Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228826--64670-3276744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

werbe, den eine Bibliothek, die sich vielleicht zn^ einer der. ersten Anstalten Deutschlands auswachsen werde, haben müsse: ein schönes und stattliches Bibliotheksgebäude. Die geistigen Anstalten seien diejenigen, welche die Zukunft des Judentums begründen, viel mehr als andere Institutionen, für die jährlich hunderttausende Mark äusgegeben würden und für die auch der Staat gesetzmäßig einzutreten verpflichtet sei. Die Bibliothek sei etwas, für die nur die jüdische Gemeinde sorgen könne und sorgen müsse. Gemeindesyndikus Justizrat Lilienihal erhebt mit aller Entschiedenheit Einspruch gegen die gemachten Ausführungen, die den Anschein erwecken müssen, als ob der Gemeindevorstand sich in bezug auf alle geistigen Strömungen einer außerordentlichen Rückständigkeit erfreute. Er bedauerte die mangelhafte Orientierung der Diskussionsredner. Es bedeute zumal für Berlin keine Herabwürdigung der Bibliothek, wenn sie in die dritte Etage verlegt würde. Die neuen Räume bieten für 60 000 Bände Platz, gestatten also eine dreifache Vergrößerung des bisherigen Umfanges, die Wolfsche Sammlung erhalte einen wundervollen Raum, der höchstens zu groß sei, die Bibliothek nehme die ganze dritte Etage ein, das Lesezimmer liege nach vornheraus, ein besonderer Eingang und ein nur für die Bibliothek bestimmter Fahrstuhl seien vorgesehen, besondere Studierzimmer seien festgesetzt, und so in bester Weise für alles Erforderliche Sorge getragen. Der Gemeindedorftand sei sich dessen, was Professor Geiger vorgebracht habe, voll bewußt, habe aber das ruhige Bewußtsein, daß er der Sorge für die geistigen und sozialen Bestre-. bungen 'völlig Rechnung getragen habe. Im Laufe der Debatte wurden noch zwei Anträge eingereicht, ein Antrag Beit Simon, welcher die Bearbeitung einer Variante forderte, wonach die Bibliothek in das Erdgeschoß verlegt wird, und ein Antrag Kalischer, der den Gemeindevorstand ersucht, die Verteilung der Räume an die einzelnen Kommissionen bei der späteren Vorlage den Repräsentanten bekannt zu geben. Die Anträge Levy - Geiger und Veit Simon wurden alsdann zugunsten des harmlosen Antrages Kalischer zurückgezogen, und mit diesem Zusatz wurde die Vorlage angenommen. — In dringlicher Vorlage wurden für das Notenmaterial zum Jugendgottesdienst 150 Mark bewilligt, für den israelitischen Brüderverein in Rixdorf pro 1907/08 eine Subvention von 3400 Mark, pro 1908/09 und 1909/10 eine Subvention von je 4600 Mark und für eine zweite Lehrkraft eine Beihilfe von je 200 Mark, für die Synagoge Kaiserstraße zur Beseitigung der Ballustrade vor dem Chorraum und zur Entfernung des Mittelanfsatzes über dem Allerheiligsten 2100 Mark, für den Religionsverein Moabit für die Jahre 1908/09 und 1909/10 eine Subvention von jährlich 2700 Mark. Die Versammlung genehmigt ferner 1200 Mark zu den Kosten des Eedenkbuches für Abraham Geiger anläßlich seines 100. Geburtstages. Die aufzubringenden Kosten belaufen sich auf 3800 Mark; davon sollen die Zunz-Stiftung 1000 Mark, die jüdische Gemeinde zu Berlin 1200 Mark, Breslau und Frankfurt je 750 Mark und Wiesbaden 100 Mark tragen. Den beitragenden Gemeinden werden insgesamt 150 Freiexemplare zur Verfügung gestellt, die entsprechend den Beträgen verteilt werden sollen. Die Anregung des Herrn Manheimer, eine Büste Abraham Geigers anfertigen und im Sitzungssaal der Repräsentanten ausstellen zu lassen, soll in Form einer Vorlage auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt werden. Schließlich erklärt sich die Versammlung mit der Veranstaltung einer Gedächtnisfeier in der Alten Synagoge anläßlich der Wiederkehr des 100. Geburtstages von Michael Sachs einverstanden. Als Festredner ist Rabbiner Dr. Eschelbach er in Aussicht genommen, als Kantor Musikdirektor Friedmann. Den Besuchern des Festgottesdienstes wird voraussichtlich eine Schrift über Michael Sachs überreicht werden. — Aus den Beschlüssen der geheimen Sitzung teilen wir noch mit, daß Rabbiner Dr. Bergmann aus Frankfurt a. £>., der Schwiegersohn des hiesigen Rabbiners Dr. Rosen zweig, zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden ist. Für die Steuerverwaltung ist als Oberbeamter Justizrat N. Moses, für die Armenverwaltung Gerichtsassessor Lamm angestellt worden. Beide Ressorts haben eine solche Ausdehnung erreicht, daß eine Entlastung der Ehrenbeamten des Gemeindevorstandes erforderlich war. £2 Berlin, 28. Juni. Das angekündigte Werk „Die Rechtstellung