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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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gehören diejenigen Juden/ die eine kleine oder gar keine Familie haben. Diese werden aufgesordert, das Stadtgebiet innerhalb vier bis fünf Tagen zu verlassen. Kleine Viehmakler, Agenten und sonstige armselige Existenzen, die von der Hand in den Mund leben, zählen zu dieser Klasse. Die zweite Kategorie umfaßt Familien von fünf oder mehr Mitgliedern. .Diesen wird eine Frist von vierzehn Tagen gewährt. Auch die Witwen von Handwerkern, ferner arbeitsunfähige Handwerker, die ipso kaeto nicht wohnberechtigt sind, werden dieser zweiten Kategorie zugezählt. Zur dritten Kategorie endlich gehören die ärmsten Proletariermassen, Bettler usw. Diese müssen jeden Augenblick gefaßt sein, einen Befehl zum sofortigen Verlassen der Stadt zu erhalten. Da viele der Ausgewiesenen noch hoffen, ihre Ausweisung rückgängig machen zu können, und verzweifelte Anstrengungen zur Wiedererlangung des Wohnrechts unternehmen, da ferner die Ausweisungen noch immer fortdauern, ist es unmöglich, auch nur annähernd die Zahl der Juden zu bestimmen, die endgültig die Stadt verlassen müssen. Da nach diesen Mitteilungen nur die Armen und Aermsten mit Ausweisung bedroht zu sein scheinen (frühere Berichte stellten die Sache ganz anders dar, und zwar als eine Maßregel, die auch gegen Begüterte, ja selbst gegen Reiche geübt wurde), so begnügt sich damit die Barbarei der Verfolger nicht; vielmehr scheint die „schwarze Bande" ihr unseliges Handwerk aufs neue beginnen zu wollen. Die „N. I. K." bringt folgende Depesche aus Kiew vom 25. Juni: Die Pogrompropaganda nimmt hier wiederum bedrohliche Formen an. Ein Mönch verteilt auf den Straßenbahnen aufwieglerische Proklamationen, die von dem von allen Gläubigen verehrten Lawra-Kloster herausgegeben sind. Gestern begannen sogar zwei Hooligans im Mittelpunkt der Stadt alle vorübergehenden. Juden zu verhauen, aber die Sache hatte keine weiteren Folgen. Jedenfalls häuft sich der Zündstoff in gefährlichem Maße. *3n Während Deutschland sich mit Protesten einzelner Vereine gegen solche Grausamkeiten begnügt, gehen die amerikanischen Juden resoluter vor. Die neuesteNummer des „AmericanIsraelin" berichtet von der' Audienz einer jüdischen Deputation vor dem Komiteedes" Nepräsentenhauses für auswärtige Angelegenheiten Vor ihr sprach Dr. Mendes als Vorsitzender der orthodoxen jüdischen Gemeinde, Simon Wolf als Vertreter der Reformgememden und des Lne Lrilb-Ordens, Sanderals Delegierter des Orden Brith Abraham, ferner die Vertreter anderer kleiner Orden und Herr A. Simon als Delegierter der Rabbiner. Sie setzten die Greuel, die in Rußland geschehen sind, auseinander und erklärten, wenn sie auch die Gefahren einer übermäßigen Einwanderung nicht verschwiegen, daß ein Protest der amerikanischen Volksvertreter vor Europa und der ganzen Welt von großer Bedeutung sein müßte. Die Deputierten wurden auch im Weißen Hause empfangen und erhielten vom Präsidenten die Versicherung seiner Sympathie „für die Bewegung zur Verbesserung der Lage der Juden in Rußland" und die Verheißung, „daß die Angelegenheit jede Beachtung erhalten werde". & Bisher setzte man auf die türkische Regierung große Hoffnungen, teils für die Stellung der Juden in der Türkei überhaupt, teils und besonders für die Begünstigung der Niederlassung und des Landerwerbs in Palästina; gegenwärtig ändern sich diese Verhältnisse, wenn ein antisemitisches Blatt, die „Deutsche Tageszeitung", richtig informiert ist. Dieses erzählt nämlich folgendes: Einer Meldung aus Jerusalem zufolge herrscht unter den dort hausenden Juden furchtbare Erregung, weil die türkische Negierung. eine Bestimmung erließ, der zufolge