Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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dre Gründung von Zweäkverbanden, welche der Westpreußische Gemeindeverband zum Zwecke der Inanspruchnahme der im neuen Volksschulunterhaltungsgesetz in Aussicht gestellten SLaatsunterstützung für die leistungsschwachen Gemeinden schaffen will. Es sind für diesen Zweck 40 000 Mark für den ganzen Umfang des Staates zur Verfügung gestellt. Die Synagogengemeinden haben den Zuschuß beim Minister zu beantragen. Aussicht auf Erfolg haben sie nur, wenn mindestens 12 Kinder aus derselben oder aus benachbarten Gemeinden unterrichtet werden (Verhandlung des Abgeordnetenhauses vom 21. Februar 1908). Der Westpreußische Rabbinerverband, dessen Mitglieder als Inspizienten der Religionsschulen die genaueste Kenntnis von'den Zuständen auf dem Gebiete des Religionsunterrichts in den kleineren Gemeinden besitzen, hat nach genauer Erwägung der in Betracht kommenden Verhältnisse Vorschläge für Gründung von Zweckverbänden gemacht. Zwei bis drei örtlich zusammenliegende Gemeinden, die verbunden 12 Volksschüler aufweisen, sollen zum Unterricht .zusammengeschlossen werden. Die Anträge auf Grund dieser Vorschläge beim Minister zu stellen, ist Sache des Westpreußischen Gemeindeverbandes. Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete die Revision des vor Jahren verfaßten und gedruckten Normäl-Lehrplans für die Religionsschulen der kleineren Gemeinden. Eine größere Anzahl von Verbesserungsvorschlägen wurde von'seiten der Versammlung gemacht. Der verbesserte Lehrplan soll nach Anhörung der gemachten Erfahrungen, welche die einzelnen Lehrer in der nächsten Westpreußischen Lehrerversammlung zur Sprache bringen werden, zum Drucke und zur Versendung gelangen. — Nach Erledigung dieses Gegenstandes der Tagesordnung hielt Herr Rabbiner Dr. Eppenstein-Briesen einen überaus lehrreichen und interessanten Vortrag über neuere jüdische Geschichtsforschung, der .mit großer Befriedigung ausgenommen wurde. — In den Vorstand wurden die Herren Rabbiner Dr. Rosenberg-Thorn als Vorsitzender, Dr. Guttmann-Culm als Kassierer wieder- und Dr. Silberstein-Elbing als Schriftführer neugewählt. Die Gemeinde Marienwerder hat in liebenswürdigster Weise die Teilnehmer der Versammlung durch glänzende Bewirtung während des arbeitsreichen Tages überrascht. Görlitz, 25. Juni. Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 21. d. M. mit seiner Gemahlin Herr Rabbiner Dr. Siegfried Freund. Das greise Jubelpaar hält sich gegenwärtig bei seiner Tochter in Ostrowo auf, wohin ihm herzliche Glück- und Segenswünsche aus weitesten Kreisen folgen werden. Länger als fünf Jahrzehnte schon blickt Herr Rabbiner Dr. Freund auf eine segensreiche Tätigkeit in der Görlitzer Synagogengemeinde zurück,. und über den Kreis dieses Amtes hinaus hat er allezeit an edlen gemeinnützigen Bestrebungen so tätigen, herzlichen Anteil genommen, daß seine liebenswürdige Persönlichkeit in den Kreisen aller Konfessionen wärmste Sympathien genießt. Mögen Herrn Dr. Freund und seiner Gemahlin, die rege teilnimmt an seinem humanitären Wirken, über ihr goldenes Ehejubiläum hinaus noch viele Jahre ungetrübten Lebensglückes in frischer Gesundheit des Geistes und des Körpers beschieden sein! — Grotz-Strehlitz, 23. Juni. Gestern ist in Berlin der Geheime Medizinalrat und Königt. Kreisarzt a. D. Dr. Aron Graetzer im 76. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene gehörte der hochachtbaren Familie an, die den Stolz unserer Gemeinde bildet. Er selbst war ein pflichttreuer Arzt, ein edler Mensch, ein guter Jude. Jahrzehnte, lang gehörte er dem hiesigen Gemeindekollegium und dem Vorstand vieler Vereine an. In den letzten Jahren lebte er in Berlin im wohlverdienten Ruhestand. Ehre seinem Andenken! e. Hamburg,25. Juni. Von der „Informationsreise" der Reichstagsabgeordneten ist ein kleines, der politischen Pikanterie nicht entbehrendes Vorkommnis zu berichten. Auf dem Dampfer „Amerika" gab die Hamburg - Amerika- Linie den Abgeordneten ein Festessen, und Generaldirektor Ballin hielt die Ansprache an seine Gäste. Namens der Abgeordneten erwiderte — ausgerechnet! — der Herr Liebermann v. Sonnenberg! Und er weihte sein Glas der Hamburg-Amerika-Linie, „diesem großen deutschen Unternehmen", das seinen großen Ausgaben zu eigenem Ruhm und Vorteil und zur Ehre unseres Vaterlandes noch lange nächgehen möge"! Herr v. Liebermann als Lob- und Tafelredner der Hamburg-Amerika-Linie, ieser, um im antisemitischen Jargon zu sprechen, „verjudeten" Gesellschaft, die durch ihren jüdischen Generaldirektor einen „unheilvollen Einstuß aus Seine Majestät" ausübt! 