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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 439 (sequence 9)
Language
German
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redet, / welche die - an diesem alten. Formen gewöhnte Menge, wirklich versteht.. . Die Vorschriften des Pentateuchs - haben das Priestertum ' und den Opferkultus nicht -auf einer ganz und gar neuen unabhängigen Grundlage geschaffen; sie konnten nur Institutionen einer älteren Stufe, die die Hebräer in vielen Einzelheiten mit ihren heidnischen Nachbarn gemein hatten, in Einklang mit einer höheren, geistigeren Lehre um- " gestalten und neumodeln. Wer nur das Alte Testament aufmerksam liest, muß es auffallend finden, daß der Ursprung und die eigentliche volkstümliche Begründung des Opferwesens nirgendwo klargelegt sind, daß dasselbe vielmehr als ein wesentlicher Bestandteil der Religion vorausgesetzt wird, der nicht etwa einer Israel» eigentümlichen Lehre entspricht, sondern als allgemeine Kultusform anerkannt und ebenso außerhalb wie innerhalb des Kreises des auserkorenen Volkes ausgeübt wird." Diese Bemerkungen haben ihre Tragweite für das gesamte mosaische Gesetzbuch mitsamt seinen Reinheits- und Speisevorschriften. Selbstverständlich kann der strenggläubige Jude, für den das mosaische Gesetz in seiner traditionellen Auslegung als göttlich geoffenbart gilt, und demgemäß der Opferkultus mitsamt den levitischen Reinheitsvorschriften nur zeitlich aufgehoben ist, um durch eine göttlich eingesetzte Macht in der messianischen Zeit wieder in volle Kraft zu treten, all den Zeremonialvorschriften der Thora nur eine mystische oder symbolische, keinesfalls aber den: Richterstuhl menschlicher Vernunft anheimgebene Bedeutung und Begründung beilegen. Wir, die in der Religion eine ewig fortschreitende Macht des im Menschenbewußtsein wirkenden Gottesgeistes erblicken, die sich zuerst in der Volksseele und dann im Individuum immer klarer kundgibt, müssen den Ursprung und Zweck jeder einzelnen Zeremonie zu erkennen suchen, um auszufinden, ob dieselbe ihre religiöse Erweckungskraft. auf Geist und Herz ausübt, oder ob sie zur leeren Schale geworden ist, in der der lebendige Kern längst erstorben. Demgemäß nun gilt es, klar und bestimmt zu unterscheiden zwischen altertümlichen Zeremonien der biblischen Zeit, die wesentlich von primitiven Vorstellungen beeinflußt sind, und Zeremonien des pharisäischen oder rabbinifchen Judentums, die ihre Gestalt und ihren Charakter unter dem Einfluß bewußter, aber als religiöser Autorität anerkannter Mächte empfangen haben, wie solchen Zeremonien, die die Neuzeit geschaffen und die daher mehr oder weniger der Autorität geschichtlicher Mächte und spezifisch jüdischer Merkmale noch vorläufig bar sind. Henrik WergrlsnL. Von Rabbiner Dr. Lucas-Glogaü. urch den Leitartikel in der Nummer 32 dieses Blattes angeregt, möchte ich nicht unterlassen, einige Schriftstücke zuveröffentlichen, die sich auf das Eintreten Wergelands für die Juden beziehen. Die Schriftstücke stammen aus dem Nachlasse S. L. Steinheims, des großen Religionsphilosophen. Steinheim an Wergeland. Gruß zum neuen Jahre 1842. .An Wergeland. Glück auf zum neuen Jahr! ■ Es hat zuletzt genachtet! Mit dem verjüngten Tag kehrt eine neue Zeit Auf Schwingen einer, edlen Sittlichkeit Und tröstet ihre Kinder, diTGach ihr geschmachtet. Das Volk der Märtyrer, geächtet und geschlachtet, Erhebt sein Haupt, es fühlt der Menschlichkeit Erhöhtes Recht siegreich im harten Streit/ Und .jedes Menschenantlitz gleich