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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 437 (sequence 7)
Language
German
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zum ersten Vorsteher des Vereins Deutscher Buchhändler, welches Amt er sechs Jahre verwaltete. Mit seiner Gattin Johanna Elkan aus Weimar, einer Tochter des „Juden Elkan", den Goethe in seinem bekannten Gedicht erwähnt, gestaltete er sein Haus zu einem vielseitig belebten und geistig angeregten. Gestärkt durch schönen häuslichen Frieden entfaltete Veit von nun an bis zu seinem Tode eine weitverzweigte und gedeihliche Tätigkeit, die vor allem der Stadt und dem Staate galt. In seiner vortrefflichen Ausgabe des Briefwechsels von Sachs und Veit widmet Ludwig Geiger dem letzteren die folgende, die wesentlichen Züge seines Lebens und seines Charakters in scharfem Umriß getreu wiedergebende Skizze: „Er war 1848 ff. Mitglied des deutschen Parlaments und von 1858 an Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. In beiden Körperschaften bewährte er sich als ein fleißiger und gewissenhafter Arbeiter, trat dagegen selten als Redner auf. Wenn er aber sprach: in allgemeinen, in jüdischen Angelegenheiten, oder in Fragen seines Standes, zeigte er Ernst, der Gesinnung, gediegene Kenntnis und würdiges Auftreten. Er war ein politisch freisinniger, aber gemäßigter Mann, der von jedem extremen Schritte abriet und auch in den gegen Ende seiner politischen Wirksamkeit sich zuspitzenden Militärdebatten den Kampf nicht aufs äußerste treiben wollte. Dem Dienste der Stadt widmete er sich länger als 20 Jahre, als Stadtverordneter, später als Stadtrat, zuletzt als Vorsteher-Stellvertreter der Stadtverordnetenversammlung. Sein Interesse und seine Arbeitskraft wandte er hauptsächlich der Gewerbedeputation und den Angelegenheiten der Schul- und Waisenpflege zu. Besonders lebhaftes Interesse zeigte Veit für die religiösen Angelegenheiten. Läßt sich aber sein politischer Standpunkt mit dem einen Worte „altliberal" klar bezeichnen, so reicht eines der Schlagworte „orthodox" oder „freisinnig" zur Charakteristik seiner religiösen Ansicht nicht aus. Religion betrachtete er nicht wie ein Gläubiger, noch weniger wie ein Historiker, sondern wie ein Dichter einer-, wie ein moderner Mensch anderseits. Er unterschied die Gedanken und die äußere Form. In jenen wollte er sich durchaus die Freiheit seiner philosophischen Ueberzeugung, die Selbständigkeit seines weltlichen Denkens wahren, für diese, als eine durch Zeit und Gewöhnung geheiligte, verlangte er Respekt; überlieferte, selbst abgelebte Formen wahrte er mit Pietät. Daher hatte er für die Reformbestrebungen innerhalb des Judentums keinen Sinn; gegen die in Berlin hervortretenden verhielt er sich ablehnend. Zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin wünschte er zwar einen wissenschaftlich hochstehenden, modern gebildeten Mann, aber einen konservativ angehauchten Geistlichen. Er fand ihn in seinem Freunde Sachs, den er 1844 nach Berlin brachte, nachdem die Rabbinerwahl-Angelegenheit dort jahrzehntelang akut gewesen war. Von 1839 bis 1848 war Veit Aeltester (Vorsteher) der jüdischen Gemeinde, später Vorsteher des Repräfentanten-Kollegiums. Zwei Jahrzehnte lang führte er in allen jüdischen Angelegenheiten ein entscheidendes Wort. . Mit besonderer Liebe nahm er sich der Schule, des 1840 errichteten, 1858 reorganisierten Seminars an (die Rede bei der Einweihung 1840 erschien im Druck); an der durch das Gesetz von 1847 notwendig gewordenen Organisation der jüdischen Gemeinde hatte er hervorragenden Anteil. Das Statut für die jüdische Gemeinde ist im wesentlichen sein Werk, das Oberpräsident v. Flottwell persönlich mit ihm durchging; für die Errichtung der neuen Synagoge