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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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bildet das Güte, das Sittliche den obersten Wert. Im Mittelpunkt seines Interesses steht der, sittlich strebende' Mensch. ' Und es entspricht' der Eigenart der' religiösen Anschauungsweise, daß sie die Gewißheit dieser obersten Herrschaft des Guten nicht aus der logischen Untersuchung schöpft, sondern aus dem Gefühl. Mit dieser Abgrenzung der Aufgaben hat der Verfasser den entscheidenden Wert der Religion festgestellt, dasjenige was ihr ihre unvergängliche Bedeutung und Notwendigkeit sichert, worin sie nie, wie so Manche der Modernen es glauben, von Kunst und Wissenschaft abgelöst werden kann; damit aber hat der Verfasser zugleich'die Einfügung des Migiösen Menschen und des religiösen Juden in die moderne Weltanschauung vorgenommen. Nun besteht keine Feindschaft zwischen Religion und Wissenschaft, im Gegenteil, nun brauchen sie Leide einander, die Religion will die Wirklichkeit deuten,, dazu muß sie eine Wirklichkeit haben, diese aber kann ihr nur die Wissenschaft bieten. Was sie dem Menschen als wirklich erweist, das mag er nehmen, und auf diesen Boden muß er sich stellen, und nun muß er es aus seiner Religion heraus deuten. Aufgabe der Religion ist es nicht, eine Theorie der Welt zu geben, umgekehrt überschreitet die Wissenschaft ihre Grenzen, wenn sie das von ihr Gefundene deuten will; das ist nicht ihre Aufgabe, sie soll beschreiben und erklären. Daraus nun folgt allerdings, daß wir das theoretische Weltbild, das unsere Vorfahren hatten, auch dasjenige, das die Bibel nach ihrer Zeitanschauung gibt, ersetzen müssen durch das, das Unsere Zeitgenossen sich erarbeitet haben. Eine solche Aenderung nimmt den religiösen Lehren nichts von ihrem Wert, da das theoretische Weltbild der ältesten religiösen Schriften nicht das Wesen der Religion ausmacht. Notwendig ist nur die von den Anfängen an gleichmäßig und konstant sich fortpftanzende Wertung der Welt vom Standpunkte des Sittlichen als des obersten Wertes. Der Glaube muß die leitenden Gedanken der Zeit in sich aufnehmen, er muß das theoretische Weltbild, das sie hat, anerkennen und deuten. Damit ist nun auch bei aller Anerkennung des modernen Wissensbestandes die Unabhängigkeit der Religion in der Gegenwart wie in der Zukunft gesichert, denn die Frage nach Sinn und Zweck der Welt und des Menschenlebens wird jede Generation stellen müssen; nur ist die Religion nicht die Magd der Wissenschaft, die sich mit ihr gut verhalten muß, um überhaupt noch zu existieren, sondern sie hebt die Wirklichkeit erst zu Werten empor, sie hat ihr Gebiet für sich, auf dem sie Herrin ist aus eigenem Recht, kraft ihres göttlichen Charakters. So also ist es uns möglich, uns vollständig auf den Boden der modernen Weltanschauung zu stellen, ihre Art, die Dinge zu beschreiben und zu erklären, uns zu eigen zu machen, ohne doch von dem inneren Gehalt des Judentums auch nur einen Deut einzubüßen. Der besteht darin, in der Wirklichkeit das Gute, das Sittliche als oberstes Prinzip zu sehen und von da aus alle Erscheinungen der Wirklichkeit zu deuten, von da aus der Welt und dem Menschen Zweck zu geben. Mit dieser Grundlegung ist nun der Religion und speziell dem Judentum ewige und unvergängliche Bedeutung zugewiesen. