Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1Ö4 Die Kompromißparteien konnten in der SchlUßabstimmuüg gegen alle anderen Parteien:mit 238 gegen 168 Stimmen die durch sie gestaltete Vorlage zum Sieg führen. Dabei ist die Ablehnung der Minderheit auf verschiedene Motive zurückzuführen. Waren für. die entschiedene Linke prinzipielle Gründe maßgebend, so wurden die Nationalliberalen durch die Ablehnung der direkten Wahl uud einer anderweiten Gestaltung der Drittelung der Abteilungen, die Konservativen aus dem letzteren Grunde und zum Teil durch die Einführung der Geheimen Wahl zu ihrer Stellungnahme bestimmt. Unter diesen Umständen' ist cs nicht ausgeschlossen, daß später bei Gewährung von Konzessionen die Mehrheit für das Gesetz sich wesentlich erhöht. | Markus horovitz. | 27. v. M. starb in Frankfurt a. M. nach schwerer «Vj Krankheit Rabbiner Dr. Markus Horovitz, der sich weit über den Kreis seiner Gemeindemitglieder und das Weichbild von Frankfurt hinaus einer seltenen Beliebtheit und Verehrung erfreute. Geboren am 5. März 1844 in Ladany bei Tokay, legte er zunächst in. den Rabbinerschulen in Ujhely, Verbo und Eisenstadt den Grund zu einer umfassenden Kenntnis der talmudischen Literatur und wurde bald der erklärte Lieblingsschüler des damaliger Eisenstädter Rabbiners, späteren Begründers des Berliner Rabbinerseminars, Dr. Israel Hildesheimer, her im Gegensatz zu vielen seiner ungarischen Amtsgenossen für die Notwendigkeit einer gründlichen Profanbildung der Rabbiner, eintrat. Horovitz besuchte das Preßburger Gymnasium, wo er das Reifezeugnis erwarb, bezog die Universitäten Wien, Budapest und Berlin, promovierte mit einer Arbeit über Rabbi Jochanan bar Napcha in Tübingen und veröffentlichte eine Studie über den Ursprung der ungarischen Juden in ungarischer Sprache. In der Tochter des Altonaer Oberrabbiners Ettlinger, eines der hervorragensten Talmudkenner der Zeit, fand er eine treue und hingebungsvolle Lebensgefährtin, die ihm auch in seiner philanthropischen Tätigkeit verständnisvoll zur Seite stand. Er bekleidete zuerst die Rabbinate in Lauenburg i. P. und Gnesen. Als 1876 das sogenannte Austrittsgesetz den preußischen Juden die Befugnis gab, aus Gewissensbedenken aus ihrer Gemeinde auszuscheiden, machten viele konservative Mitglieder, der Frankfurter Gemeinde von diesem Recht Gebrauch und schlossen sich der von Rabbiner Hirsch geleiteten Religionsgemeinschaft an; diejenigen, die in der Hauptgemeinde zu verbleiben wünschten, erwählten Horovitz zu ihrem Führer, da dieser sich stets für ein friedliches Rebeneinanderleben der verschiedenen Richtungen innerhalb der Gemeinden ausgesprochen hatte. : Horovitz nahm an, nachdem die Gemeindeverwaltung erklärt hatte, auch für die Bedürfnisse der Konservativen ausreichend sorgen und die rituellen Einrichtungen ausschließlich seiner Leitung unterstellen zu wollen. Unberührt von Angriffen, denen er stets öornehmste Rühe entgegensetzte, ging er an die Schöpfung und den Ausbau religiöser und philanthropischer Anstalten. Er begründete drei Synagogen, zwei Religionsschulen, den Verein zur Pflege jüdischen Wissens und den Montefiore-Verein zur Förderung der idealen Interessen jüdischer jünger Leute, den Talmud-Thora-Verein und den Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Vorbereitungskurse für den rabbinischen Beruf und eine Bildungsanstalt für osteuropäische Lehrer. Gleichzeitig versuchte er durch die Begründung des Israelitischen Hilfsvereins eine geordnete Wohlfahrtspflege an Stelle des Wanderbettels