Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kraft ausüben. Wir find nicht von heute und gestern, sondern wir hängen, wie körperlich so geistig, mit einer langen Vergangenheit zusammen. Was im Gotteshaus empfangen wird, das wird offenbar in der Welt." Das ist aber nur dann möglich, 'wenn wir wissen, waswir beten, und nur das beten, was mit unserem Denken und Empfinden übereinstimmt. Jüdische Trauringe. __ Von Fr. Katt. - der Ausstellung „Die Dame in Kunst und Mode" (Hohenzollern-Gewerbehaus, Friedmann und Weber)/ erregte die. wundervolle Ringsammlung des Hofjuweliers Robert Koch, Frankfurt a. M .(Baden-Baden) gerechtes Aufsehen. Eine Fülle von Pracht, Glanz und Schönheit fand man in diesen Vitrinen vereinigt, in diesem Fingerschmuck, welche auf den Beschauer seltsam wirkten. Personen und Jahrhunderte spiegelten sich gleichsam in diesen Kleinodien wieder. Wenn man in diese Vitrinen hinein sah, fühlte man sich in längst vergangene Perioden versetzt. Römische, griechische, etruskische, ägyptische Fingerreife, die schimmernde Pracht der fränkischen und merowingischen Königszeit, die Herrlichkeit der Renaissance, das Rokoko mit seiner Grazie, all dies barg jene Ringsammlung. Eine dieser Vitrinen enthielt aber etwas besonders Merkwürdiges an Ringschmuck, nämlich jüdische Trauringe aus ' dem 15. und 18. Jahrhundert. Welch glanzvolle Arbeit — welche. eigenartigen Formen wir da bewundern dursten! Italienische, storentinische, römische Goldschmiedekunst hat da Vollendetes geschaffen; Nürnberger . Meister in den Ringen des 18. Jahrhunderts zeigten da, was sie verstanden. Die Hebräerin am Putztisch und als Braut: Orientalische Pracht der Gewänder, hellfarbige Blumen, im rabenschwarzen; §aox, welches mit wohlriechenden Oelen und Essenzen getränkt , ward, jener Leila gleichend, der granadischen Jüdin des 14.. Jahrhunderts, die uns Eduard Lytton Bulwer in einer seiner reizvollsten Novellen so wundervoll gezeichnet hat — also geschmückt, führte man die«Jüdin des Mittelalters dem -. Bräutigam zu. Breite Goldringe, Filigranarbeit, trugen diese Verlobten; in der Mitte prangte die Stiftshütte, aus buntfarbigem Email hergestellt, reich mit grünlich-blauen Türkisen besetzt, dem Lieblingsstein der Hebräer. — Schmälere Reifen zeigen die Gesetzestafeln, die Tasche mit den Gebetriemen, die Bundeslade in feinster Ausführung: Verschlungene Hände, Fische in Wappenform — Buchstaben, — all dies ist aus solch antiken jüdischen Trauringen zu sehen; wessen Hände mögen sie geziert haben — wer trat, mit ihnen geschmückt, unter die Chuppe, den Trauhimmel, hinaus in eine neue Welt — in das eheliche Leben? Stumme Zeugen vergangener Jahrhunderte ruhen hier, auf Sammet gebettet beieinander, — Tragisches überdauernd. In der Mitte der Vitrine ein großer, gewaltiger Reis. — funkelnd von Gold und Steinen, heroisch in seiner kühlen Pracht — aus der Periode der Inquisition'stammend. Der Träger dieses kostbaren Kleinods ward vielleicht um seines Glaubens willen geächtet, verbrannt; mit welchen Schicksalen mag dieser Ring Gemeinschaft haben! Oder dieserfeine -goldene Reif mit den verschlungenen Händen, aus dem 18. Jahrhundert stammend: die herrlichen : Oppenheimschen Familienbilder tauchen bei diesem Anblick vor unserem Geiste auf. — Etwas Rührendes, längst Entschwundenes spricht da zu uns. Alles hat dieser stumme Zeuge, welcher seiner Trägerin (es ist ein Frauenrin-g) Bedeutung verlieh, überdauert — Freude, Leid, Liebe, Lust. In ihrem Glanzaber auch in ihrer Einfachheit gemahnen uns diese Eheringe an Zeiten, deren Bedeutung nicht zu verkennen ist. Das 15. Jahrhundert bringt den spanischen und italienischen Juden Entsetzliches, die grausame, entmenschte Inquisition; das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert der erlauchten Geister, eines Herder, Schiller- Goethe, mit seiner Aufklärung bringt das Licht, das Morgenrot einer neuen Zeit. Es verleiht der jüdischen Familie, dem jüdischen Eheleben jene unvergeßliche Prägung, die uns in den Oppenheimschen Bildern in schöner Wahrheit entgegentritt, welche in den dichterischen Worten ausklingt: Wenn der Zeiten Welle wogt, Nähret froh den Glauben; Wahrheit, die vom Himmel stammet, Tugend, die im Herzen flammet, Kann die Zeit nicht rauben. Dir Juden in Spirlhsgens Merken. (Eine Studie, zu seinem achtzigsten Geburtstag.) Von Victor Klemperer. . II. s ist sehr merkwürdig: ich glaube Spielhagens große und kleine Geschichten Ziemlich genau im Kopf zu haben und entsinne mich nur zweier einzeln auftretender, völlig „guter" Juden. Und eigentlich ist es gar nur einer, und an diesen einen vermag ich nicht so recht zu glauben. Der alte Samuel Hirsch nämlich in „Noblesse oblige“, bet vor und in den Befreiungskriegen spielenden/ minder bedeutenden Erzählung Spielhagens, ist ein gar so guter Hamburger Patriot und Franzosenfresser und Feind des Kaisers. Es gab aberwie ja auch „Noblesse oblige“ erwähnt, nicht wenige Deutsche, denen Napoleon kaum als der Tyrann und viel mehr als der Fackel-- träger der Revolution, der freiheitlichsten Gedanken erschien — und das war er ja auch. tatsächlich trotz aller militärischen Bedrückung. Wem aber konnte diese Betrachtungsweise näher liegen als den Juden, die ihm so viel verdankten? So daß also der edle Samuel Hirsch zuM mindesten ein recht exzeptioneller Jude war. Der andere einzeln behandelte, ganz edle Jude — auch er treibt sein Wesen in einer schwächeren Novelle, in „Was die Schwalbe sang" — Bankier Wollnow. der seinem jungen Freund eine wohlwollende Vorlesung, über Glück und Zweck der Ehe hält, ist in Spielhagens Augen sicher mehr weise als eigentlich gut. Wollnow, in dessen Elternhause der Kindersegen den goldenen weit übertraf, ist fünfzig Jahre alt geworden, ehe er sich den Luxus der Ehe gestatten durste. Und dann hat er natürlich weder die Geliebte seiner Jugend bekommen, noch ein Mädchen, dessen erste und einzige Liebß er selber war» vielmehr ist eine rechte Konventionsheirat, doch nicht ohne gegenseitige Achtung und beste Vorsätze, geschlossen worden. Und die Ehe ist vollkommen glücklich vollkommen, denn sie ist mit drei gesunden Kindern gesegnet, und die Kinder,, meint Wollnow, seien der einzige Zweck und das einzige Glück der Ehe. Der Mann, dem diese gewiß spezifisch jüdische Meinung in den Mund gelegt ist, wird von Spielhagen, wie gesagt, mit vieler Sympathie als ausnehmend tüchtig geschildert; auch weiß der