Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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drolligen Geschichte des verliebten Marquis de> St. Roquiere, der ihr über den Kanal nachgereist war, und des Kammermädchens, das er einmal für die Herrin gehalten; des Diamantenhatsbandes, das der Rajah von Singapore ihr verehrt und.das ihr aus einer Gesellschaft in San Francisco gestohlen wurde und von dem dann die einzelnen Steine in einem Trödlerladen in New Orleans wieder gefunden wurden. Trotz des Glanzes all dieser Dinge drängte sich immer .wieder die Ueberzeugung in ihm auf, daß Wonne und seine verlorene Geliebte eine Person sei. Einen solchen Heiligenschein goldenen Haares, dazu diese pikanten dunklen Augen gab es nur einmal. Die Wonne, die er durch die billigen Illustrationen der Zeitungen kennen gelernt, hatte der Farbe entbehrt und deshalb nicht so auf ihn gewirkt. Aber nein, nein, der Gedanke war zu verrückt. Diese strahlende Berühmtheit seine verlorene Gittel! Bah! Das Elend hatte ihn kindisch gemacht. Goldwaters Unternehmen war ja allerdings sehr erfolgreich gewesen, ob-, wohl er damals so bescheiden in einem gemieteten Saale in Spitalsields angefangen hatte, aber sein Ruhm beschränkte sich doch ausschließlich auf die Ostfeite Londons und das Judenviertel. Und Gittel! Wie sollte das dunkle kleine Lichtchen des Londoner Ghetto-Theaters nun zum Stern von Paris und New Jork geworden sein? Diese Fasten haltende Dame und die kleine polnische Jüdin, die in alten glücklichen Zeiten sooft Mazzes an seinem Tische gegessen hatte. Dieses vergoldete Idol sollte eins sein mit der armen Gittel, die er geliebkost hatte! „Haben Sie diese Wonne Rupert einmal gesehen?" frug er seine Nachbarin, ein pockennarbiges, brillentragendes junges Weib, die als Rekordmacherin der Werkstätte sich geweigert hatte, an dem Streik teilzunehmen, der es durchsetzen wollte, daß die Tagesarbeit nur 150 Kisten betragen solle. . Die junge Frau zog gerade ein Messer aus dein neben ihr stehenden Holzeimer, schabte damit hurtig eine rauhe Stelle glatt und antwortete dann: „Nein, aber ich glaube, daß es die Schauspielerin ist, die all die Blumen bekommt und nicht dafür bezahlen will." Er begriff sofort, daß sie die zwei Prozesse miteinander verwechsle, aber diese Beschreibung schien ihm trotzdem ganz auf Gittel zu passen. Ja, sie hatte stets die Blumen des Lebens gepflückt und nicht dafür gezahlt. Ach, sie hatte stets eine satanische Klugheit und einen unbegrenzten skrupellosen Ehrgeiz gehabt. Wer hätte dieser Natur Banden aufzuerlegen vermocht? Sie hatte ihn benutzt und ihn dann von sich gestoßen — ohne auch nur ein Wort des Bedauerns oder auch nur der Erklärung für ihn zu haben. Sie hatte ihn abgeschüttelt so leichten Sinnes, wie er sich nach der Tagesarbeit den schmutzigen Kleister von den Händen wusch. Was für ein anderer frommer Philantrop nahm heute seine Stelle ein? Wohin war sie geflohen? Warum nicht nach Paris, um dort ihr theatralisches Talent auszubilden? Dieser Schick, dieses alle bezaubernde Wesen, um dessen willen man Wonne pries, waren es nicht Eigenschaften, die Gittel auszeichneten? Hatten ihre Heldinnen nicht ihrer Zeit den ganzen Ghetto entzückt? O, aber all das war Unsinn, war ein wilder Tagestraum, der sich verflüchtigte wie die Rauchringe der Ivette Rupert-Zigarre! (Fortsetzung folgt.) -MWMv SxreHsaal. Herr Redakteur! s wird die Schuld Ihres Korrektors, und nach dem talmudischen Grundsätze 2*78 ■■bttMfflbtP Ihre eigene Schuld sein, / wenn mich Hoffmanns „Leviticus" nicht von der Haltlosigkeit der Graf-Wellhausenschen