der Kauf von Grund und Boden in Palästina den Juden verboten wird. Diese Verordnung ist auf die Fellahstämme zurückzuführen. die den Inden von jeher feindlich gesinnt-waren, und unter denen sich seit einiger Zeit wieder eine scharfe antisemitische Strömung zeigt. Man schließt aus dieser Maßnahme, daß die jungtürkische Regierung trotz ihres philosemitischen Einschlages alle Anstrengungen macht, die Wünsche ihrer Untertanen, selbst auf Kosten der Juden, zu befriedigen, um nach außen hin. namentlich gegen Griechenland, möglichst stark austreten zu können. Es ist zu hoffen, daß bei dem Korrespondenten des antisemitischen Blatts der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen ist. & Aus Bayern wird uns geschrieben: In der Sitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer vom 23. Juni 1910 brachte der liberale Abgeordnete Dr. Müller bei der Beratung des Militäretats unter anderem vor, daß, was die Qualifikation von Israeliten zu Reserveoffizieren anlange, auch bei uns in Bayern, wie in Preußen, seit dem Jahre 1905 ein Systemwechsel zuungunsten der israelitischen Aspiranten eingetreten zu sein scheine In seiner Antwort hierauf betonte der Kriegsminister Freiherr v. Horn, daß das Jahr 1905 ausgerechnet dasjenige Jahr sei, in welchem er an die Spitze der Militärverwaltung trat; er müsse sich ausdrücklich dagegen verwahren, daß er derjenige sein könnte, der gerade den Israeliten den Zugang zur militärischen Laufbahn verschließen oder erschweren will. Eine Bekräftigung dessen möge das Haus in der Tatsache sehen, daß erst vor wenigen Wochen ein Israelit zum Kriegsgerichtsrat im aktiven Dienst ernannt worden sei & Am 27. und 29. Juni fand zu Berlin die zionistische Jahreskonserenz statt, die von 40 Delegierten besucht war. Der von der Jahreskonserenz einstimmig angenommene Beschluß der von Dr. Marmorek beantragten Einigungskommission lautet: Die Jahreskonserenz beschließt, daß der nächste Kongreß spätestens im Sommer 1911 stattfindet. Die Jahreskonserenz beauftragt das A. C." (= Engere Aktionskomitee), in wichtigen Fragen allgemeiner Natur einen aus drei Mitgliedern bestehenden Beirat zuzuziehen Die Namen der Gewählten werden erst nach ihrer Zustimmung veröffentlicht werden. Die Jahreskonferenz beschließt, daß die Sitzungen des großen Aktionskomitees von jetzt bis zum nächsten Kongresse mindestens alle vier Monate einmal stattfinden. Die Jahreskonferenz beauftragt das M. C^", Maßnahmen im neuen Organisationsstatut zu treffen, die^dem'' großen Aktionskomitee eine intensivere Mitarbeit an der Führung der Geschäfte ermöglichen. Insbesondere wird für das neue Organisationsstatut vo r geschlagen, daß neben dem „E. A. C." auch das große Aktionskomitee aus seiner Mitte einen Vorsitzenden wählen soll, dem Sitz und Stimme im „E. A. C." verliehen werde. Neben dem „E.A.C" soll auch der Vorsitzende des großen Aktionskomitees berechtigt sein Sitzungen desselben einzuberufen. Das große Ak.ionskomitee soll nur bei Anwesenheit von mindestens 15 Mitgliedern beschlußfähig sein. Die Jahreskonserenz beschließt, dem nächsten Kongreß folgende Vorschläge zu unterbreiten: 1. den Sitz des Zentralbureaus nach einem größeren jüdischen Zentrum zu verlegen; 2. zu veranlassen, daß am Sitz des Zentralbureaus mindestens drei Mitglieder des „E. A C." ihren Wohnsitz Haben; 3. daß der Präsident des Aufsichtsrates des. „I. C. T." voll berechtigtes Mitglied des „E. A. C." ist; 4. daß das „E. A. C." aus fünf bis sieben Mitgliedern besteht Die Jahreskonserenz spricht die Meinung qus, daß eine gedeihliche Arbeit im „E. A. C." nur möglich ist, wenn dessen Zusammensetzung den verschiedenen Strömungen Rechnung trägt; 5. daß das „E A. C. den Vorsitzenden aus seiner Mitte wählt.

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