war er unermüdlich tätig. Ebenso wie den inneren Gemeindeangelegenheiten widmete er der Stellung der Juden zum Staat lebhaftes Interesse, sein. Gutachten wurde von den Behörden in manchen Fällen eingeholt; bei der schon erwähnten gesetzlichen Regelung wurde seine Stimme gehört. (Vergleiche die kleine Schrift: „Der Entwurf einer Verordnung über die Verhältnisse der Juden in Preußen und das Edikt vom 11.. März 1812" von M. Veit, als Manuskript gedruckt 1847. ^Neudruck, Leipzig, Brockhaus, 1847}.) Galt es öffentlich durch Schrift und Rede Anschuldigungen abzuweisen, gegen Beschränkungen anzukämpsen: Eidesformel, Beschränkung der Militärpflicht, Vorwurf der Häufigkeit der Verbrechen, so stand Veit in vorderster Reihe. Er hielt im Landtag wirkungsvolle Reden, durch die er sich einmal die Huldigung der Gemeinde seiner Vaterstadt verdiente; er verfaßte die Dankadresse an den rheinischen Landtag, er hatte Audienzen bei den Ministern, um den Standpunkt der von ihm vertretenen Gemeinde zu wahren. Nicht bloß für Berlin, sondern für die Juden ganz Preußens war er tätig; einmal erwirkte er durch A. v. Humboldt die Nichtausführung einer beabsichtigten Maßregel. Länger als 30 Jahre, von 1831, seit er Gabriel Rießer kennen lernte und dessen Ideen zu den seinigen machte — er widmete ihm später einen ausführlichen Nachruf (Preußische Jahrbücher XI, 1863, auch separat gedruckt) — arbeitete er unermüdet für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen; ebenso wie durch Wort und Schrift wirkte er auf manche Unentschiedene durch die Reinheit seiner Persönlichkeit." Diese Reinheit der Persönlichkeit wurde durch folgenden Nachruf eines ihm Nahestehenden gepriesen: „Seinen Freunden leuchtete er voran durch die Lauterkeit des Charakters, durch Ausharren im Hoffen und durch Beständigkeit in der Treue. Seine vermittelnde Natur war geeignet, die Gegensätze auszugleichen und Eintracht herzustellen, wenn Gefahr drohte, der Meinungen wegen auseinanderzugehen. In solchem Sinne hat er gewirkt mit jugendlicher Begeisterung für das Wohl unserer Stadt und für das Heil des Vaterlandes. Deutschlands Größe und Zukunft lagen ihm tief und innig am Herzen. Mit Bekümmernis hatte er alle Rückschritte empfunden und gedacht und gerungen, um dazu beizutragen, unserem Volke auf die ihm durch Sitte und Bildung gebührende Höhe zu verhelfen." Veit war von einem starken und freudigen Optimismus erfüllt. Niemals zweifelte er an dem Sieg seiner Ueberzeugung. Er führte ein schönes gesegnetes Leben. Sein Haus war ein Sammelpunkt erlesener Gesellschaft. Er fühlte nie ein Ermajten der Schaffenslust und.begegnete überall freudiger Anerkennung des von ihm Geleisteten. Solange er seinem Geschäfte Vorstand, entfaltete er eine die Kräfte eines einzelnen fast übersteigende Tätigkeit; durch das Aufgeben des Verlages etwas freier geworden, widmete er sich um so eifriger den allgemeinen Angelegenheiten. Er ergötzte sich an der Kunst und gab sich mit seinem Verständnis einer ausgewählten Lektüre hin. Durch mannigfache Bade- und Erholungsreisen nach Thüringen, Süddeutschland, der Schweiz, 1862 nach Paris, kräftigte er seinen Körper und schaffte dem Geiste neue Anregung. Der dichterischen und literarischen Tätigkeit hat er in späteren Jahren entsagt, obwohl seine lyrische Begabung unzweifelhaft eine nicht gewöhnliche gewesen ist. Er gehörte zur Schule Heines, mit dem er in späteren Jahren wegen einer Rezension des IV. Reisebilder-Vandes, in dem Veit die Angriffe aus den Grafen Platen scharf verurteilte, leider auseinander kam. Seine poetische Domäne waren das Epigramm, die Ballade und das Lehrgedicht. Er pries Natur und Liebe, empfand im Frühling lauter die Schläge seines Herzens, verkündete aber

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