Hypothese überzeugt. Es gibt in der Tat keinen stärkeren Beweis von der Berechtigung der Bibelkritik als meine Erfahrungen mit dem Abdruck meiner Aussätze in Ihrem geschätzten Blatte. Ich sage in meinem Aufsätze über Felsenthal, S. 127, daß die Synagoge der Sinai-Gemeinde im „Geschäftsviertel" lag. Ihr Setzer macht daraus ein „Gesellschaftsviertel". Wenn das überhaupt etwas heißt, heißt es jedenfalls etwas anderes, als was ich sagte. Ich nenne den Verfasser von „Rom und Jerusalem" bei seinem ehrlichen Namen „Moritz" Heß, aber an Ihrem Setzkasten sitzt ein enragierter Zionist, der gleich dem jüngsten zionistischen Biographen Heß den „Moritz" in einen „Moses" verwandelt. Allerdings hat Heß bedauert, daß er nicht Jtzig heiße, aber er hieß uii=. glücklicherweise einmal Moritz, und da ich, wie Sie wissen, streng konservativ bin, protestiere ich mit dem großen Meister Moses Sofer (Chatham Sofer, Eben Ha-Ezer II. Nr. 11) beigeren, daß man jemandem einen Namen erteile, der ihm nicht von der Wiege an beigelegt wurde, so sehr ich sonst mit diesem Zaddik und mit seinem Schüler Hillel Lichtenstein fll? Lemberg, 1880, p. 117 a) und mit dem Schwiegersöhne des letzteren,' Akiba Josef (^2vN 3*7 Ungvar, 1864, p. 21) übereinstimme, daß die Umwandlung eines Kalman in einen Karl oder einer Schoendel in eine Charlotte eine höchst gottlose Tat sei. Ihr Setzer mag ja mit dem Midrasch glauben, daß unsere Vorfahren aus Aegypten befreit wurden, weil sie ihre ehrlichen jüdischen Namen beibehielten und den Reuben nicht Rufus, den Jehudah nicht Julianus nannten (Schir Ha-Schirim Räbba, Par. 4, sä. Wilna, 28e; Bemidbar Nabba, Par. 32, ib. fol. 47b; Pesikta, e<1. Buber, 83b), aber er soll nicht so weit gehen wie seinerzeit ein königlich preußischer Landrat, der einen Vater dazu zwingen wollte, seinen Sohn Moritz als Mansche zu registrieren („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1841, p. 731), sondern sich mit der milderen Praxis des Warschauer Polizeipräsidenten begnügen, der auf Grund des Gesetzes vom 23. April 1893 verlangte, daß die Juden auf ihren Firmenschildern die in den Geburtsregistern eingetragenen Namen beibehalten müßten (ib. 17 /29. August 1893). Ihr Bevollmächtigter war aber damit nicht zufrieden, mich reaktionärer als einen russischen Polizeipräsidenten und einen Orthodoxen der Preßburger Schule zu machen: er will sogar zwischen mir und meinen Freunden Unfrieden säen, indem er das Gehalt des Chicagoer Predigers Dr. Emil G. Hirsch von 18 000 Dollar auf 17 000 herabseht. Ist das auch Frömmigkeit, so dem göttlichen Gebote (Dent. 24, 14) zuwiderzuhandeln? Nun bedenke man, daß mein Aufsatz mit der Maschine geschrieben war, und daß, wie ich mich aus der Kopie überzeugte, die 18 000, Dollar und der Moritz Heß an Deutlichkeit nichts zu wünschen' übrig ließen. Ist es denn so unwahrscheinlich, daß irgendein Nachfolger Ezras an dem 16. Kapitel von Leviticus ein wenig herumgeflickt hat? Ich zeichne mit meinem vollen Namen, der in einer jüdischen Zeitung ebenso wie in einem Scheidebriefe nach Moses Sofer (Eben Ha-Ezer, II, Nr. 37 bis 38; Eleazar Horwitz, Jad Elazar, Nr. 58) seine Berechtigung hat, als Ihr ergebenster Cincinnati, 2. April 1908. Gotthard Deutsch. * In dem zweiten Teil des Aufsatzes „Ein neues Religionsbuch" haben sich einige Druckfehler eingeschlichen. ' . Es ist zu lesen: S. 198, Spalte 2, Zeile 30 von oben: statt am Sabbat und Festtagen — a n Sabbat und Festtagen. S. 198, Spalte 2, Zeile 3 und Zeile 17 von unten’• statt von d e m Pirke Aboth — von den Pirke Aboth. ■ , Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.