Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 438 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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, mehr die. Sehnsucht nach Liebe als Befriedigung durch; den Genuß. Er wandte den Blick gern nach fremden Ländern und entlehnte, wenn er auch einmal einen patriotischen Anlauf nahm, ihnen, dem Orient und besonders Spanien, seine Balladenstoffe. Dabei bewährte er seine Vorliebe für biblische Stoffe und seine Neigung zu jüdischen Dingen. Außer einigen literarhistorischen Schriften sind die „Stimmen vom Jordan und Euphrat", die er mit Michael Sachs herausgab, das wertvollste Denkmal seiner poetischen Tätigkeit. Veit stand mehr als 30Jahre lang im Mittelpunkt des Berliner geistigen Lebens. Seine Beziehungen zu Varnhagen von Ense, sein Verkehr mit Bettina von Arnim, seine Freundschaft.mit Chamisso, Leßmann, Robert und anderen ist oft geschildert worden. Wir selbst haben wiederholt Briefe von Varnhagen, Rießer, . Zunz, Auerbach u. a. an Veit und von diesem an jene in früheren Jahrgängen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlichen dürfen. , Veit hatte ein Talent zur Freundschaft; wen er einmal in sein Herz geschlossen hatte, ließ er nicht wieder los. Er war kein glänzender Schriftsteller, aber ein feingebildeter, an den besten Mustern erstarkter Stilist; seine Denkschriften, besonders seine Briefe sind klar, wohlgeordnet, »anmutig. Er hatte wenig Bedürfnisse und geringen Ehrgeiz; seine Liebe galt den Seinen, den Berufs-, Glaubens- und Stadtgenossen, dem Vaterlande. Mit kindlicher Genußfähigkeit und Bescheidenheit paarte er Wohlwollen und Uneigennützigkeit. Wohltätigkeit war bei .ihm nicht bloß Darreichung einer Gabe, sondern Förderung des Menschen und Anstachelung jedes echten Talents. Er war eine reine, vornehme Natur; seinen christlichen Freunden erschien er als der „weise Nathan". Unter den Vorkämpfern unserer bürgerlichen Gleichstellung, unter den führenden Männern der glänzenden Renaissance des vorigen Jahrhunderts nimmt Moritz Veit eine hervorragende Stelle ein. Sein Mut, sein Scharfsinn, sein liebevolles Gemüt, sein klarer Geist zeichnen ihn vor vielen aus. Er kann als das Musterbild eines Mannes gelten, der deutsche Bildung und jüdischen Geist zu voller Harmonie assimiliert hatte. Und so mag sein Name zur Ehre des Judentums in die Zukunft ragen! Nebrr den Arlprung und die Bedeutung der Keremynirn im Judentum. Von Rektor Dr. K. Köhler in Cincinnati. II. Der Ursprung der Zeremonien. enn wir von Zeremonien reden, sind wir zu sehr geneigt, darin eine rein konventionelle Form ohne inneren Wert und Sinn zu erblicken. Das war nicht so im Altertum. Suchen wir nach der etymologischen Bedeutung des lateinischen Wortes, so finden wir eaerimouia meist in Begleitung von religio, und beides als Bezeichnung ehrfurcht- . voller. Scheu vor dem Göttüchen, das man durch rituelle Bräuche caerimoniae magisch beschwören oder bannen zu .können vermeinte. Die römische Religion also hatte ' CäeremoDien oder Bräuche, mit denen man die gefürchtete Gottheit bezwang. Der Art hatte jede primitive Religion ihre magischen Hebungen, die sich zu Formen des .Kultus ausbildeten, indem sie eine neue Bedeutung änüahmest. Je weiter man unter den primitiven Völkerstämmen Umschau hält, desto mehr stößt man auf Aehn-' lichkeit solcher Zeremonien, die somit auf Verwandtschaft oder: gleichen Ursprung schließen