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie das Sittliche in den Mittelpunkt rückt. Ihr oberster Satz ist: „Der Sinn der Welt ist das Gute." Ihre anderen Lehren sind nur die selbstverständlichen Folgen dieser Prämisse. Ist das Gute der Sinn der Welt, dann muß sie das Werk eines heiligen Gottes sein. Mit der näheren Erklärung; dieses Satzes befaßt sich der Verfasser im Kapitel III „Die Existenz Gottes". Schönheit oder Güte sind die obersten Prinzipien der Welt. Daß sie in der Welt vorhanden sind', kann keine Wissenschaft leugnen. Sie kann Schönheit als subjektiv bezeichnen und -Auf" •-»' ,r^>-TS 1 für sie ein objektives Korrelat in den. Bewegungsgesetzen der Materie suchen, kann alles seelische Leben von körperlichen Vorgängen abhängig sein lassen, .deshalb sind Schönheit und Güte doch da. Ob sie aber vorübergehende Erscheinungen und zufällig sind' oder zum Wesen dex:Welt gehören, darauf antwortet die Erfahrung nicht. Sfiid sie durch zufälliges Spiel von Atomen entstanden,;.dfyUi ist..di?. Welt das Produkt rein mechanischer Kräfte. ' Reügion aber urteilt aus dem Gefühl heraus, daß sie das Wesen, her Welt sind, und das ist ihr Recht, denn sie will ja deuten,-, dann aber ist. die im. Universum wirkende Kraft „das Schöne und das Gute". Unser Judentum antwortet noch präziser: „Das Pute ist der Sinn der Welt", stellt, bei aster Ehrfurcht vor dem Schönen, Güte über das Schöne. Sittlichkeit ab.er ist eine Beschaffenheit des Willens, wir können uns also diese Kraft des Guten nur unter dem Bilde einer sittlichen, einer heiligen Persönlichkeit denken. Freilich dürfen wir dabei auch nicht vergessen, daß dies nur ein Bild ist, nur eine menschliche und darum unvollkommene Vorstellungsform. Aber es bleibt die Tatsache bestehen, daß die Ueberzeugung, daß das Gute der Sinn der Welt ist, ohne es die Welt sinnlos ist, gleichbedeutend ist mit der Ueberzeugung: „Es gibt einen Gott." Dann aber muß auch die'Seele des Menschen, in ihrem Wesen gut sein, so daß er immer von neuem die Möglichkeit hat, sittlich zu handeln. Demgemäß ist das Schlechte nur eine flüchtige und vorübergehende Erscheinung, dauernd nur das Gute, das in der Seele des Menschen sich realisiert. Auf Grund dieser Anschauungen nun nimmt der Verfasser zu den einzelnen religiösen Fragen und Problemen Stellung; er behandelt. nacheinander die Lehre „von der Schöpfung", bei der er ausführlich erörtert, daß die Religion keinerlei Interesse daran hat, ob man einen zeitlichen Anfang der Welt ' annimmt oder ihre Ewigkeit, daß es ihr nur darauf ankommt, sie als von Gott gewirkt und als von ihm abhängig zu erweisen, daß der Sinn der Worte: „Die Welt ist geschaffen" bedeutet: Sie ist durch das Wirken einer aufs Gute und Schöne gerichteten Gottheit entstanden, sie ist nicht das Werk blinder Naturkräfte, alle Kräfte haben eine von Gott abhängige Existenz; ferner die Willensfreiheit, Unsterblichkeit, Stellung des Menschen im Universum, Ursprung und Entwicklung der Moral, die sittliche Weltordnung, Religion und Moral. Im Rahmen dieser^ Kapitel behandelt er in durchaus origineller Weise die wichtigen Probleme der Religion, die Frage der Gerechtigkeit Gottes, den Sinn, von Lohn und Strafe, die Bedeutung der Religion als Trösterin, als Gegengewicht und Heilmittel gegen die Härten des Einzelschicksals und vieles andere. Wie er das im einzelnen tut, das möge man selbst Nachlesen; ich will hier keine umfassende Inhaltsangabe machen, um den Reiz der klaren und geschlossenen Darstellung und das strenge Gefüge der Gedanken nicht zu zerstören. Nur auf einzelnes will ich besonders Hinweisen. In kurzer aber darum nicht minder eindringlicher Weise wird gegenüber dem Pantheismus Stellung genommen. Verfasser zeigt, wie dieser aus derjenigen Anschauung, hervorgeht, die den obersten Wert der Welt im Schönen findet, und die, weil die Natur in allen ihren Formen, nicht, nur in der Persönlichkeit Schönes hervorbringt, nicht den Zwang hat, den Begriff eines persönlichen Gottes zu bilden, während das Judentum, wie schon erwähnt, weil es im Moralischen den höchsten Weltwert erblickt, den Begriff eines persönlichen Gottes fordert. Mit besonderem Nachdruck möchte ich Hinweisen auf das Kapitel über die Willensfreiheit; denn der Lehre von der Freiheit des Willens kommt in einer Religion, deren Hauptinteresse auf den sittlich strebenden Mensch gerichtet 'D -! ,-z

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