Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber alle sollten so viel historisches Gefühl, so viel Logik und religiöses Empfinden haben, daß unser Gebet erst zum jüdischen Gebete, unsere Lehre erst zur jüdischen : Lehre wird, wenn wir in der heiligen'Sprache beten und der Propheten Sprache an unser Ohr klingt: Lehret hebräisch. Lernet hebräisch. / Wir erleben sonst wirklich das Unglaubliche, daß. Chanuka-, lichter am WeihnächtsbaUMe gezündet werden! Wir können, auch für Palmzwei^ und ^h'rte^keine anderen Pflanzen nehmen, so wenig als wir für ^den Schofar eine Trompete nehmen können. Damit erledigen sich die meisten Veränderungs-, Vorschläge des Laien.' Ich bin aber weit entfernt, die Vor-, schlüge des ^Haien" verkleinern öder herabsetzen zu wollen. Im Gegenteile. Auch ich leugne nicht, „daß das heutiges Judentum'krank,' sehr kdank ist"; auch ich empfinde es tief schmerzlich, daß zwischen meinem religiösen Denken und Leben und dem der Gemeinde'eine schier unüberbrückbare Kluftliegt. Nicht nur die liberalen, sondern alle Rabbiner haben bte " Aufgabe, „aus der traditionellen Existenzform des Judentums das Ewige an ihm in verjüngter Existenzform herauszuarbeiten." Ich zweifle aber, ob es viele geben wird, welche, die von „Laien" gefundene Existenzform für verjüngt genug halten. „Ewig jung ist nur die Phantasie." — Ein Judentum, zu dem sich freudig jeder Jude bekennen wird, durch das er seine religiöse Welt höher schätzen lernt als die irdische; gewiß, das wäre ein köstliches Judentum. Und wenn wir es alle gemeinsam finden könnten, ohne an uns selbst Treubruch zu verschulden, wir Rabbiner wollten nicht Zurückbleiben. Dem Konservativsten unter uns fehlt es nicht an ethischer Größe, in jedem unserer Brüder, sei er nun national, liberal oder orthodox, den jüdischen Bruder zu sehen. Nichts können wir sehnsüchtiger wünschen, als sie alle vereinigt zu sehen. Dem liberalsten unter uns fehlt es aber nicht an historischem, verantwortlichem Gewissen, daß wir unerschüttert auf den Beinen zu stehen haben, soweit und frei wir für alle denken und empfinden. Die Arbeit teilt sich. Lehre (Thora) , ist das Ideal der einen; Gottesverehrung (Abodah) der anderen; Menschlichkeit allein ist für die dritten die Auslösung ihres jüdischen Bewußtseins (Gemilluth chessed). Wir können auf keine der drei Säulen verzichten. Aber auch getrennt anerkennen und schätzen wir die Leistung überaus. Und dazu muß noch ein viertes .kommen: das jüdische Stammesbewußtsein; auch das darf nicht fehlen und fehlt auch nicht; weder bei dem Thora-Adodah-Jdeal,, noch auch bei dem rein ethisch-gerichteten jüdischen Bewußtsein. Grund zur Verzweiflung haben wir nicht. Die Treulosen sind nicht treulos, weil sie im Judentums nichts finden, sondern, weil sie nichts in ihm suchen. Helfen wir suchen. Wir werden darin so weit gehen, als wir können. Wir suchen den Weg ins Freie, aber nicht den Weg ins Leere. „Judentum und moderne Weltsnlchouung." *) Besprochen von Dr. Max Dienemann, Rabbiner in Ratibor. nter diesem Titel läßt Rabbiner Dr. Lewkowitz aus Schneidemühl soeben ein Buch erscheinen. Ein Buch unter solchem Titel erweckt, noch ehe man es gelesen hat, mancherlei Hoffnungen und auch wiederum mancherlei Befürchtungen. Vielen ist es ein ausgesprochenes Bedürfnis,' die Grundlehren des Judentums in ihrem Verhältnis zur modernen *) „Judentum und moderne Weltanschauung" von Dr. Julius Lewkowitz, Rabbiner in Schneidemühl. Frankfurt a, M., I. Kauffmann, 1909. Weltanschauung zu prüfen, erscheint als. die notwendigste und, zwingendste Aufgabe der Gegenwart, der Nachweis der Berechtigung der Lehren des