Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 37. Berlin, II. September 1908. Vellage zur „Allgemeinen Leitung drS Judentums". Sorrekplmdm?m und Mschrichten. Deutschland. Berlin, 7. September. Anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages von Dr. Michael Sachs, der 20'Jahre (von 1844 bis 1864) in Berlin als Rabbiner gewirkt, fand heute mittag 12 Uhr in der „Alten Synagoge" eine erhebende Gedächtnisfeier / statt. Das zu Ehren des Tages mit Blumengewinden und herrlichen Topfpflanzen geschmückte Gotteshaus bot den ans allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung teilnehmenden Männern und Frauen einen prächtigen Anblick. Unter den Teilnehmern bemerkten rotr. neben den Enkelkindern des großen Toten den Vorstand und die Repräsentanten, sämtliche hiesige Rabbiner, die Kantoren, Lehrer, Schuldirigenten und die sonstigen Beamten der jüdischen Gemeinde. Das .sonstige jüdisch-geistige Berlin war nur spärlich vertreten. Die Feier wurde mit dem vom Chor und dem Hauptkantor Musikdirektor Friedmann abwechselnd vorgetragenen Gebet: „Wie lieblich sind Deine Zelte Jacob" und den Versen 17—24 aus dem 118. Psalm eröffnet, worauf Rabbiner Dr. Eschelbacher in einer längeren Rede ein glänzendes Bild des Gefeierten entwarf und seine unvergeßlichen Verdienste um die Berliner jüdische Gemeinde wie um das Judentum überhaupt mit beredeten Worten würdigte. Anknüpfend an den Salomonischen Ausspruch: Das Andenken des Gerechten dient zum Segen, feierte Rabbiner Dr. Eschelbacher mit Recht den großen Vorgänger an seiner einstigen Wirkungsstätte „als einen echten Priester deS Herrn, aus dessen Mund die Lehre der Wahrheit floß, dessen segensreiche literarische Wirksamkeit an keine Parteirlchtung geknüpft, der. vielmehr wie einst Moses Mendelssohn stets bestrebt war, die Schönheit Japhets den Zelten Sems und die Eeistesschätze Israels der nichtjüdischen Welt zu offenbaren. Dr. Michael Sachs hat mit seinem Leben und Wirken im wahren Sinne des Wortes Neka6e8eti Rasoliem, den Namen Gottes geheiligt und den Ruf des Judentums verherrlicht. Das Andenken dieses Großen in Israel wird ew.igzfortleben". — Alsdann sprach Hauptkantor Friedmann bei offener Lade in geradezu ergreifender Weise das EL mole Rachamim»®e&et, das die zahlreiche Zuhörerschaft stehend anhörte und mit einem andächtigen Amen beantwortete. Hierauf folgte das vom Prediger gesprochene EaäZisoll-Gebet und als Abschluß abermaliger Chorgesang. Die Feier, die auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck ausübte, darf in jeder Beziehung als eine wohlgelungene bezeichnet werden. s. Berlin, 7. September. Ueber den kürzlich verstorbenen Bild» - Hauer Professor Louis Sußmann-H ellborn schreibt H. Schubert in der „Vossischen Zeitung". Vor einigen Tagen ist Professor Sußmann- Hellborn gestorben und auf seinen Wunsch in aller Stille aus dem israelitischen Kirchhof im Erbbegräbnis der Familie Hellborn begraben worden. Dieser Tod ruft in mir die Erinnerung an schöne Feste wach, mit welchen der Verstorbene in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim in der Hohenzollernstraße an der Seite seiner liebenswürdigen, schönen Gemahlin seine Freunde und Bekannten erfreute. Dort versammelten sich alle berühmten Künstler und die beste Gesellschaft Berlins; für jeden, auch für die, welche nicht zu den berühmten Leuten gehörten, hatten die liebenswürdigen Wirte freundliche Worte des Willkommens. Der Kronprinz Friedrich besuchte oft das schöne Haus, und die Kronprinzessin führte ihre Familie, wenn sie aus England kam, dorthin, um zu zeigen, wie deutsche Künstler wohnen. Als Laie kann ich nicht über die künstlerische Tätigkeit des Meisters urteilen, ich kann nur sagen, daß mir seine Werke gefallen, und daß ich hoffe, ein Kundiger werde ihm noch einen Nachruf widmen! §2 Berlin, 6. September. Im Jüdischen Mädchenstift, Berlin, Lothringer Straße 16, welches unbemittelten Mädchen in einem besonderen Heim unentgeltlichen Unterhalt und Ausbildung