Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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317 Selbstschutz manch ein gutes Werk, manche tüchtige Abhandlung seitdem gebracht. Aber eine Religionsphilosophie besitzen wir noch immer nicht, und während das Christentum unablässig an der Arbeit ist, sich mit der modernen Welt- und Lebensänschauüng philosophisch auseinanderzusetzen, hüllen wir uns beharrlich in Schweigen, als ob es mit dem Judentum gar so glänzend stände und begnügen uns mit Grundrissen der jüdischen Theologie, die schon im Entstehen veraltet sind, nach denen kein Denker mehr fragt. Und erst die religiöse Bewegung. Wer in dem so liebevoll geschriebenen Aufsatze Kleins blättert, muß bald mit tiefer Wehmut bekennen, daß wir um keinen Schritt weiter gekommen sind. Wohin uns Geiger gestellt hat, dort stehen wir, und nur was er erreicht hat, Haben wir, oft nur mit größter Mühe, erhalten. Ist es etwa, weil die Judenheit innerlich konservativer geworden ist? Ach, wenn es das wäre! In einem seiner Briefe klagt Geiger: „Es ist traurig, wie die jetzige Jugend gott- und sittenlos in bloßem Sinnenrausche dahinlebt und vorzüglich in solchen Orten, wo die Liebe zu den Wissenschaften nicht Wurzel faßt. Kein Religionsunterricht, keine guten Beispiele, bloß Verspottung alles Guten und vollkommene Ignoranz" (S. 281). Müssen wir das nicht auch jetzt einem Teile unserer Jugend nachsagen? Und wenn Geiger bittere Worte findet für das Christeln, das in manchen Judenkreisen Mode geworden ist (S. 284), verdient dies Sichselbstvergessen heute nicht noch schärfer gegeißelt zu werden? Und wenn Geiger betrübt an Zunz schreibt, wie „alle Kraft sich in lauter Lappalien ausreibe, ohne daß etwas Gescheites herauskommt und herauskommen kann" (Neue Schriften V, S. 155), würde er heute anders schreiben? Die Judenheit ist einfach über ihre Kirche hinweggegangen, das ist die traurige Wahrheit, hat die Reform an sich selbst vollzogen, vollzieht sie unverrückt an sich weiter und läßt Kirche — Kirche sein. Der konservative Schein der Zionisten, die aus Politik, gleichsam fürs Volk, am Alten sesthalten, darf niemanden über die währen Zustände in der Judenheit bezüglich des religiösen Lebens hinwegtäuschen. Sicherlich sind in Einzelheiten, wie ich es schon erwähnt habe, auf allen .Gebieten Fortschritte zu verzeichnen. Die Kleinforschung hat uns die Geschichte des jüdischen Mittelalters weit aufgetan, die Geschichte der Reljgionsphilosophie ist uns besser erschlossen, die Entstehungszeit des Christentums auch von uns vielfach näher beleuchtet worden, wertvolle Editionen haben unsere Kenntnisse außerordentlich bereichert, Halacha und Midrasch dem Verständnis näher gebracht, aber die Geister, die gleich Geiger großzügig und zusammensassend das Erworbene dem Judentum dienstbar machen könnten, fehlen uns vollständig; wir gehen im Kleinbetrieb und Kleinvertrieb unserer Wissenschaft restlos auf, die Männer sind nicht da, die das geistige Band um all das Kleine zu schlingen verständen. Es ist eine betrübende Wahrheit, die uns das große Buch über Geigers Lebenswerk auf jeder Seite lehrt. Wollte Gott, die Orientierung über das Geringe unserer Leistungen seit dem Tode Abraham Geigers würde zum Stachel für unser heranwachsendes Geschlecht, den Blick auf das Große zu richten, sich nicht in Details zu verlieren und alles Wissen und Forschen in den Dienst unserer Religionsgeschichte und Religionsentwicktung zu stellen. lieber diese große