geachtet. Glück aus zum neuen Jahr! weil ihr mit Treue wachtet. Mit kühnen Wortes Kraft zum Kampf bereit, Daß nicht des Menschen Hort geschändet und verachtet. Die Freiheit sich verbarg in Nacht und Niedrigkeit. Der Griffel der Geschichte grabt, was ihr vollbrachtet. Des Jahres erste Tat, ins Buch der Ewigkeit. Zum 1. Januar 1842. Am 23. Dezember 1841. °, Im Nachlasse'Steinheims befindet sich außer dem hier abgedruckten Gedicht noch ein anderes längeres. Das letztere übersandte er Wergeland zugleich mit einem silbernen Schreibzeug als Ausdruck des Dankes für die Verteidigung der Rechte der Juden. Die Naturforscherversammlung in Christiania, die im Briese erwähnt wird, wollte auf Steinheims Anwesenheit nicht verzichten; Wergeland und andere gaben sich die größte Mühe, den Gelehrten, der damals eine leitende Stellung unter den Naturforschern einnahm, zum Kommen zu veranlaffen. Wergeland betonte, daß nichts so sehr als seine Anwesenheit in Christiania die Emanzipation fördern könne. Steinheim ließ sich aber. nicht bewegen, den Fuß aus norwegisches Gebiet zu setzen, so lange die Ausnahmegesetze bestanden. Ich besitze noch eine sehr ausführliche Denkschrift, die Steinheim an den Präsidenten des Storthings in Norwegen in Angelegenheit der Emanzipation gerichtet hat. Steinheim an Wergeland. Hochgeehrter Freund! Wie Sie aus der anliegenden Nummer 321 des „Hamburger Correspondents" vom Jahre 1843 ersehen, hat hier der mir übersandte Artikel seine Stelle gefunden. Es hatte einige Schwierigkeiten, ihn hineinzubringen. Gleich nach Empfang Ihrer werten Zuschrift Ihat ich die nöthigen Schritte. Lange wartete ich vergebens. Endlich, als ich einen andern Artikel, eine Anzeige der Simonffchen Schrift über die Contügiosität der Pest,' für den . Correspondenten geliefert hatte, nahm ich Gelegenheit, Herrn Runkel wegen-des questionierten Artikel zu befragen. Ich erhielt ihn mit dem mündlichen Bedenken, daß er schwerlich, und in seiner dermaligen Form gar keine Aufnahme finden könne, wieder zurück. Sie sehen ihn vor sich in der neuen Form, in die ich ihn umgießen mußte; denn in der That war er in herzlich schlechtem Deutsch abgefaßt. Nun! Es macht mir wahre Freude, Ihnen diesen geringen Dienst geleistet zu haben, und bitte Sie, mir nur öfter Gelegenheit zu geben. Ihnen meine Bereitwilligkeit. Ihnen gefällig sein zu können, darzulegen. Soviel sich es thun ließ, habe ich der Züchtigung des verleumderischen Anzeigers nichts geschenkt, und insofern dürften Sie mit der kleinen unvermeidlichen Abänderung zufrieden sein. : Nächstes Jahr geht es ja wohl wieder im/ Storthing daran, die Schmach des § 2 auszutilgen. Wann mag das Vorkommen? Ob wohl vor oder nach der Versammlung der Naturforscher / in Christiana? Leider wird die Entscheidung im günstigsten Fall zu spät eintreffen, und so freue ich mich, daß mindestens Einer unserer berühmten Naturforscher. uns nicht die Schande machenkann, trotz jenes entehrenden Artikels in Norwegen Theil an jener Versammlung zu nehmen, was er, wie ich ihn leider kannte, hätte er das Leben behalten, wohl schwerlich unterlassen haben würde. Adieu! Glück auf zum neuen Jahr. Viele Grüße Ihrer geehrten Frau Schwester von Ihrem ergebenen Steinheim Dr. Altona, den 5. November 1843. Frau Dr. Steinheim an Wergeland. Hochgeehrter Herr! Wenn ich Euer.Wohlgeboren für das mir übersandte schätzbare Werk Ihres Geistes-gedankt, und das für mich so schmeichelhafte Schreiben, mit.dem es begleitet war, nicht sogleich beantwortet habe,

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