet, hat sich unsere Welt- und Lebensanschauüng durch sie bereichert, vertieft? 36 Jahre sind seit dem Tode Geigers verflossen, niemand hat ihn erreicht, niemand übertroffen. Wie hat er die Pflege der biblischest Wissenschaft unter den jüdischen Gelehrten angebähnt, den Weg gezeigt, den wir betreten müssen, um endlich die Schmach von uns abzuwälzen, die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel dewprotestantischen Theologen allein zu überlassen. Wie wenige nach ihm betraten den Weg! Perles Aufsatz über Geigers Bibelstudien klingt mit Recht in die Klage aus: „Der vorzeitige Tod Geigers hat nicht nur verhindert, daß seine bibelwissenschastlichen Forschungen zum Abschluß ge-' langten, sondern auch, was noch schmerzlicher ist, daß er auf diesem von Juden bis dahin noch fast gar nicht betretenen Gebiet Schule machen konnte. An dem oben erwähnten schnellen Fortschritt der Bibelwissenschaft im letzten Menschenalter haben jüdische Gelehrte nur sehr geringen Anteil. Selbst das entschiedene freisinnige Judentum, das'den kritischen Standpunkt prinzipiell anerkennt, hat leider völlig versagt und die Bibelwissenschaft, bis heute der protestantischen Theologie als unbestrittene Domäne überlassen" (S. 327)..Ja, jüdische Finanzmänner fördern mit ihren reichen Mitteln die Ausgrabungen in Palästina und Mesopotamien, aber kein jüdischer Archäologe ist weit ustd breit zu entdecken seit Opports Tod, und jüdische Gelehrte, die die Bibelwissenschaft zu ihrem Lebensstudium machen, sind' nicht an den zehn,, sondern kaum an den fünf Fingern herzuzählem . . .. Wie hat Geiger das Feld der Apologie, der Religions-' Philosophie zu bebauen begostnen. Wohl hat der Zwang zum

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