Judentums und' seiner Art die Welt anzuschauen, auch für den modernen Menschen; viele erblicken in diesem Nachweis die notwendige Voraussetzung, um die Kreise der Gebildeten mit neuem Interesse für das Judentum zu erfüllen; manchem aber mag bei einem solchen Buchtitel die Befürchtung aufsteigen, er werde wieder einem jener sattsam bekannten Ausgleichsversuche begegnen, er werde wieder einen jener häufigen Versuche finden, das Judentum und die Religion überhaupt zu retten, indem man durch Umdeutung ihre Lehren als im Prinzip identisch mit den theoretischen Lehren der augenblicklich herrschenden Modephilosophie erweist und demzufolge die Religion zur Magd der Modeanschauung macht. In diesem Buche ist zum Glück dieser Weg nicht begangen; wir begegnen keinem schwächlichen Kompromiß mit allerhand im. Augenblick die Gemüter beherrschenden Philosophemen, das ja schließlich doch niemand aus die Dauer befriedigt, und den Zweifel höchstens betäubt jUttb nicht tilgt, sondern der Verfasser schlägt einen ganz anderen Weg ein. Er führt nicht gesondert die einzelnen modernen Systeme an und stellt ihnen das Judentum gegenüber, er erfaßt die moderne Weltanschauung in ihrer Totalität, in ihrer gesammten Ausdehnung, in ihrem auf allen Gebieten zutagetretenden Verlangen, dasjenige als wahr und wirklich anzuschauen, was nach den heutigen Methoden des Forschens auf dem Wege der Beobachtung und Erfahrung sich ergM, in ihrer unbedingten Anerkennung des Grundsatzes der kaustcken Bedingtheit und Gesetzmäßigkeit allen Geschehens. Und er weist der Religion ihre von keiner der wechselnden wissenschaftlichen Theorien anzugreifende Stellung und zugleich ihre beherrschende Höhe an, indem er zunächst zwischen der Aufgabe und dem Wesen der Religion, Und Aufgaben und Wesen von Wissenschaft und Kunst eine strenge Scheidung vornimmt. Aufgabe der Wissenschaft ist: Erkenntnis der Wirklichkeit; sie stellt fest, was in der Welt vorhanden ist, und sucht das Vorhandene zu beschreiben. Sie stellt diese Wirklichkeit fest durch Beobachtung, durch Erfahrung, durch Wahrnehmung. Sie erfüllt diese Aufgabe, ohne sich um den Wert des Objekts zu kümmern, für sie ist das Große und das Kleine, das Schöne und das Häßliche von gleichem Wert, ihr zentraler Begriff ist eben „die Wirklichkeit ohne Rücksicht auf ihren Wert." Umgekehrt ist es der Kunst nicht darum zu tun, ob die Gegenstände, die sie darstellt, .wirklich sind oder nur in der Phantasie des Künstlers existieren, ihr kommt es nur auf den ästhetischen Wert an. Ihr Zentralbegriff ist also der „des Wertes ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit." Anders wieder ist es mit der Religion. Auch sie will ein Bild der Wirklichkeit geben, aber sie trifft eine Auswahl und hält sich nur an die Erscheinungen, die sie als wertvoll empfindet, an das Schöne und das Gute. Sie will die Wirklichkeit „werten", das ist ihre Aufgabe, sie will die Gegenwart deuten und ihr entweder Wert oder Unwert zusprechen. So kommt ihr ein. Gebiet zu, das die Wissenschaft, gar nicht kennt, das Problem des Zweckes und der Bedeutung des Wirklichen. Die Forschung beschreibt und erklärt die Wirklichkeit kausal, die Religion betrachtet sie auf ihren Zweck hin, sucht nach einer Deutung der Welt. Ihre Äufgabe bleibt, dem Universum einen Sinn und dem Menschenleben eigen Inhalt* zu geben. In zwei obersten Prinzipien wird man diesen Sinn der Welt finden können: im Schönen oder im Guten. Je nachdem man den einen oder den andern dieser Werte in den Vordergrund rückt, ergibt sich eine Unterscheidung zwischen ästhetischer und moralischer Religion. Innerhalb des Judentums nun