Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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über Wie 'GeLsnikM eines Lsien". Von Dr. David" Fe u chl wa^n g, Rabbiner in Wien. ^^ier handelt es sich darum, jenen Juden, die das alte (^Judentum nicht mehr Habens ein neues zu geben, vor allem aber, es jenen, die nahe., daran sind, es zu verlierenneu einzuhauchen,' die' toten und'' halb erstarrten Gebeine zu beseelen." „Ich will nur den Juden, die glaubest, daß sie schlechte Juden sind/weil sie das Religionsgesetz nicht beobachten, die glauben, daß Judentum ohne Gesetz keine Religion wäre, daß sie daher keine religiösen Meüfchen mehr wären und die dadurch nach Und nach wirklich, ihre Religion verlierest, diesen Juden will ich im JüdentUMe die wirkliche Religion zeigen, die will ich vom Judentums als Religion überzeugen und sie für das Judentum retten." Daringipfeln;bxe .„©!ebcm^en eines Laien" welche jeder denkende Jude nicht ohne Erregung lesen kann. Wenn diese Gedanken wirklich der Ausdruck der Stintmüng und Empfindung von vielen Tausenden unserer Brüder sind — und es scheint doch so zu sein — dann dürfen wir nicht schweigen. Wenn nicht alles trügt, und wenn nicht alles eitler Schein ist, geht ein Beben durch große Kreise des Judentums. Ernst und Würde sprechen aus den Worten dieses nachdenklichen Laien, Glkmbensliebe Und Verehrung für das Judentum. So entschieden unser Widerspruch sein muß, so unrecht erschiene es - mir, dem Manne Anerkennung zu versagen. Ich stehe nicht auf seinem Standpunkte und halte es für Undenkbar, daß ein Rabbiner seinen - Standpunkt teilt. Ich bin, was mich betrifft, Vertreter und Verfechter des konservativen Judentums. Ich drücke aber diesem Laien treu und ehrlich die Hand; er ist trotzdem der unsrige. Ich will ihm sagen, daß wir glücklich wären , wenn tausende Juden so vom Geiste der Religion erfüllt wären, wie er es ist. Sie sollen sich nur sammeln, die so über Religion denken, wie er; sie sollen für sich retten, was zu retten ist. Niemand wird es wagen zu sagen, solche seien keine Juden mehr. Sie sind es; sind es, weil sie es sein wollen, sind es sogar dem Gesetze nach. Denn jeder Jude bleibt es, bis er öffentlich Götzen dient. Niemand darf sie zurückweisen; auch der Orthodoxe nicht. Nur Eines. Der Vorschlag des Laien kann und darf für alle, die ihn annehmen wollten, nur gelten, wenn sie sich bewußt sind, daß ihr Judentum nicht mehr das mosaische, sondern ein anderes, neues ist. Der von dem Laien als Hochziel hingestellte Zweck seiner Gedanken, „die Religion im Judentum zu zeigen" ist nicht neu; er ist nur von religionsloser Mittelwelt vergessen. „Gesetzesfromme" Juden kennen und kannten dieses Hochziel immer. — Die heilige Schrift muß heilige Schrift bleiben. Für alle, auch für die Extremsten. Kein Wort darf dabon gestrichen werden. Das ist nicht allein Sache der Religion, das ist Lebensfrage. 'Alles fernerdessen Erfüllung möglich, denkbar ist, müßte für die religiöse Praxis auch dieses neuen Judentums aufrecht bleiben.. Nur das für manche Unüberwindliche dürfte dem nachsichtslosen Drängen der Notwendigkeit weichen; weichen Nach heißeminnerem Kampfe und Sturme, nach ehrlichem Ringen mit den harten, rücksichtslosen Forderungen des Lebens. Und ist es etwa nicht gewichen? Jeder sollte Ueberwinder, Sieger im Kampfe sein. Sollten die Ueberwinder weniger wert sein als die Besiegten? Sollten sie, die mit Kraft und Ausdauer das Alte stüßen und tragen; freudig, glücklich und gläubig; sollten diese Millionen plötzlich im Irrtum und 'im Unrecht