Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WmmM Scham malten, wenn fte noch heute, lebten, für Osserot-Bestimmungen halten würden, die dem Fortbestand des,Judentums hindernd im Wege stehen. Indessen ist es viel weniger dev Polemische als der wissenschaftliche Teil dieser Schrift, der uns interessiert, und speziell auf diesen wollen wir die Aufmerksamkeit.unserer Leser lenken. Der Verfasser versucht aus literarhistorischem Wege zu .ermitteln, wie sich die Redaktion unseres Gebetrituals mit der ersten Drucklegung des Siddur gestaltet hat, und welche wesentliche Veränderung innerhalb dieses Zeitraumes, insbesondere durch den Einfluß Jiäk Lurias und seiner Jünger bis zum Erscheinen des von Wolfs Heidenheim edierten Siddur in diesem vorgenommen worden sind. Die von ihm -unter Heranziehung unanfechtbarer Vergleiche angestellten .Untersuchungen bekräftigen die schon längst bekannte Tatsache, daß der Inhalt unseres Gebetbuches schon mit der ersten Druckausgabe bedeutende Abänderungen und Erweiterungen erfahren und seit 1560 eine vorwiegend kabbalistische Färbung erhalten hat. „Dieses Beginnen," bemerkt der Verfasser sehr treffend, „wurde zu Anfang des 17. Jahrhundert in noch gesteigertem Maße fortgesetzt. Chajim Vital samt dem Anhänge Lurias trat mit neuen Gebeten, ungeheuerlichen Wörtern und unverständlichen Meditationen auf, um mit diesen die Bücher der Andacht, die Sabbat-Ordnungen, das Tisch- und Nachtgebet und hiernach auch die öffentlichen Gebetbücher zu beherrschen, und so kam es, daß unser Siddur auch äußerlich einen Umfang gewann, der zu dem ursprünglichen einfachen Siddur in gar keinem Verhältnis stand." Doch wie sehr der Verfasser die Verödung des Gottesdienstes durch die in dieser Periode sich breit machende kabbalistische Richtung bedauert, hebt er anderseits rühmend hervor, daß sie auch zwei herrliche Blüten gezeitigt, auf die schon Steinthal in seinem Buche „Zu Bibel und Religionsphilosophie" (Seite 161) hingewiesen habe: „Der Kabbalist mahnt, man solle bei Beginn des Gebetes eindringlichst zu sich sprechen: ich erkenne an und nehme auf mich als höchstes Gebot die Pflicht der Nächstenliebe. Und des Abends auf seinem Lager bat er Gott um Verzeihung für alle, die ihm etwas Unrecht getan haben könnten." Wir können Professor Berliner nur zustimmen, wenn er die Aufnahme dieser beiden Einschaltungen in unser Gebetbuch empfiehlt, um so mehr, da sie, obgleich von den Kabbalisten eingeführt, von echt talmudischem Geist getragen sind. Von Mar Sutra berichtet der Talmud (Megillab 28a), daß er immer vor dem Schlafengehen zu sprechen pflegte: „Ich verzeihe allen, die mir Gram zugefügt haben." Dasselbe erzählt der Sohar (Abschnitt Mikez) von einem Manne aus dem Volke, der nur deswegen aus einer großen Gefahr errettet wurde, weil er es sich zur Pflicht gemacht hatte, jeden Abend, ehe er sich zur Ruhe begab, die Versöhnung mit seinen Widersachern zum Ausdruck zu bringen.' Nicht minder interessant ist die Mitteilung des Verfassers, daß zu den liturgischen Bestandteilen, die wir von den Kabbalisten übernommen haben, auch die sechs Psalmen beim Gottesdienst am Freitagabend und das Vortragen der „dreizehn Eigenschaften Gottes" beim Ausheben der Thora an den Feiertagen gehören. Auch der von vielen noch heute beobachtete Brauch, bei der letzten Strophe des Lecho Daudi sich umzuwenden, sowie dieser selbst, sind von den Kabbalisten ein geführt und von uns übernommen worden. Wir sehen also, daß selbst. unsere reformierten Gebetbücher von dem Einfluß der Kabbala nicht emanzipiert sind. Der Verfasser bemerkt, daß Wolff Heidenheim mit seinem 1800 edierten Siddur uns von dem kabbalistischen Bann, sin welchem bis dahin alle anderen ' 8iddur-Ausgaben standen, fast ganz