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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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Lin lehrrnchks Luch. Von Albert Katz.' Hinter dem Titel „Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch" ist vonProfessor Dr. A. Berliner soeben ein Buch.erschienen, *) ba§ nicht verfehlen wird, in weiten Kreisen berechtigtes Aussehen zu erregen. Der auf dem: Gebiete der Ritus-Forschung als erste Kapazität bekannte Verfasser begleitet unser altes tägliches Gebetbuch auf literarhistorischem Wege durch einen Zeitraum von drei Jahrhunderten, vom ersten, 1512 gedruckten Siddur in Prag bis zur Herausgabe desselben durch Wolff Heidenheim im Jahre 1800 in Rödelheim, und er bedient sich hierbei eines kritischen Apparats, wie er sicher nur selten anzutreffen ist. Neben den bibliographischen Schätzen der Frankfurter Stadtbibliothek, die er selbst durchforscht hat, standen ihm, nach seiner Angabe, zu Gebote auch die des British-Museum und der Bodleiana, bie"er durch bewährte Kopisten vergleichen ließ. Dieser nach verschiedenen Richtungen hin hochinteressanten Studie legt der gelehrte Autor vorwiegend den polnischen Ritus zugrunde und widmet zugleich seine Aufmerksamkeit auch dem deutsch-polnischen, wo die beiden Riten vereinigt erscheinen. Aus die Vorgeschichte dieser beiden oft getrennten, oft vereinigten Riten geht der Verfasser hier nicht näher ein; sein Augenmerk ist hauptsächlich auf den Inhalt und den Ursprung unseres täglichen Gebetrituals gerichtet. Diese unterzieht er einer streng wissenschaftlichen Untersuchung und kommt, wie er zum Schluß des Vorwortes mit anerkennenswertem Freimut mitteilt, zü folgendem Ergebnis: 'V „Die Devise „Gerecht und wahr" hat Mich dazu geführt, den kabbalistischen Einfluß auf die Gestaltung des Siddur zu beurteilen und zu verurteilen. Dies war literarhistorisch notwendig, wenn auch der kabbalistisch ausgestattete Siddur sein Dasein zum größten Teil nur noch (?) in den östlichen Ländereien fristet, bis auch dort in den gegenwärtigen Kämpfen die besonnenen Elemente im Rabbinerberufe dafür sorgen werden, zum einfachen Siddur zurückzukehren, und zwar ohne die kabbalistische Doktrin, welche der Verfasser der 19 Briefe (im vorletzten derselben) als einen magischen Mechanismus bezeichnen möchte, ein Wirken oder Abwehren theosophischer Welten und Unwelten." Ich zweifle nicht, daß diese Worte sowohl von denjenigen, die den streng konservativ-religiösen Standpunkt des Verfassers teilen, als auch von denen, die einer freieren Richtung huldigen., nicht unbeachtet bleiben werden. Da aber „Gerecht und wahr" auch die Devise jeder unparteiischen Kritik sein muß, so ist es mir unmöglich, dem Verfasser, -an dessen guten Willen, gerecht und wahr zu sein. Man nicht den geringsten Zweifel Hegen darf, in seiner Beurteiliing der modernen Richtung im Judentum zu folgen. Mit gleichem Recht, wie der gelehrte Verfasser für die Entfernung der Kabbalismen aus dem Gebetbuch Plädiert, dürfen auch diejenigen, deren modernes Empfinden mit den im Gebetbuch zum Ausdruck kommenden Anschauungen nicht Harmoniert, die Entfernung derselben aus dem von ihnen benutzten Gebetbuch verlangen. „In der Beurteilung unserer Gegner," schreibt der Verfasser, „müssen wir bei allen unseren Kämpfen auch gerecht sein, indem wir die Situation derselben richtig begreifen und so auch beurteilen". Das ist sehr richtig, aber gleich darauf folgen nachstehende Sätze: „Wer den Gott der Väter nicht kennt, kann auch nicht verstehen, ihn nach der Väter Weise zu verehren. Wer in der modernen Weltanschauung und Lebensauffassung auferwachseu ist oder darin sich erzogen h Verlag von M. Poppelaner. Berlin, 1909, hat, dem ist die jüdische Lehre nichts bekannt geworden, und jüdisches Leben