lassen. Zeremonien werden niemals von einzelnen erfunden; sie entstehen und gestalten sich um wie die Sprache eines Volkes. Wie Edward B. Tylor in seinem Werke „PrimitiveCulture“ treffend sagt, sie bilden „die Zeichensprache der Theologie". Ein Volk zum Beispiel verlangt nach Regen. Was tut es? Es schüttet in feierlicher Prozession Wasser aus vor der Gottheit, ihr gleichsam vorzeichnend, was sie vom Himmel her tun solle. So ward denn die Wafferlibation ein regelmäßiger Opferkult. Aus solche Ursprünge lassen sich viele Zeremonien zurückführen. Wenn der Abendländer vor einem Höherstehenden seinen Hut abnimmt, so ist er sich kaum mehr dessen bewußt, daß er damit nur einen Rest jener älteren Form der Unterwürfigkeit beibehalten hat, bei der man sich aller Waffenbedeckung, zu der auch der Hut gehörte, entblößte, um vor dem Vornehmen wie ein Knecht zu erscheinen. Zur Waffenrüstüng gehörte aber wie die Kopsso auch die Fußbedeckung. Das Abnehmen der Schuhe ist morgenländischer Brauch geblieben. Dagegen gilt es im Morgenlande als respektwidrig, unbedeckten Hauptes vor Fremden zu erscheinen, und ebenso ist es eine Verletzung der Gottheit, unbedeckten Hauptes zu beten oder angesichts des Heiligtums solche Haltung anzunehmen. (Der vielfach mißverstandene Wortlaut der Mischnah Berakoth 9,5 ist: Man darf das Haupt nicht am Osttor des Tempelbergs, das dem Allerheiligsten zugewandt ist, entblößen. So durften auch die römischen Priester nur verhüllten Hauptes ihr Amt verrichten. Nun fragt es sich, sollen wir Juden im Gotteshause noch immer. Morgenländer bleiben oder in Sitte und Tracht wie in allem anderen Abendländer sein? Die konsequente Reform konnte sich nur für letzteres entscheiden. Wir sehen in unseren Begrüßungsformen nur noch Zeichen der Höflichkeit. Das war nicht immer so. Bei Begegnungen fragte man sich zunächst, ob man es mit freundlichen oder feindlichen Wesen unbekannter Natur zu tun hatte, und der Gruß bedeutete Abwehr des bösen und Zusicherung des günstigen Einflusses. Fürchtete man ja allüberall das böse Auge und das mißgönnende beschreiende Wort bei jedem Segenszuwachs, daher Segensgrüße, wie Psalm 129, 8 oder Ruth 2, 4. Wenn also in der oben angeführten Mischnah von einer besonderen pharisäischen Anordnung die Rede ist, daß man bei Begrüßungen den sonst als unaussprechlich geltenden heiligen Gottesnamen ausdrücklich gebrauchen dürfe, so wird offenbar der Begrüßungssormel noch immer eine magische Kraft zugeschrieben. Des Nachts, wo die Geister hausen, sollte man ja überhaupt nicht grüßen (Megillah 3a). Im einleitenden Kapitel seines Werkes „Die Religion der Semiten" sagt Robertson Smith: Im Hintergrund der positiven Religionen, die ihren Ursprung auf die Lehren großer religiöser Neuerer zuführen, die als die Werkzeuge einer göttlichen Offenbarung redeten, befindet sich die Masse religiöser Bräuche und Glaubenssormen, die durchaus nicht aus den Einfluß einzelner Personen zurückgeführt werden können. Keine positive Religion, die auf die Menschen eine bewegende Kraft ausgeübt hat, vermochte je mit einer tabula rasa zu beginnen. Ein neues Glaubenssystem kann nur dann Anklang finden, wenn es an die religiösen Triebkräfte und Empfindungen, die bereits in der Menge wurzeln, appelliert, und es kann denselben nur dann wirklich erreichen, wenn es den überlieferten Formen Rechnung trägt, in denen das religiöse Gefühl verkörpert ist, und die Sprache