befreit habe. Wolff Heidenheim, der Mendelssohn des Machsor/, wie Leopold Zunz ihn richtig nennt, hat sich mit seinen Uebersetzungen große und bleibende Verdienste, erworben, aber den Liddur vom kabbalistischen Wust hat er leider - auch nicht annähernd befreit. Vor mir liegt die dritte Auflage seines 1825 in Rödelheim erschienenen Liddur, und diese enthält noch kabbalistischen Ballast genug, viel, viel mehr sogar, als der Liddur Thora or des Rabbi Sneor Salman von Liadie, der bekanntlich ein Verfechter der Kabbala war. Nur hat dieser das Prinzip verfolgt und streng durchgeführt, daß kabbalistische Gebete, die nicht auf talmudischer Basis beruhen, dem Volke nicht empfohlen werden dürfen. Das vermissen wir bei Heidenheim, dessen Machsor noch bis Heute den Jehi Rozaun zwischen den Tekioth mit den Engelnamen und dem verdächtigen lescbua Szar haponim enthält. Wenn je einer unsere Andachtsbücher von den in die Augen stechenden Kabbalismen befreit hat, so war es Michael Sachs, dessen Verdienste nach dieser Richtung hin noch lange nicht genug gewürdigt sind. Auch die zeremonielle Verbeugung bei „Lorcbu", die nach der Ansicht des Verfassers nur im Orcbot Chajim und Kol-bo erwähnt und eine spezielle Vorschrift für den Vorbeter ist, dürfte, wie ich ergänzend hinzufügen möchte, von den Kabbalisten eingeführt und für alle, die am Gottesdienst teilnehmen, angeordnet worden sein. Ich verweise hierbei auf den dem' Nachmani zugeschriebenen sVIV und eine diesbezügliche Stelle im Sohar zum Abschnitt Bälak. — Die vom Lobar (Abschnitt Pekude) bei der Rezitierung der in den dreizehn Middöt aufeinander folgenden Gottesnamen mn empfohlene Umwandlung derselben (nach' dem nK) in die der Verfasser mit Recht als eine füx die Andacht störende Umschreibung bezeichnet, hat, um auch gegen den viel verlästerten Lobar gerecht zu sein, mit dem öffentlichen Gottesdienst in der Synagoge nichts gemein. Diese mystische Umstellung empfiehlt der Lobar nur demjenigen, der seine Andacht ohne Minjan verrichtet, damit er den Namen Gottes unnötigerweise nicht ausspreche, was ganz im talmudischen Sinne ist. Doch sei dies nur nebenbei bemerkt. Was uns in den „Randbemerkungen" des Professor Berliner' ganz besonders interessiert, das sind, neben seinen beherzigenswerten positiven Vorschlägen für redaktionelle und formale Aenderungen des j täglichen Gebetbuches, seine lehrreichen Hinweise auf verschiedene Einzelheiten in demselben in historischer und sprachlicher Beziehung. Hier zeigt sich der Verfasser in seiner bewährten Meisterschaft, so daß wir ihm mit spannender Aufmerksamkeit folgen und die Resultate seiner kritischen Untersuchungen uns gern zunutze machen. Es würde den Nahmen eines populär abgefaßten Aufsatzes nicht unerheblich überschreiten, wollte ich den reichhaltigen und strengwissenschaftlichen Inhalt dieses epochalen Buches auch nur im Auszuge wiedergeben. Ich möchte daher zum Schluß nur noch folgendes bemerken: Professor Berliner hat diese seine Schrift nicht für die Anhänger der Reform, „seine speziellen Gegner" geschrieben, denn „für die Reform bleibt", wie er sich ausdrückt, „nichts mehr zu reformieren übrig". Seine Randbemerkungen, von heißer Liebe zum traditionellen Judentum diktiert, sind in erster Reihe für die Anhänger seiner religiösen Richtung bestimmt. Nun, hoffen wir, daß sein beachtenswerter Ruf an diese nicht dem eines Predigers in der Wüste gleichen und verhallen wird. „Das tatsächliche Verhältnis ist doch das," wie der vom Verfasser wiederholt zitierte Steinthal in seinem Buche „Zu Bibel und Religionsphilosophie" treffend bemerkt, „daß die Worte, an denen unsere Väter Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ihre Erbauung gefunden haben, auch über unser Gemüt eine eigene