der Juden im preußischen. Volksschulrecht", im Aufträge des Verbandes, der deutschen Juden systematisch därgestellt von Dr. Jsmar Freund, liegt nunmehr im Drucke fertig vor. Es ist das wichtigste Nachschlagewerk über die Materie, das wir besitzen. Zu dieser Ueberzeugnng kommt man schon nach der ersten Durchsicht. Nach einer Rechtsgeschichte der jüdischen Volksschule werden die.Errichtung, Unterhaltung, Verwaltung, Einrichtung und der Lehrplan, die Lehrer, Aussicht über dieselben in den einzelnen Provinzen vorgeführt. Der zweite Teil bespricht die Nechtstellung der Juden in Beziehung auf die nichtjüdischen öffentlichen Volksschulen gründlich und ausführlich. Dann folgen alle auf die jüdischen Unterrichtsverhältnisse bezüglichen Gesetzesbestimmungen. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe geht hervor, von welcher Bedeutung das Buch für die Juden in Preußen ist. Eine ausführliche Besprechung des bedeutsamen und wertvollen Werkes wird natürlich von sachkundiger Seite erfolge». Für heute wollen wir nur noch bemerken, daß Rabbiner und Lehrer, welche ihre Bestellungen bis zum 15. Juli 1908 an den „Verband der deutschen Juden" (Berlin UV. 35, Magdeburgerstraße 14) einsenden, das Werk in Halbleinen gebunden zum. Vorzugspreise von 4 Mark erhalten, während der Preis im Buchhandel 6 Mark betragen wird. 8. Berlin, 27. Juni. Die letzte Nummer des „Justiz-Ministerial- Blattes" bringt die Mitteilung, daß nachgesuchte Dienstentlassung mit Pension dem Landgerichtsrat Dr.'Heinrich Pollack vom Landgericht I erteilt - worden ist. Dr. Pollack, der sich während seiner Referendarzeit im . Kriege gegen Frankreich in der freiwilligen Krankenpflege ausgezeichnet und außer anderen Orden das Eiserne Kreuz II. Klasse am weißen Bande erworben hat, ist am 1. Juli 1873 Gerichtsassessor geworden. Am 24. Mai 1875 wurde er Kreisrichter in Dramburg, von wo er bei der Justizreorganisation von 1879 als Landrichter nach Köslin versetzt wurde. Seit 1. August 1888 gehörte er dem hiesigen Landgericht I an. Er war längere Zeit Mitglied einer Kammer für Handelssachen und zuletzt Mitglied der 1. Strafkammer. — Auch Landgerichtsrat Dr. Julius Weil in Breslau, der sich als Dichter bekanntlich einen guten Namen gemacht, hat die nachgesuchte Dienstentlassung mit Pension erhalten. — Zu Notaren sind ernannt worden die Justizräte Karl Hamburger, Albert Pinner, Moritz Ratkowski, Leo Lilienthal, Dr. Arthur Gerson, Georg Mankiewitz und die Rechtsanwälte Max Hahn, Alfred Hennigson, Dr. Alfred Saalfeld, Benno Schlomann. — Königsberg i. Pr., 24. Juni. Ein beispielloser Akt von empörender Rohheit hat sich am Sonnabend nachmittag in unserer Stadt zugetragen. Drei jüdische Knaben hatten sich nachmittag an den Pregel begeben. Sie spielten dort eine Zeitlang mit dem kleinen Hündchen eines Schiffers, der mit seinem Fahrzeug in der Nähe der Eisenbahnbrücke ankerte. Diese harmlose Spielerei mißfiel einem vorüberkommenden eleganten Herrn derart, daß er sich ohne weiteres auf eines der Kinder, das zehn Jahre alte Söhnchen eines kürzlich aus Rußland hier eingewanderten armen Juden Hirsch Großmann stürzte und ihm mit der geballten Faust mehrere wuchtige Schläge gegen die rechte Schläfe beibrachte. Sofort strömte dem brutal mißhandelten Kind das Bl-ut aus Nase und Mund, und es stürzte dann unter Todeszuckungen zu Boden. In wenigen Augenblicken war das Leben aus dem kleinen, von Hunger und Entbehrungen geschwächten Körper entflohen. Auf das Geschrei einiger im naheliegenden Flachsspeicher arbeitenden Frauen eilte ein Schiffer hinzu und versuchte den eilig davonstürmenden Unbekannten "festzuhalten, doch stieß ihn dieser zur Seite und rannte über die Eisenbahnbrücke hinweg. Die Polizei ist auf der Suche nach dem Totschläger. Doch fehlt bis jetzt von dem vornehmen Herrn, für den die Sache mit der Ermordung des armen Judenkindes erledigt zu sein scheint und sich nicht mehr im mindesten um dieselbebekümmert, jede Spur. n. Marienwerder, im Juni. Am 28. v. M. fand hier die Versammlung des Westpreußischen Rabbinerverbandes statt, an welcher die Herren Rabbiner Dr. Eppenstein-Briesen, Guttmann- Culm, Kälter-Danzig, Münz-Berent, Rosenberg-Thorn und Silberstein-Elbing teilnahmen. Die Gemeinde Marienwerder ließ sich durch ihren Vorstand und Lehrer vertreten; im Aufträge des Ausschusses der Westpreußischen Synagogengemeinden war Herr Dr. Schopf- Danzig erschienen. Die Anwesenheit des letzteren war durch den Hauptgegenstand der Tagesordnung geboten. Es handelte sich um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.