zu setzen. Auch an interkonfessionellen Bestrebungen nahm er regen Anteil; sein Eingreifen in die Verhandlungen des Frankfurter Kongresses der Sittlichkeitsvereine erregte allgemeine Aufmerksalykeit. Während seinerletzten Lebensjahre zählte er zu den hervorragenden Führern des deutschen Judentums und zu den unentbehrlichen Beratern der großen jüdischen Organisationen; er gehörte zu den Begründern und Leitern des Rabbinerverbandes in Deutschland, des Verbandes gesetzestreuer Rabbiner, des Vereins LeinaanZion, des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina und namentlich des Hilfsvereins der deutschen Juden. Neben der Sorge für die Vereine und eine ständig wachsende Gemeinde fand der Vielbeschäftigte Muße zu zahlreichen jüdisch-rechtlichen Gutachten und literarischen Arbeiten. Seine „Frankfurter Rabbiner" sind bon Bedeutung für die Geschichte des jüdischen Religionsgesetzes, seine „Grabsteine des Frankfurter Friedhofs" für diejenige der mittelalterlichen Grabsteintechnik. Von seinen stets geistreichen und gehaltvollen Predigten erschienen mehrere im Druck. Dr. Markus Horovitz, ein Mann von vollendeter Uneigennützigkeit' und bestrickender Liebenswürdigkeit, wußte mit treuer Hingabe an die religiöse Tradition die weitestgehende Duldung gegen Andersgläubige und Andersdenkende zu vereinigen, eine heute fast beispiellose Beherrschung der talmudischen Literatur mit modern wissenschaftlicher Schulung, reife Menschenkenntnis mit dem Schwung eines unüberwindlichen Optimismus zu verbinden. Unter einer Beteiligung, die gleich dem Wirker: des Verstorbenen weit über Frankfurt hinausging, wurde am 29. März Rabbiner Dr. Markus Horovitz zu Grabe getragen. Vormittags um 9 Uhr fand in der überfüllten Synagoge am Börneplatz ein Trauerakt statt, den der Synagogenchor und Oberkantor Ogutsch mit einem Psalm von Lewandowski eröffneten. Dann bestieg der Präsident der Frankfurter Gemeinde Justizrat Dr. Blau das hinter dem schwarzverhüllten Sarge errichtete Rednerpult, um dem verewigten Führer, Lehrer, Berater und Helfer der Gemeinde, der im Geiste der Versöhnung, der Liebe und des Friedens seines Amtes gewaltet, ein schmerzliches Lebewohl nachzurusen. Der älteste Sohn des Verblichenen, Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, sprach mit trauernder Huldigung von dem Vater, der eine aus sieghaftem Glauben quellende Toleranz betätigt habe und trotz seines scharfen Blickes für die Schwächen des Menschen als geborener Lichtsucher und -sinder ein Optimist gewesen sei. Ein Priester im Sinne Hilles, dem die Liebe Wesen und Mittelpunkt des Judentums war, ist er am Ausgang des Sabbat, Sabbatfrieden in der Seele, aus seinem gesegneten Leben geschieden. Rabbiner Dr. Unna-Mannheim zollte seinem Lehrer, der um Haupteslänge über alle seine deutschen Amtsgenossen geragt habe, den Abschiedsdank. Das talmudische Gebot, zwiefach zu trauern, wenn ein heiliges Buch verbrannt sei, gelte auch beim Tode von Markus Horovitz, der ein hoher Geist in der Hülle eines liebenswerten Menschen war. Der letzte Redner, Dr. H. Hildesheimer-Berlin, feierte den Verstorbenen, dem er in jahrzehntelanger Freundschaft und Geistesgemeinschaft verbunden gewesen, als eine der großen „providentiellen Persönlichkeiten", bei der alles Gute und Edle des Einzelwirkens nur Ausstrahlung des einheitlichen, großen Charakters gewesen sei. — Unter der Mithilfe der Polizei, die auch unterwegs und auf dem Friedhof selbst schätzbare Ordnungsdienste leistete, bildete sich alsdann vor der Synagoge der Trauerzug.