für den Dienstbotenberuf gewährt» werden zum 1. Oktober einige Stellen neu besetzt. Anmeldungen sind an den Vorsitzenden Dr. Strel itz, Schönhauser Allee 162 zu richten. e. Charlottenburg, 7. September. Der bisherigen größten Synagoge in Charlottenburg — Bethäuser gibt es dort eine Anzahl — hat sich seit gestern eine zweite zugesellt. Sie befindet sich im Hofe des Grundstücks Bismarckstraße 40, in nächster Nähe des Untergrundbahnhofes Bismarckstraße. Ihre Entstehung verdankt sie, dem Eifer und der Opferwilligkeit des wenige Wochen vor ihrer Einweihung abgeschiedenen Charlottenburger Rabbiners Dr. Blum, der das Gebäude, das ehedem eine katholische Kapelle war, in Miet^ nahm und für die Zwecke des israelitischen Gottesdienstes innen umgestalten ließ. Der gestrigen Einweihungsfeier in dem dichtgefüllten Gotteshause, das ungefähr 800 Personell faßt, wohnten auch die Witwe und die nächsten Angehörigen Blums bei. Das Fest begann im Hofe mit der feierlichen Ausschließung des Portals durch den Synagogenvorstand Dr. Arthur Kahn. Hierbei trug ein weißgekleidetes junges Mädchen ein vom Vorstandsmitglieds Herrn Richard Cohn verfaßtes Gedicht vor, das die großen Verdienste des verstorbenen Seelsorgers um das Zustandekommen des Werkes rühmte. Dr. Kahn selbst hielt, ehe er das Tor öffnete, eine Ansprache, worin er hervorhob. daß Duldsamkeit und Nächstenliebe in jedem religiösen Gemüte wurzeln müssen. Mit Chorbegleitung wurden. hierauf die Thorarollen in das neue Gotteshaus getragen. Ehe sie vom Altar her durch den Rabbiner Dr. Gustav Cohn die Weihe erhielten, erbat Herr Richard Cohn in getragenen Versen den Segen, des Himmels für die Synagoge und ihre Gemeinde. An die Weiherede des Rabbiners schloß, sich unter Gesängen des Chors und der Gemeinde der Festakt der Anzündung der ewigen Lampe. Es folgte, ein dreimaliger Umzug mit den Thorarollen durch das Haus, wobei gleichfalls Vorbeter und Chor altüberlieferte Weisen sangen. Feierlich wurde sodann die Lade geöffnet, um die Rollen aufzunehmen. Nach deren Einhebung und der Schließung der Lade hielt Rabbiner Dr. Hildesheimer die Festpredigt und das Weihegebet. Mit Psalm 150: „Alles was Odem hat, lobe Gott", und einem Abendgebet fand die Feier ihren würdigen und eindrucksvollen Abschluß. Hoffentlich wird die neue Synagoge die kleinen Saalgottesdienste in Charlottenburg überflüssig machen. Es wäre zu wünschen, daß die umherliegenden kleinen Gebethäüser und Religionsvereine nunmehr in dieser Synagoge einen gemeinsamen Sammelpunkt finden möchten. p. Königsberg i. Pr., 7. September. Am 6. d. M. vollendete Frau Geheime Kommerzienrat Henriette Becker ihren 75. Geburtstag. Die ausgedehnte humanitäre-Wirksamkeit der verehrten Frau läßt es nur natürlich erscheinen, daß auch weitere Kreise diesen Festtag mit ihr in freudiger Anteilnahme begingen. Besonders haben wir Juden alle Veranlassung, uns mit der Jubilarin aller ihr vom Schicksal gegönnten besonderen Lichtblicke des Lebens zu freuen. Denn Frau Geheimrat Becker versteht es in echt jüdischer Weise, die Tage ihrer Freude stets zu Freudentagen auch für andere zu gestalten. Auch jetzt wird anläßlich ihres ^5. Geburtstages eine neue großherzige Schenkung an das Altersheim zu Königsberg i. Pr., ihrem langjährigen früheren Wohnsitze und zweiten Heimatsorte, bekannt. Wohltun ist einer der großen Züge des Lebens der verehrten Frau, darin sie ihr für die Menschheit warm empfindendes Herz zu befriedigen sucht und worin sie ihre Freude findet. Dabei kennt sie keinen Unterschied der Religion, sondern wendet Christ und Jude in gleicher Weife ihre Teilnahme zu. In den langen Jahren ihres wohltätigen Wirkens ist wohl kaum eines der großen Interessen des Lebens ohne Förderung von ihr geblieben: sie half der Wissenschaft, der Kunst, der Frauenbewegung, der Volksbildung, dem Judentume und selbstverständlich auch der hilfsbedürftigen Armut durch große Spenden und rege persönliche Teilnahme.' Von ihren großen Schöpfungen und ,3*^ NC*, s Mn«**.