Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 444 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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lebende Jude ist gebunden, zunächst verknüpft mit seinem Speisehaus. Darum lenkt er seinen Schritt' immer wieder an dieselben Erholungs- und Kurorte, wo ihm sein Tisch gedeckt ist, d. h. wo ein tüchtiger Gastwirt auf ein womöglich konkurrenzloses Geschäft rechnen kann. Und dahjn kommen sie in Scharen. Der Midrasch fragt: wie konnte man in dem von 50 Millionen und darüber bevölkerten Aegypten von dem kleinen Häuflein Israeliten sagen: „Das Land war voll von ihnen." Und er antwortet: „Die wenigen sah man überall; sie behaupteten die ersten Plätze in Theatern und Zirkussen, und wohin das Auge fiel, erblickte man sie." Und auch heute bevölkern sie die Kurplätze, 'beleben die Waldesstille, und am Strande des Meeres ist Israel hingelagert in Gesellschaftsgruppen wie einst seine Stämme am roten Meere. Immer wieder entfaltet sich dasselbe Bild vor uns, das bequeme'Sichzuhausfühlen unserer Brüder und Schwestern, wo immer wir ihnen begegnen: in St. Moritz, Johannisbad oder Norderney. Das zeugt doch eher für als gegen die Juden. Nur in diesem Jahre wurde ein Häuflein von jüdischen Gelehrten, die sich von den Arbeiten und Genüssen des 15. Orientalisten-Kongresses zu Kopenhagen ausruhen wollten, hierher verschlagen in ein grün umbuschtes Landhaus, die koschere Pension zu Ny-Taarbaek. Eine „koschere Restauration!" Und läßt sich doch nicht übersetzen in „jüdische Wirtschaft!" Sie liegt in einem der kleinen Strandbäder, die sich nördlich von der dänischen Hauptstadt meilenweit an dem Sund entlang ziehen. In uraltem Wald sind die Villen und Häuschen eingebettet, welche den Kopenhagenern zum Sommeraufenthalt dienen. .Sie haben nicht durchweg das Gepräge vornehmer Landsitze, denn wenn wir auch schönen, stattlichen Fassaden begegnen, herrscht doch der bescheidene, dicht belaubte Giebel kleiner Häuser vor, und ein eigenartiger Reiz behaglichen Bürgertums liegt über das Ganze ausgegossen. Nicht die Kunst des Baumeisters fordert zunächst unsere Bewunderung heraus, sondern die persönliche Note dieser Behausungen mutet uns an. Sie erzählen uns von der Liebe des Besitzers zu diesem schönen, von Wald und See umrauschten Fleckchen Erde, auf dem er es sich und seiner Familie traulich einrichten wollte. Hinter offenen Veranden zeigen sich meist einfache und doch freundlich ausgestattete Wohnzimmer, um das Haus Arbeits- oder Ruhesitze und in den großen, schattigen Gärten so viel gemütliche Lauben und schattige Plätzchen als möglich. Und alle reden von häuslichem Sinn, denn kunstgeübte Frauenhände haben sie liebevoll geschmückt. Gediegene Weißstickerei, geschmackvolle Durchzugarbeit, wie man sie in Deutschland für den einfachen Gebrauch von der Maschine und nur für den Luxusbedars von der Hand Herstellen läßt, ist nämlich in Dänemark eine srühgeübte, ganz volkstümliche Fertigkeit, und wahrhaft kunstvolle Erzeugnisse zieren Tisch und Geräte in den einfachsten Häusern. Und an diesen Stätten sehen wir mit Erstaunen, daß die Juden, welche wir als Träger und Vermittler kosmopolitischer Sitten und Gebräuche kennen, hier in Dänemark ganz bodenständig geworden sind. Sie sind in ihrer Haltung und ihrem Geschmack eng verwachsen mit dieser Heimat, die sie warm an ihr Herz geschlossen und nie wie Fremdlinge behandelt hat. Blicken wir hier in ihre Sommerhäuser, so empfinden wir einen ganz persönlichen Ton