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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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4 wahrhaft rührender Pietat'hat die hochherzige Fürstin nun schon fast zwei Jahrzehnte nach' dern Heimgange ihrer kaiserlichen Mutter Frau Morgenstern bei jeder nur denkbaren Veranlassung, so besonders an' ihren Festtagen unentwegt Beweise ihrer Treue und Anhänglichkeit-gegeben. „Eine reiche und feine Seele" ist die'Großherzogin Luise von Baden von einer bedeutenden, ihr nahestehenden Persönlichkeit genannt worden! Die deutsche 'Nation -und die deutsche Jude'nheit blickt mit freudigem "Stolz zu der edlen Jubilarin auf, und die deutsche Frauenwelt jüdischen Glaubens, insbesondere die jungen Töchter mögen' an dem Beispiel und Vorbild der leidgeprüften Kaisertochter lernen, alle wahrhaft schönen menschlichen und -weiblichen Tugenden zu betätigen!' . Großherzogin Luise von Baden ist die Seele aller philantropischen Werke,' ihre geistige Urheberin, ihre Leiterin, ja zumeist ihre Schöpferin; sie unterstützt, festigt, belebt sie, durch ihre unermüdliche Tätigkeit, durch ihre hervorragende Geisteskraft, durch die Wärme ihres Wortes. Sie verkörpert die mildtätige Nächstenliebe in ihrer höchsten Auffassung und im weitesten Sinne des Wortes; sie öffnet ihr Herz jedem Elend, jedem Unglück, der bittersten Armut oder der sich verbergenden Dürftigkeit. Mitfühlend wendet sie sich jedem Schmerze "zu und weiß ihm ein wirksames Heilmittel zu bringen., Sie ist die Freundin und Beschützerin der Armen und Enterbten, aber auch die Freundin der Reichen und der vom Schicksal Begünstigten, die sie zu Mitarbeitern zu machen weiß an ihren Wohlsahrtseinrichtungen, und durch sie versteht sie ihr wunderbares Werk der Menschenliebe und der Förderung des Nächsten zu vollenden und bis ins Unendliche zu vergrößern. Und der schönste Schmuck dieser seltenen Fürstin und Frau ist ihre Bescheidenheit! Lektor M. Mrdmsnn. Ein Nachruf von Dr. Armand Kaminka. Wien, 24. November, itten in seiner trotz des hohen Alters ungeschwächten literarischen und pädagogischen Wirksamkeit wurde Lektor Meir Friedmann gestern vom Tode ereilt. Von den Freunden der jüdischen Literatur in Wien hatte es kaum jemand erfahren, daß der greise Gelehrte seit einigen Tagen unwohl sei; dagegen wußte man, daß der seine Lehrtätigkeit mit fast jugendlicher Frische ausübende Nestor der Dozenten des Bet-hamidrasch wie der Israelitisch-theologischen Lehranstalt auf Veranlassung der Berliner Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums rüstig an einer neuen kommentierten Ausgabe des Sifra arbeite. Es ist ihm nicht vergönnt gewesen, /dieses Werk zu vollenden, sein Leben kann aber nichtsdestoweniger als ein harmonisch abgeschlossenes beträchtet werden. Nach einer fast ein halbes Jahrhundert währenden erfolgreichen Forschertätigkeit, ein sonnig zu nennendes, ehrenreiches, durch keine aufgezwungene Muße in seiner Dignität getrübtes Greisenalter; und am Schluffe des-' selben ein leichter Tod. Gerade in der Woche, in der er häufig den Zuhörern seiner Pentateuch-Vorträge, in seiner zugleich rationalistischen Und witzigen Weise zu den Worten der Perikope /n riK' Tjbm die Erklärung zu geben Pflegte: an dieser Stelle in der Genesis sei bereitsfür das Zeitalter des Patriarchen Isaak die' Existenz eines „Bet-hamidrasch" angedeutet! . So.hoch. Hirwmf weiche und sobedeutsam sei die Institution.des „Lehrhauses" in Jsrael.,. : - Und gerade find es, auf den Tag, 45 Jahre, seitdem die heute abgeschloffene Gelehrtenlaufbahn unter glänzenden Auspizien