5§>as spöttisch-verächtliche Wort „Ballinismus", mit dem dieser angebliche Einfluß gekennzeichnet werden soll, ist, so schreibt die „Liberale Korrespondenz", unseres Wissens eine ureigene Erfindung des Herrn v. Liebermann. Kaum ein großkapitalistisches Unternehmen ist so sehr von den Antisemiten verdächtigt und angegriffen worden, wie die Hamburg-Amerika-Linie. Und nun dieser Dithyrambus des Herrn v. Liebermann! So wird im Handumdrehen aus einem antisemitischen Saulus ein Ballin verehrender Paulus! ---Dortmund, 26. Juni. Der Verband der Synagogen- Gemeinden Westfalens versendet zum Gemeindetage, der am 5. Juli in Gelfenkirchen stattfindet, seinen Bericht über die Tätigkeit während seines 17. Geschäftsjahres. Der 17. Gemeindetag in Minden hat neben der Ehrung, die er Moritz Katzenstein durch die Berufung des Herrn Rechtsanwalts Dr. Willy Katzenstein-Bielefeld zu seinem Nachfolger im Ausschuß bereitete, den Anstoß zu zwei wichtigen Neuerungen gegeben. Die eine davon, die jetzt ihrer Verwirklichung entgegengeht, bezweckte nach dem Vorbilde des Bochumer Zentralarmenverbandes die Ausdehnung der gemeinsamen Armenpflege über den ganzen nordöstlichen Teil Westfalens, um auch dort dem gewerbsmäßigen Wanderbettel zu steuern, den durchziehenden Scharen osteuropäischer Rückwanderer aber in der für diese Unglücklichen und zugleich für unsere Provinz zweckmäßigsten Weise fortzuhelfen. Und die andere will fortan, nachdem sich das bisherige System den gesteigerten Aufgaben des Verbandes gegenüber als unergiebig erwiesen hat, die Deckung des gesamten Haushaltsbedarfs durch gleichmäßige Umlage nach dem Einkommensteuer - Soll der Gemeinden vollziehen. — Die Zahl der Verbandsgemeinden ist auf 56 gestiegen. Ihr Ausschuß hat drei gutbesuchte Sitzungen abgehalten. In der ersten richtete er an den Verband der Deutschen Juden den dringenden Antrag, bei dem preußischen Kultusministerium gegen die Eingabe des Rabbinerverbandes über die Ausbildung der jüdischen Religionslehrer entschieden Einspruch zu erheben, in den beiden anderen aber beschäftigte er sich lediglich mit Verbandsangelegenheiten. Der vor zwei Jahren eingesetzte Gründungsausschuß für ein israelitisches Kinderheim in Bad Sassendorf hat nach Erwerbung des vorgesehenen Grundstückes einen selbständigen Verein gebildet. Nachdem die Sammlungen das -für die Inangriffnahme "'der Bauarbeiten erforderliche Kapital ergeben haben, beabsichtigt der Verein, den Betrieb der Anstalt mit zunächst 60 bis 65 Betten am 1. Mai n. I. zu eröffnen. Die Schulkommission hat für den biblischen Unterricht in der Oberstufe der Volksschulen und in der Quarta bis Obertertia der höheren Schulen neue Lehrpläne fertiggestellt, die in nächster Zeit verteilt werden sollen. Annähernd 100 Kinder wurden im Berichtsjahre in kleinen westfälischen Ortschaften mit Religionsunterricht versorgt. Zu weiteren Leistungen, die recht nötig gewesen wären, reichten die Mittel nicht aus. Von unseren öffentlichen Volksschulen ist unter dem eben erst in Kraft getretenen Schulgesetz noch keine behelligt worden. Im Gegenteil, es sind zwei neue hinzugekommen: in Lünen und dem nicht zu uns gehörenden Herne, und noch einige andere Volksschulen Haben die beste Aussicht, in öffentliche umgewandelt zu werden. Unser Jahresabschluß stellt sich danach wie folgt: Die Einnahmen des Jahres betrugen 3638,20 Mark, die Ausgaben 3083,39 Mark. — Darmstadt, 22. Juni. Die Strafkammer verhandelte am 19. d. M. gegen den jüdischen Lehrer S. G. zu H. wegen Uebertretung des § 360 Absatz 8 des Strafgesetzbuches. G. hatte bei einer Be. erdigung zu Dornheim im Großherzogtum Hessen eine Kleidung getragen, welche der Amtstracht der evangelischen Geistlichen ähnlich war, nur daß er die weißen Bäffch.en weggelassen hatte, und statt eines viereckigen ein rundes Sammetbarett trug. Der Angeklagte war auf Anzeige der geistlichen Behörde wegen Uebertretung des obengenannten Paragraphen, nach welchem strafbar ist, „wer unbefugt eine Amtskleidung trägt", angeklagt, von dem zuständigen Schöffengericht aber, wie von uns seinerzeit gemeldet, freigesprochen worden. Dagegen hat die Anklagebehörde Berufung eingelegt und heute gelangte die Sache vor der Strafkammer zu erneuter Verhand° lung. Der Angeklagte beruft sich darauf, daß es sein Recht sei, dieses Ornat zu tragen, das seit einer langen Reihe von Jahren in den jüdischen Gemeinden aller religiösen Richtungen eingebürgert sei.