und nur wenig von der herrschenden Mode des Dekorateurs. Auch unsere kleine Pension hat diesen Stil. Das gemeinsame Wohnzimmer mit seiner Veranda ist traulich. Wenn aber der Eßtisch — und zwar viermal des Tages — freundlich gedeckt wird, dann vergißt man wirklich die Fremde und fühlt sich zu Haus oder wie bei guten Freunden zu Gast. Aus der sauberen Tafel fehlen nie Gläser mit zwanglos geordneten Blumen und das zierliche Gerät blinkt in' den hübschem Formen und Zeichnungen, ' die seine edlen Vorbilder ausder Königlichen Porzellan-Manufaktur in Kopenhagen verraten. — Als nun noch Las Licht vieler Sabbatkerzen dies Bild bestrahlte, da wurde einem warm ums Herz, und die' Gäste versicherten, noch nie und nirgends Hinen solchen „Schabbestisch" im Gasthaus gefunden zu haben. Die gediegene dänische Küche mit ihrem unvergleichlichen Gebäck fand Beifall^ und erweckte fröhliche Laune. Der Witz von der Kugel, die am Roschhaschono, wenn er auf einen Sabbat fällt, nach einem alten Wort dazu dienen muß, an Stelle des Schofars den anklägerischen Satan zu vertreiben, lockte die ältesten Kalauer hervor, und sie gingen wieder von Mund zu Mund, wie sie längst begrabene. Generationen beim lustigen Mahl einander erzählt haben. Der jüdische Witz übernimmt bei solchen Gelegenheiten die Aufgabe des deutschen Kneipliedes. Ist er auch längst bekannt, wird er doch gern wieder gehört und belacht, erweckt Erinnerungen an ähnliche Tafelrunden und an manchen lieben Genossen, der fern von uns weilt. Noch nie habe ich Schir-ha-Maalauss mit solcher Inbrunst singen hören wie hier. Mit Naturgewalt strömte es aus dem Herzen.und von den Lippen der liberalsten Rabbiner und Lehrer in Israel, als-sie die dänischen Butterkuchen in der jüdischen Pension zu Ny-Taarbaek gegessen hatten. Ich glaube fast, sie kommen gern einmal wieder, wenn auch kein schöner Strand, kein elegantes Badeleben anlockt. Mit einigen Freunden kann man sich^s hier wohl sein lassen und Erholung finden im rauschenden Wald, an der blauen, von Schiffen stets belebten See und zur Abwechslung bei den Unterhaltungen der liebenswürdigen Hauptstadt Kopenhagen. Literarische Mitteilungen. — Unter dem Titel: „Liberales Judentum" gibt die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" eine Monatsschrift heraus, deren Redaktion Rabbiner Dr. Seligmann in Frankfurt a. M. übernommen hat. Die erste Nummer ist soeben erschienen. Sie enthält folgende Artikel: Zur Einführung. — Protokoll der konstituierenden Versammlung vom 3. Mai 1869. — Religionsschulsragen, Referat von Rabbiner Dr. Freudenthal. — Verzeichnis der Vorstandsmitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. Sprechlasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! <^n Nummer 35 Ihrer Zeitschrift vom 28. August dieses Jahres J bringen Sie in dem Bericht über die Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes ein absprechendes Urteil eines Rabbinersüber das in unserem Verlage erschienene „Jüdische Religionsbuch" des Herrn Rabbiner Dr. Coblenz in Bielefeld. Demgegenüber begnügen wir uns mit der vorläustgen Erklärung, daß uns von einer ungewöhnlich großen Zahl hochangesehener, zum Teil führender Fachmänner. Rabbinern und Lehrern, aus allen Teilen Deutschlands durchweg nur ausgezeichnete, sachlich begründete Urteile über das Buch zugegangen sind. Mit vorzüglicher Hochachtung sehr ergebenst .. Quelle <L Meyer. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. verantwortlich für die Siedaktton: Max Bauch Witz in Berk.^.