Lehre des umfangreichen Buches will ich gerne manchen Mängeln ein nachsichtiger Richter sein. Schade jedenfalls, daß es nur ein Buch für Bibliotheken und Gelehrte geworden ist, was sicherlich nicht der ursprüngliche Plan des Herausgebers war. Nicht minder bedauernswert ist, daß durch die Teilung der Arbeit das Gesamtbild recht verschwommen hat ausfallen müssen. War denn eine Siebenteilung unvermeidlich? Wenn wenigstens der Theologe und Reformator, dann wieder der Historiker von einem allein zur Darstellung gebracht worden wäre. Zweifellos hat es jeder Mitarbeiter gut, sehr gut gemeint, aber gerade das verursacht so viele ermüdende, störende Wiederholungen. Welch ein herrliches Buch hätte das werden können, wäre es aus einem Guß. Trotz alledem sei denj Mitarbeitern nicht die Freude an ihrer Leistung, dem Leser nicht die,an dem Gebotenen verkümmert. Wenn es nur jeden von uns an seine Pflichten gegen das Judentum erinnert, hat es seinen Zweck erfüllt; wenn es nur jedem von uns die Persönlichkeit Abraham Geigers .wieder näher gerückt hat. war es aller Mühe wert. Beides ist dem Buche in vollstem Mähe gelungen. Es ist ein Weckruf an uns alle, ein Monument zugleich, das dankbare Pietät der schärfst ausgeprägten und genialsten Persönlichkeit des modernen Judentums gestellt hat. Die Worte Nöldekes, mit denen der treffliche Löw die Würdigung Geigers abschließt, verdienen in die weitesten Kreise getragen zu werden: „Möge die Entwicklung des Judentums dereinst zu dem Geiger vorschwebenden Ziele führen oder nicht, auf alle Fälle war er einer seiner bedeutendsten Repräsentanten in der Neuzeit und zugleich ein hervorragender, in mancher Hinsicht bahnbrechender Gelehrter." Dr. J. Ziegler, Eins und Wucher im Judentum. Von Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz. seinen Vorträgen über „Juden und Judentum" hat Herr Professor Sombart in Berlin die sonderbare Behauptung aufgestellt, daß die jüdische Religion ihren Bekennern gestatte oder gar gebiete, Zins und Wucher zu geben und nehmen. Zum Beweise dafür zitiert er 5. Buch Mosis 23, 20 und übersetzt dabei das Wörtchen, „neschech“ merkwürdigerweise verschieden, bald durch „Zins", bald durch „Wucher". Aber es mag gleich gesagt werden, daß die Thora das Wort „Wucher" im geläufigen Sinne gar nicht kennt, daß ihr jeder Vorteil, ob gering oder hoch, der nicht durch Arbeit und Tätigkeit erworben wird, als Zins gilt, als „neschech“ oder „marbis“. — Doch sehen wir uns einmal genau an, was unsere Religion über den Zins lehrt. Dahin gehören vor allem folgende drei Stellen in der Thora: 1. Wenn Du einem aus meinem Volke, dem Armen neben Dir, Geld leihst, so sei ihm kein dringender Gläubiger, lege ihm keine Zinsen auf!" (2. Buch Mosis 22, 24.) 2. „Wenn Dein Bruder verarmt und sein Vermögen wankend wird neben Dir, so halte ihn, auch den Fremdling und Beifaß, daß er lebe neben Dir. Du sollst keinen Zins und Ueberschuß von ihm nehmen; fürchte Dich vor Deinem Gotte, daß Dein Bruder lebe neben Dir. Dein Geld gib ihm nicht auf Zins und auf Ueberschuß nicht Deine Speise. Ich bin der Ewige, Euer Gott, der ich Euch aus dem Lande Aegypten herausgeführt habe, um Euch das Land Kanaan zu geben, um Euch zum Gotte zu«-sein." (3. Buch Mosis 25,35—38.) 3. „Du sollst Deinem Brüder keine Zinsen geben, nicht Zinsen von Geld, nicht Zinsen von Speise, nicht Zinsen von irgendeiner Sache, die verzinst wird. Dem Ausländer magst Du Zinsen geben. Deinem Bruder aber nicht." (5. Buch Mosis 23, 20—21.) " '