sein? Nein. "Das will unser Laie nicht/ Dazu' ist er zu klug und zu gerecht. WaS Millionen durch Jahrtausende und bis zur Stunde zu sittlichguten Menschen und Juden gemacht hat, kann nicht für alle entbehrlich oder gar überflüssig werden. — Und die nach Tausenden zählenden Gebildeten, Gelehrten, Klugen, Ehrlichen, welche als Juden strenger Observanz leben und den Anspruch erhoben, volle Kulturmenschen genannt zu werden, sind sie plötzlich rückständige Finsterlinge? Auch das meint der vornehm denkende Laie nicht. Er will nur den Tausenden, die nicht im Gesetze leben und doch Juden bleiben und für solche gehalten werden wollen, zeigen, daß die Religion im Judentume lebendige Kraft genug besitze, die Bekenner treu und fest zu halten. Das wird ihm gelingen. Und wir wünschen, daß es ihm gelinge. Es wird ihm aber nicht besser gelingen, als es bisher gelungen ist. Vor aller Welt sei es offen bekannt, und in tausendfachem Echo soll es in allen Schulen und Synagogen widerhallen: Das Endziel dessen, was wir wollen, kann nichts anderes sein, als das, was die Propheten gepredigt, die Lehrer gelehrt haben: Die jüdische Welt zu einer Gemeinde von Brüdern und Schwestern zu machen, die einmütig einen Gott verehren und alle Menschen lieben, wie sich selbst. Und deshalb: Die Tore aus für alle gerechten und frommen Juden; für die Frommen in der Seele, im Geiste und im Herzen! Betet, betet als Juden, wenn,, wo und was ihr wollet; setzet euren Glauben in Leben, Werke um; in Werke der Güte und Liebe. Die Tore auf, für alle, die einmütig sind in der Verehrung Gottes, für solche auch, die ihn als Juden anders verehren wollen, wie bisher. Än die Heiligtümer jedoch rühret nicht! Zerstört den ehrwürdigen, noch immer festen Bau der geschichtlich gewordenen Religion nicht und gebet uns nicht dem Gespötte, dem Hohn der Völker Preis. Ihr könnet und sollet deshalb zu nichts gezwungen werden; ihr sollet eure Feste feiern, wie ihr könnet. Ihr sollt euch an arbeitsfreien Tagen zu gemeinsamer Andacht versammeln, zu erhebender, erbauender Belehrung. Wir müssen dazu helfen. Wir werden dazu helfen. Deshalb bedarf es nicht dieser grundstürzenden Willkür, unhistorischer Gewaltakte nicht, die wohl kein Selbstmord, aber ein Aderlaß wären, an dem wir uns verbluten könnten. Haben die Vertretungen der Gemeinden denn nicht die Pflicht, ernstem Willen der Mitglieder willig entgegenzukommen? Haben nicht wir, wir Rabbiner die Pflicht, mit unseren Gemeindevertretern uns als Träger und Fortsetzer der jüdischen Traditionen zu betrachten und alle Institutionen zu erhalten oder zu gründen, welche diese Ueberlieferungen fordern? Wir müssen für die Pflege und Verbreitung der Lehre unermüdlich Sorge tragen; vom lallenden Kinde bis zum wankenden Greise. Die Lehre in der umfassendsten Bedeutung dieses Wortes muß an allen Ecken und Enden den Gemeinden gepredigt, unterrichtet, vorgetragen werden; nicht die halbe Lehre, nicht ein Teil; die ganze; ungekürzt, ungeschwächt; die Lehre, die auch Geschichte, Kultur und Literatur des Judentums in sich schließt. Wir müssen Möglichkeit und Gelegenheit der Andachtsverrichtung schaffen für alle Kreise, alle Schichten, Alter, Geschlechter; den ganzen Tag müssen die Synagogen-geöffnet sein; für jeden, damit jeder beten könne, wann und was er will.. Die Gemeinde hat die unbedingte Pflicht, Tausenden, welche ihren Glauben öffentlich bekunden wollen, diese Möglichkeit zu schaffen. Sie muß auch mit der Tatsache rechnen, daß Tausende ihre Andacht in anderer als der überlieferten und hergebrachten Form verrichten wollen.