ist ihm fremd geblieben. Wem Religion nur als eine Privatsache erscheint, wie man dies jetzt so oft hört, der bewahrt in seinem Herzen höchstens noch ein gewisses Pietätsgefühl, dem Rechnung zu tragen es genügt, an den sogenannten hohen Festtagen das Gotteshaus zu besuchen, gleichsam (wie Steinthal sich einmal ausdrückt) eine Visitenkarte beim lieben Gott abzugeben, oder an den Sterbetagen der Eltern wie in der modernen „Seelenfeier" das Andenken an die Dahingeschiedenen zu erneuern." Diese Bemerkung darf nicht unwidersprochen bleiben, und wir bedauern es aufrichtig, daß gerade der von uns hochverehrte Abraham Berliner diese Worte niedergeschrieben hat. Wenn die moderne Weltanschauung, die doch ein Produkt der modernen Erziehung und klassischen Bildung ist, die alleinige Ursache sein sollte, weshalb den in dieser Weltanschauung ausgewachsenen Juden die jüdische Lehre nicht bekannt geworden und jüdisches Leben fremd geblieben ist, so daß sie den Gott der Väter nicht kennen und darn.nl auch nicht verstehen, ihn nach der Väter Weise zu verehren, so müßte man folgerichtig' entweder sämtliche westeuropäische Juden, die sogenannten gesetzestreuen nicht ausgenommen, aus dem Verbände des Judentums ausschließen oder, um sie dem allein seligmachenden Judentinn der Orthodoxie zu erhalten, von der Kulturwelt absondern und ihnen, wie in den finsteren Zeiten' des Mittelalters, die Beschäftigung mit allgemeinen Wissenschaften, ja selbst die Lektüre unserer hebräischen Dichter und Denker strengstens verbieten. Das dürfte aber selbst der geschätzte Verfasser, der auf ein arbeitsreiches, nur der Wissenschaft geweihtes Leben zurückblickt, nicht herbeiwünschen; er könnte sonst gewärtig sein, daß alle seine iu der deutschen Sprache verfaßten Schriften, insbesondere die uns vorliegende, von dem Fanatismus der Unwissenden und Bornierten zum Feuertod verurteilt werden würden. Freilich, wer den Autor kennt und weiß, wie fest überzeugt er davon ist, „daß alle Wahrheiten unserer Religion, wie sie in dem tiefen Inhalt unserer hebräischen Gebete-sich ausprägen, aus der heiligen Schrift stammen, deren göttlicher Ursprung von jedem echten und rechtem Jehudi als unbestrittener Glaubenssatz (QV^VN p mm) unverbrüchlich gehalten wird", der kann es begreifen, daß er heim besten Wollen nicht anders zu urteilen in der Lage ist. Einem denkenden Menschen, der an seiner Ueberzeugung fest hält, nicht weil sie ihm eingeimpft wurde, sondern weil sie das Resultat seiner wissenschaftlichen Forschung, das Produkt eines ernsten und gründlichen Studiums ist, ist es unmöglich, seine subjektive Anschauung zu verfechten und zugleich die abweichende Anschauung anderer objektiv zu beurteilen. Wer das kann, gleicht jenem pseudoorthodoxen Rabbiner, von dem man sich erzählt, daß er auf die Frage eines progressiv gesinnten Mitgliedes seiner Gemeinde, wie er über das Verbot des Fahrens am Sabbat denke, die geistreiche Antwort gab: „Als Rabbiner halte ich es für unantastbar, als Privatmann für unwesentlich." Auf einen solchen Standpunkt kann natürlich ein gelehrter und zielbewußter Jude, ganz gleich welcher religiösen Richtung er angehört, sich nicht stellen. Wir verargen daher Herrn Professor Berliner nicht, wenn er, seiner unerschütterlichen Ueberzeugung folgend,. in seinem Eifer für. die Tradition der liberalen Richtung im Judentum die Existenzberechtigung abspricht; aber ebensowenig wird er uns verargen, wenn wir auf Grund unserer wissenschaftlichen Ueberzeugung die Ursache für die überhandnehmende Unkenntnis der jüdischen Lehre, für die Entfremdung vom jüdischen Leben nicht in der modernen Weltanschauung, sondern in dem starren Festhalten an mannigfachen traditionellen Vorschriften erblicken, die selbst die

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