eröffnet, seitdem der damals noch junge und unbekannte Literat durch Dr. Adolf Jellinek in das eben errichtete Bet-Hamidrasch eingeführt wurde. Am 24. November 186s, um 6 Uhr abends, hielt der gefeierte Prediger vor einem zahlreichen Publikum die Eröffnungsrede für das der jüdischen Wissenschaft gewidmete Lehrhaus, dessen kräftige Unterstützung er und der nach ihm sprechende Prediger Mannheimer, mit zündenden Worten allen hochherzigen Gemeindemitgliedern empfohlen; des Lehrhauses, mit dessen Bestand und Ruhm das Leben des Hingeschiedenen so innig verknüpft werden sollte. Jellinek bezeichnete . als Aufgaben des Institutes jeder sollte darin nach Herzenswunsch 'lernen und gelehrt werden können, und unter den zahlreichen Vortragenden (Jellinek selbst, dann Rabbiner Horowitz, I. H. Weiß, Chacham Baruch, Professor Pinsker, S. Szanto, Dr. G. Wolf, Hammerschlag, Js. TonneliH, Verfasser des „Schaare Bioah“) ttnncbe auch auf die Akquisition' des „RabbinatskandidatenF ri ed m ann hingewiefen", dessen Mit gelehrtem Kommentar versehener Sifrs sich gerade im Drucke befand, und der Pentateuch mit Raschi bortragen sollte.. „Lernen und Lehren" wurde seitdem auch die .D'evise .Meir Friedmanns, des Lektors „par exeellenee". Seine- Popularität wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, und-mit der Verehrung, die ihm in Wien durch zwei Generationen , von zahlreichen Schülern und Freunden entgegengebracht wurde, hielt auch der wohlverdiente Ruhm in der Ferne, und zwar in der jüdischen Gelehrtenwelt Europas wie Amerikas^ gleichen Schritt. In Amerika noch mehr, seitdem ein Schüler von ihm, Professor Salomon Sch echt er, an die Spitze des Israelitischtheologischen Seminars nach New Hork berufen wurde. . . In einem Artikel, den ich in einem hebräischen Blatte „Hamagid" anläßlich seines 70. Geburtstages im Mai 1901 veröffentlichtes), sagte ich, es wäre keine Uebertreibung, über ihn zu sagen, daß er die Thora nach Wien gebracht habe. In der Tat haben ungezählte Reihen von Schülern durch ihn eine wirksame Unterweisung in Bibel und Talmud erhalten, und geistesverwandt dem großen Rabbi Chi ja, der das stolze Wort von sich sagen konnte, er würde durch seinen. Unterricht dafür sorgen, daß die Thora niemals vergessen werde — .der seiner Hingebung an die Lehre auch durch das Wort (in jerusalemischen Talmud) Ausdruck gibt, die ganze Welt sei nicht soviel wert, wie ein Satz in der Thora — hat Friedmann sich M Wien in erster Reihe als Lehrer der Jugend unvergängliche Verdienste um das Judentum erworben. Sein Vortrag war fesselnd und gemeinverständlich, der Unterricht fruchtbar, Md in den von ihm selbst verfaßten zweckmäßigen Büchlein...für Anfänger zeigte sich sein praktischer Sinn und eine kluge Methode. Diese bewährte sich auch in seinen Vorträgen für Erwachsene im Bet-hamidrasch Hier war er der allgemein beliebte, geistvolle Agadist, der aus dem Vollen schöpfte und zu jeder biblischen Stelle überraschende, Licht verbreitende Auslegungen zu geben wußte. Für Gemeindemilglieder -aus der alten Schule, die am Sabbat vormittag zum laufenden'Wochenabschnitt Erklärungen im Geiste des Jbn Esra und der „Maskilim" vom Zeitalter der Krochmals und Rappaports hören wollten, waren feine Kommentare, und Exkurse eine 0 Ich wies dort unter anderem auch darauf hin, daß sein Geburtstag nicht mit Sicherheit eruiertwerden könne.. Während er nach feiner Angabe im Vorwort zum Sifrö im August 1864 in das 33. Lebensjahr eben eingetreten war nDttD 282 erklärte er später den 4. Tammüs5591/I831) -als seinen richtigen Geburtstag.

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